Komische Oper

In "Lear" haben Verbrecher gut Singen

Hans Neuenfels inszenierte an der Komischen Oper den "Lear" von Aribert Reimann. Sonst immer für eine Provokation gut, kommt er dieses Mal ganz ohne aus. Der in Berlin lebende Theatermacher zeigt das musikalische Meisterwerk nach Shakespeare als einen Krimi der Selbstsüchtigen.

Foto: Amin Akhtar

Das gibt es also noch: das große musikdramatische Wundertheater, gestopft mit Klagerufen und zum Himmel dampfendem Mitleid. In seinem "Lear", einem musikalischen Meisterwerk nach Shakespeare, vor mehr als dreißig Jahren entstanden und jetzt von der Komischen Oper triumphal wieder in Erinnerung gebracht, setzt der Berliner Komponist Aribert Reimann unerbittlich die Erkenntnisfolter in Gang, die alle bitteren Wahrheiten über das Menschsein frei setzt: die Blindheit und die Bösartigkeit, die Liebe, die Selbstsucht, den Hass. Am Ende stapeln sich die Leichen geradezu auf der Bühne.

Reimanns Musik hat sie durch ihr schauerliches Leben geleitet. Sie hat mit immer erneut überwältigenden Mitteln gezeigt, welcher Wahrheit und Wirkung sie fähig ist, wenn sie sich nicht einkastelt in kompositorische Dogmen, sondern der frei schweifenden musikalischen Phantasie Tür und Tor öffnet.

Ein Orchesterklang voller Farben

Mitleid und Erschrecken klingen in immer neuen, schier unerschöpflichen Farben anklagend und beklagend aus dem Orchester herauf. Carl St. Clair leitet es mit unerbittlicher Konsequenz. Es ist, als sei Shakespeare höchstpersönlich unter die Komponisten gegangen. Geradezu rauschhaft und voller tiefem Verständnis für die wechselnden dramatischen Situationen hat Reimann seine Noten gesetzt. St. Clair wandelt sie um in vielfarbig faszinierenden Klang: eine Denkwürdigkeit. Mehr noch: eine unverlierbare Nachdenk-Würdigkeit.

Claus H. Henneberg hat das Libretto erarbeitet. Es nimmt Shakespeare beim Wort und schließt das Werk überzeugend zu zwei annähernd gleichen Teilen zusammen. Es zeigt nichts anderes als den Absturz des Menschen aus sträflicher Überheblichkeit hinab in Verbrechen und Tod – und dies zu allem Überfluss auf vollkommen nackter Bühne. Nirgends kann sich ein böser Gedanke verstecken. So will es Hans Neuenfels, der wieder einmal wahrhaft geniale Regisseur.

Verbrecherische Königstöchter unter lustigen Hütchen

Hansjörg Hartung hat ihm die kahle Bühne gebaut, in deren Hintergrund gelegentlich die gespenstischen Videos von Ayse Buchara aufflammen: dahinwimmelndes Gewürm, blutende Folterspuren, Schrecken in Weiß. Elina Schnizler hat die Kostüme beigesteuert zum mordlustigen Puppenspiel. Die verbrecherischen Königstöchter - machtgierig sind sie beide unter dem lustigen Hütchen ebenso wie im Gitterkäfig des repräsentativen Herrscherkleides. Sie spielen mit ihren Hunden und ihren Puppen, wenn sie nicht gerade mit Gift und Dolch gegeneinander im Gange sind. Es ist allein schon ein Wunder der Aufführung, wie viele geradezu sensationell darstellungsmächtige Sänger sie rund um Tómas Tómasson als Lear zu versammeln verstanden hat.

Tómasson wirkt reichlich jung für die Titelpartie, dafür aber ist er im Vollbesitz seiner Singkunst. Sie atmet mit jedem Ton Lebendigkeit, Sachverstand, Hingabe – und sie klingt wahrhaft königlich. Sie findet an diesem Abend überdies viele gleichrangige Partnerinnen und Partner.

Nach der guten alten englischen Devise "Ladies first" (auch wenn sie nicht gerade von Shakespeare stammt, der selbst seine herausforderndsten Frauenrollen mit Schauspiel-Boys zu besetzen hatte) muss hier nachdrücklich von Irmgard Vilsmaier und Erika Roos die Rede sein: wahren Kraftbrocken der Oper, die ihre Böse-Schwestern-Partien buchstäblich hinzu zu kartätschen verstehen. Sie sind einander voll ebenbürtig in der Stoßkraft des Singens wie an der saftigen Voluminosität des Seins. Sie machen sich unvergesslich.

Wunderbar aber auch die ranke, schlanke Stimmschönheit von Caroline Melzer, die sich als Lears unverlogene Tochter Cordelia in den gewaltsamen Tod hinüber singt. Und da ist natürlich die Sprecherin, die aus dem Narrengewand in das schaurige Todesrippenkostüm hinüberschlüpft: Elisabeth Trissenaar, die genialische Schauspielerin. Selbst wenn sie schweigend beiseite steht, weiß sie sich dennoch im Zentrum des allgemeinen Interesses.

Reimann wird am Ende gefeiert

Die Männer stehen in der Aufführung durchaus nicht hintan. Jens Larsen ist mit erschütternder Größe der geblendete, aber nach wie vor stimmlich herrscherliche Gloster an der Hand seines halbnackten, in die Einsamkeit hinausgestoßenen Sohnes Edgar, dem Martin Wölfel seinen biegsamen Counter-Tenor leiht. Sein mörderischer Bruder und Gegenspieler ist der durchaus zu fürchtende John Daszak. Gerade die Sünder, die Verbrecher haben bei Reimann gut Singen. Das mischt der Aufführung insgeheim einen Krimi-Charakter hinzu.

Am Ende küsst sich der dankbare Reimann entschlossen durch die Reihen der Mitwirkenden und lässt dabei nur die hervorragende Komparserie des Hauses aus und die Chorsolisten. Dennoch muss ihn Hans Neuenfels mit liebender Hand wiederholt aus dem Kussgefecht ziehen und dem jubelnden Publikum zuwenden. Schließlich haben ja auch die Zuhörer unüberhörbaren Anteil an Reimanns triumphalem Erfolg.

"Lear" ist eine der erfolgreichsten deutschen Opern des 20. Jahrhunderts, stammt von Aribert Reimann (73). Dietrich Fischer-Dieskau sang die Titelrolle bei der Uraufführung 1978 in München. Die Beteiligten an der Komischen Oper: Tómas Tómasson (Lear), Jens Larsen (Graf von Glosert), Erika Roos (Regan), Hans Neuenfels (Regie), Carl St. Clair (Dirigent) und Hansjörg Hartung (Bühnenbild).

Komische Oper, Behrenstr. 55-57, Berlin-Mitte. Tel.: (030) 47997400. Nächste Vorstellungen: 27. November; 5., 18. u. 27. Dezember.

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