Berliner Spaziergang

Der Mann, der aus Fotos Geschichten zaubert

Besucher und vor allem die neu Zugereisten reden gern davon, dass in Berlin alles so "aufregend" sei. Wer aber sind die Menschen, die die Stadt so spannend machen? Einer von ihnen ist der Fotograf Thomas Demand. Er kann unerkannt durch Berlin schlendern und ist doch ein Star.

Treffen mit Thomas Demand. Er ist ein Weltstar. Einer, der unerkannt durchs KaDeWe schlurfen könnte, wenn er es denn wollte. Wo er auftaucht, kommt es nicht zu Zusammenballungen von Menschen. Er heißt zwar Thomas, aber nicht Gottschalk.

Der Demand, denke ich, hat es richtig gut. Er bleibt unbehelligt von Autogrammwünschen und von Blicken! In aller Welt wird er als einer der bedeutendsten zeitgenössischen Künstler gefeiert, aber in Berlin, wo er seit 14 Jahren lebt, müsste er sich auf den täglich stattfindenden "Ach-ist-das-schön-dass-wir-uns-mal-wiedersehen-Empfängen" von Schicki & Micki möglicherweise fragen lassen: "Und was machen Sie so beruflich ...?" Aber er geht da sowieso nicht hin.

Demand ist Fotograf, aber genau das ist er eigentlich auch nicht. Jedenfalls sieht er sich nicht als Fotograf, obwohl das Foto sein Ausstellungsmedium ist. Er "bastelt" die Bilder aus Pappe und Papier nach. Aber ein Modellbauer ist er auch nicht, zumal er die Modelle vernichtet, wenn er sie neu fotografiert hat. Er ist ein Reproduzent der Medien, ein Illusionist, ein Erinnerer, der uns bei unserem Vergessen zusehen lässt. Er kommt aus dem Epizentrum der Trivialität und erschüttert uns.

"Mein Weg war vorgegeben"

Wir treffen uns vor dem Hamburger Bahnhof. In einem alten Backsteingebäude einer früheren Lagerhalle auf dem Hof des langen Parkplatzes ist sein Atelier. "Ich bin gestern erst aus Australien zurückgekommen", erzählt er. "Der Jetlag macht mir keine Probleme. Früher ist man ja tagelang unterwegs gewesen, musste fünf Zwischenstationen machen, ein Albtraum." So ein Kosmopolit der Kunst kennt keinen Jetlag. Ist ja kein Tourist.

"Wenn Sie nicht Künstler geworden wären, was dann?", frage ich.

"Ich will und ich kann mir vor allem gar nicht vorstellen, was ich hätte werden können. Für mich ist das ein eher absurder Gedanke. Meine Eltern waren Kunsterzieher, ein Großvater und ein Onkel waren Architekten, eine Oma Pianistin - mein Weg war einfach vorgegeben. Ich hätte nie etwas anderes können können."

So hat er denn auch seine Schulzeit eher als ein organisiertes Programm zur Ablenkung seiner Ziele begriffen. "Ich war kein guter Schüler, weil mich eigentlich nichts als Kunst interessiert hat. Das System Schule habe ich nie begriffen. Und ich wusste überhaupt nicht, was die von mir wollten. Mathe war ein grausames Fach, Sport eine Tortur. Die Schulzeit war nicht erbaulich. Mogelte mich durch, fiel durch, schaffte es mit Hängen und Würgen beim zweiten Versuch. Ach ja, die Schule."

Kunst als Freund des Kommerzes

Positive Erinnerungen hat er allenfalls an den Kunstunterricht und auch daran, dass er mit seinen zeichnerischen Fähigkeiten Aufträge von Mitschülern bekam, für die er gegen Honorar Zeichnungen herstellte. Die haben dann für "ihre" Arbeiten gute Zensuren bekommen. Kunst und Kommerz - das waren und sind halt die Freunde fürs Leben.

"Sie waren schon in der Ausstellung?", fragt er.

Natürlich. Seine Ausstellung "Thomas Demand. Nationalgalerie" in der Neuen Nationalgalerie am Kulturforum lockt seit der Eröffnung im September Tausende an. Demand zeigt wirklich eine Galerie der Nation, etwa 40 Exponate vor dem Hintergrund des 60. Geburtstages der Bundesrepublik Deutschland und des 20. Jahrestages des Mauerfalls.

