Zweite Mauer-Radtour

Für Tilda Swinton ist diesmal alles anders

Vor 21 Jahren ist die britische Schauspielerin Tilda Swinton für einen Film einmal um die Berliner Mauer gefahren. Jetzt hat sie es wieder getan - für "The Invisible Frame". Einen Tag vor dem Mauerfalljubiläum feiert der neue Film seine Berlin-Premiere, in Anwesenheit der Darstellerin.

Foto: Frieder Schlaich/ZDF

Oft steht die Radfahrerin verloren im Grünen, an einer Kreuzung, den Stadtplan in der Hand und schaut hilflos hierhin und dorthin. „Wo ist sie? Wo ist sie hin?“ Aber von der Berliner Mauer ist weit und breit nichts zu sehen. „Wo bin ich?“ fragt sie sich auch später noch einmal: „Bin ich im Osten? Bin ich im Westen?“ Und schließlich die wichtigste Frage: „Ist das noch von Bedeutung?“

Die Dame mit dem kurzen, weißblond gefärbten Haar ist Tilda Swinton, ihres Zeichens Schauspielerin und seit vergangenem Jahr auch Oscar-Preisträgerin. Vor 21 Jahren ist die Engländerin, als sie noch lange rote Haare hatte und weithin unbekannt war, schon einmal in Berlin auf ein Fahrrad gestiegen. Und ist für einen Film ihrer Landsmännin Cynthia Beatt an der Berliner Mauer entlanggeradelt. „Cycling the Frame“ hieß der halbstündige Filmessay, mit dem zwei Fremde mit dem Blick von außen die Situation der geteilten Stadt buchstäblich er-fahrbar machen wollten. 160 Kilometer, immer „anne Wand lang“. Tilda Swinton radelte vorbei an Wachtürmen, Absperrungen, Todesstreifen und Zonengrenzschildern. Und immer und überall war da die Mauer, mal in nacktem Grau, mal in buntem Graffiti. Selbst im schmucken Lübars blitzt sie im Hintergrund durch all Wiesenidyll hervor. Ein steter Schock. Und obschon omnipräsent, stellte die Radlerin fest, dass alle im Westen so taten, als sei sie gar nicht da, „als ob man auf einer Insel lebt und das Meer ignoriert.“ Und einmal summt sie fantasierend: „Oh Mauer, Mauer, schöne Mauer / Es wäre komisch, wenn du fielest / Und Menschen über dich schreiten könnten.“

Seit jenem Sommer 1988 ist Tilda Swinton lange nicht mehr hier gewesen. Sie hat nicht miterlebt, wie ihre Vision Wirklichkeit geworden ist. Erst als Präsidentin der Berlinale-Jury im Februar dieses Jahres war sie einmal wieder länger vor Ort. Und erkannte „ihre“ Stadt nicht wieder. Umso erfreuter sagte sie spontan zu, als Cynthia Beatt ihr das Angebot machte, noch einmal die alte Strecke abzufahren. Ein Film-Remake, wenn man so will. Allerdings eines, bei dem der zweite Hauptdarsteller, die Mauer eben, durch Abwesenheit glänzt. Das Rad der Zeit, mit Swintons Drahtesel ganz wörtlich zu verstehen.

Diesmal ist fast alles anders

Morgen, einen Tag vor dem Mauerfalljubiläum, feiert der neue Film, der nun „The Invisible Frame“ heißt, seine Berlin-Premiere, in Anwesenheit der Regisseurin und ihrer Darstellerin. Wieder radelt Tilda Swinton hier am Anfang von der Siegessäule her aufs Brandenburger Tor zu, wieder biegt sie nach links ab. Wieder greift sie in einem See nach den Fischen und pflückt Blumen auf einer Wiese. Aber sonst ist fast alles anders. Schon gleich am Anfang das Reichstagsufer mit seinen neuen Bundesbauten etwa. Der Potsdamer Platz, wo damals ein großes, ödes Loch klaffte. Mal steht noch ein Hochstand, von dem aus man früher nach drüben, über die Mauer blicken konnte. Aber die Mauer fehlt. Jetzt sind es Gedenktafeln und Mahnmale, die an die Vergangenheit erinnern. Die wenigen Mauerblöcke, die noch in der Bernauer Straße oder vor der Topographie des Terrors stehen, sind museale Orte. Dafür gibt es nun absurderweise Absperrungen, wo früher keine waren. Und irgendwo im Grünen steht einmal auch ein Stück Mauer selbst hinter Gitter, wie ein seltenes Tier im Zoo.

Swinton folgt der Doppelreihe von Pflastersteinen, die die einstige Todeslinie markieren – so sie nicht zugeparkt oder sonstwie versperrt ist. Und fährt dann auch mal auf die andere Seite. Dorthin, wo sie vor 21 Jahren noch nicht hin konnte. Auf die Potsdamer Seite des Wannsees etwa, ans Marmorpalais, das sie 1988 nur vom Boot aus betrachten konnte.

Die Filmkamera „fährt“ jetzt mit

Auch am Checkpoint Charlie steht sie auf der Ostseite und guckt auf dem ehemaligen Westen hinüber. Und am Ende landet sie wieder, wie einst, vor dem Brandenburger Tor. Aber diesmal geht sie, „Sesam öffne dich“ murmelnd, triumphierend durch das Tor hindurch. Eine Menge hat sich seither geändert. Berlin ist voller, ist touristischer geworden. Die Filmkamera „fährt“ jetzt quasi ständig mit, statt die Radlerin vom Straßenrand aus abzufilmen.

Tilda Swinton ist bekannter, ist berühmt geworden – und wird sogar auf der Straße erkannt. Sie spricht jetzt auch deutsch (das ist ihrem deutschen Liebhaber zu verdanken). Und doch gibt die Schauspielerin ein Fazit, das befremdlich und überraschend wirken mag: „Als diese Mauer hier stand, schien sie noch unsichtbarer als jetzt. Sie zieht meine Aufmerksamkeit auf sich wie nie zuvor. Man kann förmlich die Brutalität spüren, in der sie gebaut wurde.“

Das mag einen kleinen Misston, eine Dissonanz erzeugen bei all den Schalmeitönen zum derzeitigen 20-jährigen Jubiläum des Mauerfalls. Aber doch stellt es einen besinnlichen, nachdenklich stimmenden Beitrag dar: noch einmal das Ganze mit dem fremden Blick von außen wahrzunehmen. Und nicht zu vergessen, dass dieses Bauwerk keine historische Singularität beanspruchen kann. „Anderswo bauen sie wieder eine Mauer“, heißt es einmal in „Invisible Frame“. Im Nachspann wird der Film dem palästinensischen Volk gewidmet.