Berlin-Konzert im Astra

Gegen Peaches sieht Lady Gaga alt aus

Die kanadische Sängerin Merrill Nisker alias Peaches, Wohnort: Berlin, ist womöglich tatsächlich 40 Jahre alt. Doch ihre neue Rock-Show bringt „I Feel Cream", die sie jetzt im ausverkauften Astra zeigte, weist Pop-Mädchen wie Lady Gaga noch immer in die Schranken. Ihre Provokationen sind aggressiv, sexy, originell, unverschämt - und dabei klingen sie auch noch gut.

Sie war bereits die provokanteste Lady im Musikbusiness, als Lady Gaga noch eine Zahnspange trug. Madonna vollführte zu ihren Beats ihr Guerilla Workout und Männer konnten sich immer nicht entscheiden, ob sie sie nun scharf oder eher verdammt beängstigend finden sollen. Die Kanadierin Merrill Nisker alias Peaches tauchte Anfang des Jahrzehnts mit ihren „The Teaches of Peaches“ erst in Berlin, später gefühlt überall auf und machte den Electroclash zum Sound der Stunde.

Peaches wedelte auf der Bühne mit allerhand Sexspielzeug und unrasierten Achseln. Sie brach mit allen Geschlechterklischees und Stereotypen, sie war unberechenbar und ihre Live-Shows provokante Offenbarungen. Sie nahm in den nächsten Jahren zwei weitere Alben auf, ihre Shows waren immer noch eine Sensation, aber die Musik klang inzwischen eher wie ein Aufguss der altbekannten Rezeptur. Doch Peaches’ aktuelles Album „I Feel Cream“ ist wieder eine Entdeckung: Die ewige Electroclash Sprechsängerin hat ihre Stimme entdeckt, sie singt darauf aus voller Kehle zu heißkaltem R&B, krachendem Rock, funkelnder Eurodisco und den besten Beats, die je im Namen des Pfirsichs veröffentlicht wurden.

Live ist sie natürlich immer noch so toll wie eh und je, vielleicht ebenfalls einen Funken besser. Bei ihrem Konzert im Astra gab es durchaus Überraschungen. Und das war nicht mal unbedingt die ständig wechselnde Oberbekleidung der, es ist unfassbar, inzwischen 40jährigen Sängerin. Natürlich trat sie wieder in schräger Montur auf: Zu Beginn des Gigs trug sie einen schwarzen, riesigen Krähenkopfschmuck, ihre Begleitband Sweet Machine war unter Latexmasken versteckt, neben der Frontfrau thronten zwei Go-Go Tänzer in Unterwäsche und blonden Rastaperücken. Natürlich zog sich Peaches auch im Laufe des Abends immer mehr aus, äh, um – einmal trug sie eine rotes Kostüm, in dem sie aussah, als sei sie direkt von Tim Burtons „Alice im Wunderland“- Set geflohen.

Sie trägt immer noch die schrägste Vokuhila Frisur ever, sie schwingt einen Leuchtstab, singt ihre Keyboarderin mit „Shake Your Tits“ an und ihre Energie ist eine Naturgewalt. „Why don’t you talk to me?“ schreit sie bei „Talk to me“ ihren Lover an, und man ahnt, dass man mit dieser Lady besser keinen Rosenkrieg anzettelt. dabei hat sie, die nächste Überraschung, auch eine sanftere Seite: „Lose you“ ist ein ätherischer, sanfter Track mit einem wunderbaren Bass. Peaches schreckt vor keiner noch so abgeschmackten Rockgeste zurück: Sie schwingt das Mikrofonkabel, sie fasst sich in den Schritt, spielt Luftgitarre, sie wirft sich stagedivend ins Publikum und schließlich will sie über die erhobenen Hände des Publikums laufen. Gesagt, getan. Das Konzert war eine Lektion darin, dass Provokation auch klasse klingen kann und dass Imitatoren wie Lady Gaga, trotz jungen Alters, gegen soviel originelle Power bereits ganz schön alt aussehen.