Konzert im Velodrom

Rammstein lässt es in Berlin krachen

Wenn die Musiker von Rammstein kommen, wird es düster, sehr düster. Und so kam am Freitagabend die Dunkelheit auch ins Berliner Velodrom. Es wurde gegurgelt und gebrüllt, Puppen regneten von der Decke, Streitäxte kamen zum Einsatz. Doch die Konzertbesucher füchteten sich nicht.

An dieser Stelle möchten wir es nicht versäumen, Rammstein zur Zensur zu gratulieren. Es wird immer mühseliger, indiziert zu werden. Das Musikgeschäft ging auch schon besser. Nur für Rammstein läuft es prächtig: 15 Jahre hat die Bundesprüfstelle gebraucht, um die Berliner ernst zu nehmen. Lieder über Lustmord, Inzest, Kannibalismus hat die wachsame Behörde bisher durchgewunken, nun aber zwei Lieder über einvernehmlichen Verkehr für Minderjährige verboten. Pünktlich zum Tourneeauftakt in Spanien und zum Durchmarsch ihres Albums „Liebe ist für alle da“.

Die Heimkehr gleicht einem Triumphzug. Das Berliner Velodrom ist an vier Abenden ausverkauft. Auch Kinder wünschen den Geächteten viel Glück, sie werden keineswegs enttäuscht.

Die Aufführung beginnt, bis auf die Handylichter, in totaler Finsternis. Mit Streitäxten und Schneidbrennern brechen die Künstler durch die Bühnenwände, um ihr „Rammlied“ anzustimmen. Sechs Fabrikarbeiter, die vergessen wurden, als die Werke schlossen und die alten Industrien verschwanden. Boten aus dem Untergrund, denn auch der Underground ist längst für alle da.

Brandpfeile werden ins Publikum geschossen

Till Lindemann trägt eine Federboa zur blutroten Metzgerschürze. Seine Gitarristen haben sich für Ledermantel oder Lederschurz entschieden. Es ist alles da: Transformatoren sprühen Funken, Scheinwerfer errichten einen Lichtdom, Babypuppen werden stranguliert, das Waldhorn bläst zur Jagd, der Tastenmann fährt Schlauboot auf den Zuschauern. Nein, selbst der Narr fehlt heute nicht, er wird wieder misshandelt und bedient das kümmerliche Instrument im Hintergrund, die Keyboards.

Christian „Flake“ Lorenz ließ sich bei den Auftritten zuvor vertreten von Alf Ator von Knorkator. Viren hatten ihn außer Gefecht gesetzt. Im Jahr 2000 war Knorkator bundesweit als Rammstein-Parodie im Fernsehen aufgefallen, als Alf Ator zu „Ick wer zun Schwein“ sein Instrument zertrümmerte. Schon 1994, als man Rammstein hinter Maschendraht flambiert in kleinen Clubs bestaunte, war nie klar, wo Rammstein aufhörte und „Rammstein“ anfing. Heute sind nur die Theatersäle größer.

Aber Flake ist genesen, und so wird der schmächtige Brillenträger in der Badewanne eingeäschert, muss im Glitzeranzug wieder auferstehen und den ewigen Moonwalk auf dem Laufband üben, während sich die Band mit breiten Brüsten feiern lässt.

Dabei wird wieder einiges geboten: Lindemann, der sich beim Singen auf den Schenkel schlägt und immer irgendwie bekümmert in die Massen blickt, ist auch geprüfter Sprengmeister. Er trinkt aus Zapfsäulen, zündet Statisten und sich selber an, schießt Brandpfeile ins Publikum. Denn: „Willst du dich von etwas trennen, musst du es verbrennen!“

Deutschland sieht in Rammstein ein Problem

Trennen möchte sich die Band von Vielem. Vom traditionellen Rockkonzert mit Ansprachen und Volksnähe, am Ende wird nur kratzfüßig gedankt. Von engagiertem Liedgut. Und vor allem von der üblen Nachrede. Gegen Verbrüderungen hilft das Mitmachlied „Du willst“ und gegen ideologische Verdächtigungen das Erklärlied „Links 2 3 4“. Hierzulande dient Deutschtümelei als Vorwurf gegen Rammstein, außerhalb als Argument für Rammstein.

Deutschland sieht in Rammstein ein Problem, das Ausland sieht in Rammstein deutschen Pop. Mit Metal-Märschen, Stechschritt, „Blitzkrieg“, „Bratwurst“, „Schlagbaum“. Mit sechs Menschmaschinen auf der Bühne. Drei Kanonen feuern farbiges Konfetti in die Halle, schwarz, rot, golden. Man erinnert sich an die WM 2006, an die Perücken und die Fähnchen, an den albernen Patriotismus und kann sich endlich laut darüber lachen. Es gibt Rammstein-T-Shirts für Europa, auf denen steht „Ready For Sauerkraut“ oder schlicht „Germany“.

Zensur hat Rammstein erst vollendet

Die Schlagworte stammen aus „Pussy“, und dazu verschießt ein mannshohes Gemächt Papierflocken. Was bei entspannten Völkern Fruchtbarkeit symbolisieren würde, wird im Velodrom als öffentliches Ärgernis begrüßt und bei der Bundesprüfstelle bekämpft. In Lissabon und Barcelona haben Rammstein noch „Ich tu dir weh“ gespielt, das indizierte Lied über bizarren Sex mit Stacheldraht und Nagetieren. In Berlin ersetzen sie es durch „Rein Raus“ vom Album „Mutter“.

Es herrscht grenzenlose Freude. In der Halle die verschworene Gemeinschaft. Draußen alle Ahnungslosen, unter ihnen Bundesministerin Ursula von der Leyen, der das alles zu verdanken ist.

Man kann auch sagen: Die Zensur hat Rammstein, das Projekt des Ostpunks im vereinten Deutschland, erst vollendet. Als „ästhetische Rache Ostdeutschlands am Westen“, wie der „Spiegel“ neulich schrieb. Seither bleibt das begleitende Getöse nicht mehr hinter dem Konzertkrawall zurück. 90 Minuten lang, im üblichen Format der deutschen Abendunterhaltung, nur effektvoller. Till Lindemann tritt ab als Engel, dabei fängt er Feuer und verglüht.

Weitere Rammstein-Konzerte im Berliner Velodrom: 19., 20. und 21. Dezember 2009, 20 Uhr