Bühne

Es dreht sich alles um den Tanz

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Frank Weigand

Brigitte Führle bleibt dem Thema Wiedervereinigung treu. Auch in ihrem kommenden Projekt widmet sich die künstlerische Leiterin der "Spielzeit Europa" der Friedlichen Revolution von 1989. Diesmal aber mit dem Mittel des Tanzes.

Brigitte Fürle sitzt im oberen Foyer des Hauses der Berliner Festspiele. Sie spricht leise, ruhig und konzentriert, lässt sich ihre Müdigkeit kaum anmerken. Stadtpläne und ein kleiner Reiseführer ragen aus ihrer Handtasche. Die künstlerische Leiterin der "Spielzeit Europa" ist gerade zurück aus China.

Während sie an ihrem Kaffee nippt, erzählt sie stolz davon, dass sie auch in Peking immer wieder auf das "Riesen"-Spektakel der französischen Straßentheatergruppe Royal de Luxe angesprochen wurde. Die märchenhafte Parabel auf die deutsche Wiedervereinigung, die über zwei Millionen Zuschauer zu einem "Menschenmeer der friedlichen Revolution" auf die Straßen der Hauptstadt lockte, ist einer der größten persönlichen Erfolge der gebürtigen Wienerin. Dass es sich nach einem solchen "Kraftakt" nur schwer zur Tagesordnung übergehen lässt, liegt auf der Hand. Also warf die Festival-Chefin das in bislang zwei Spielzeiten erprobte Konzept eines Mischprogramms aus Sprechtheater, Installationen und Tanz über den Haufen, und widmet sich bis Mitte Dezember ausschließlich dem Tanz.

Inhaltlich gibt dabei der historische Umbruch den Rahmen vor: "Das 20. Jahrhundert hat mit dem Mauerfall einen ganz extremen Paradigmenwechsel erlebt. Daher setzt mein Tanzprogramm eine Art Schlusspunkt, an dem man sich fragt: ,Was war dieses Jahrhundert?". Berlin-Bezug und die Anbindung an eine Vergangenheit, die nun einer weitaus komplexeren und verwirrenderen Gegenwart weicht, bilden den roten Faden für das Programm der nächsten sechs Wochen.

So setzt sich das britische Enfant terrible Michael Clark in seiner Arbeit mit den Altrockern Lou Reed, Iggy Pop und David Bowie auseinander, die sich Anfang der 80er eine Wohnung an der Schöneberger Hauptstraße geteilt hatten. Auch Pina Bauschs legendäre Annäherung an Brecht/Weills "Die sieben Todsünden", lässt ein Berlin wieder aufleben, das es so nicht mehr gibt: die verruchte Welt der Cabarets der Goldenen Zwanziger.

Grenzbereich zum Musiktheater

Weitaus zeitgenössischer präsentieren sich die zwei geladenen Berliner Choreografinnen: Während Sasha Waltz mit "Jagden und Formen" und "Impromptus" zwei sehr erfolgreiche Arbeiten im Grenzbereich zum Musiktheater noch einmal dem Berliner Publikum zeigt, erarbeitet Nadja Saidakova, Solistin des Berliner Staatsballetts, gerade ihre erste abendfüllende Choreografie für die Bühne des Festspielhauses.

Ausgerechnet die Produktion, mit der Frau Fürle ihre "Tanzspielzeit" eröffnet, passt am wenigsten in dieses leicht bemühte historische Konzept: "Eonnagata", eine Kollektivschöpfung des kanadischen Theaterzauberers Robert Lepage, der Ausnahme-Ballerina Sylvie Guillem und des britischen Choreografen Russell Maliphant.

In traumhaft versponnenen Bildern huldigen die drei der historischen Figur des Chevalier d'Eon, einem französischen Kriegshelden und Spion des 18. Jahrhunderts, der die Hälfte seines Lebens in Frauenkleidern verbrachte. Frau Fürle begründet die Einladung dieses Werks jenseits der Genregrenzen durch ihre lange Verbundenheit mit der Arbeit von Robert Lepage: Bereits Anfang der 1990er-Jahre lud sie die ersten abendfüllenden Stücke des exzentrischen Experimentators nach Wien ein und trug dazu bei, ihn im deutschen Sprachraum bekannt zu machen.

Zusammenarbeit mit Sasha Waltz

Frau Fürle sieht sich selbst nicht als bloße "Einkäuferin" von massentauglichen Spektakeln, sondern vor allem als "Ermöglicherin" von Projekten, die sonst niemals in Berlin zu sehen wären. So werden Sasha Waltz' bahnbrechende Zusammenarbeit mit dem Ensemble Modern "Jagden und Formen" und ihre tänzerische Annäherung Schuberts "Impromptus" in direkter Kooperation mit der Company Sasha Waltz & Guests auf die Bühne gebracht: "Wir ermöglichen gemeinsam die Einladung einer kostspieligen Produktion, die aus finanziellen Gründen sonst nicht mehr gezeigt werden könnte." Dieser Beginn einer Zusammenarbeit mit der derzeit bekanntesten deutschen Tanzschöpferin wird seinen Höhepunkt in der nächsten Spielzeit finden, wenn Sasha Waltz eigens für das Festspielhaus eine neue Produktion kreieren soll.

Für Frau Fürle ist das Festspielhaus nicht nur ein idealer Raum für große Produktionen, - er ist vor allem auch eine Möglichkeit für Berliner Künstler, ihre Arbeit einmal in einem anderen Kontext zu zeigen: "Nadja Saidakova hat bei uns die Möglichkeit, für eine Zeit lang aus ihrer Rolle der Solistin am Staatsballett herauszutreten und ein ganz neues Publikum zu erreichen. Und so etwas ist sehr wichtig für eine künstlerische Entwicklung."

Infos unter www.berlinerfestspiele.de