Jedes Motiv erscheint dem Betrachter vertraut. Da ist das türkisfarbene Badezimmer mit der Wanne, in der Uwe Barschel tot aufgefunden wurde. Barschel selbst ist nicht zu sehen, aber jeder denkt an ihn, wenn er dieses Bild sieht.

Bilder, die Geschichten im Kopf erzeugen

"Meine Arbeiten erzählen Geschichten - die Bilder dazu haben wir im Kopf. Wie dieses Bild der Barschel-Wanne. Der Vorfall hat ja einen politischen Skandal generiert. Ich kann darüber nichts erzählen, wie sich die Dinge zutrugen. Aber die Informationen, die dem Betrachter zu diesem Bild einfallen, vermischen sich mit seinen eigenen Erinnerungen dazu."

Da sind die leeren Stühle der früheren Bonner Regierungs-"Bank". Über Jahrzehnte konnte man die Regierung und das Rednerpult nur von wenigen Positionen des Bundestages aus fotografieren - darum hat sich die Optik bei Millionen eingeprägt. Der Kanzlerstuhl ist leer. Aber jeder erwartet, dass plötzlich Helmut Kohl Platz nimmt.

Der Künstler: "Ich schaue mir oft auf Phoenix Bundestagsdebatten von früher an - Helmut Schmidt, Herbert Wehner, Franz Josef Strauß. Irgendwann ist mir aufgefallen, dass es für die Kameras nur drei Blickwinkel gab. Die Totale von links, einmal von rechts oben und den Blick ins Plenum. Diese Reduzierung hat aus dem alten Bundestag eine Ikone gemacht. Die Kanzler kamen und gingen, aber ihr Stuhl blieb. Im Berliner Reichstag kann man von allen Seiten fotografieren, was einerseits schön ist, aber andererseits wirkt die Macht an diesem wichtigen Ort zerfasert."

Ein Mann vom Land

Die Künstler, die man ihm in der Schule nahegebracht hat, waren noch die Impressionisten, auch Picasso natürlich. Als Jugendlicher hatte er bei den Eltern eines Schulfreundes seine erste Begegnung mit den Werken von Beuys. "Beuys machte mich völlig ratlos. Ich habe nicht verstanden, was das sollte, aber ich wusste, dass es bedeutend und nicht zum Spotten war."

Er ist auf dem Lande in der Nähe von München in einer 2000-Seelen-Gemeinde namens Schäftlarn aufgewachsen. "Es war schön, aber es war natürlich nichts los. Rumhängen, Biertrinken und Mopedfrisieren, mehr gab es da nicht." Das sind so die Orte, in denen schon Nieselregen als Zerstreuung gilt.

Da ist die gestürmte Berliner Stasi-Zentrale ("das Büro") mit wildem Dokumenten-Chaos auf dem Fußboden. Und die fast fünf Meter breite Waldlandschaft mit dem Titel "Lichtung", bei deren Anblick man glaubt, das (papierene) Laub rascheln zu hören.

Mit dem Camper durch Europa

"Ich zeichne", erzählt Thomas Demand, "seit ich fünf Jahre alt bin. Meine Eltern hatten einen dieser damals sehr modernen Camper, bei denen man noch mit einem Vordach zusätzlich Raum gewinnen konnte. Mit dem Ding fuhren wir kreuz und quer durch Europa. Und während meine Mutter mit meinen Geschwistern an den Strand ging, blieben mein Vater und ich zurück - und zeichneten alles, was wir so entdeckt hatten: Brücken, Viadukte, Kathedralen, Bahnhöfe. Wenn es stark regnete, verzogen wir uns in den Camper und malten weiter."

Wenn er heute an das Urlaubsmobil der frühen Jahre denkt, hat er immer auch seine Zeichnungen im Kopf. Da wird eine Assoziationskette in Gang gebracht. Ähnlich ergeht es den Besuchern der Demand-Ausstellung, in der auch das nachempfundene TV-Studio von Robert Lembkes Quotenhit "Was bin ich?" zu sehen ist. Ohne den Guido. Ohne Annette. Ohne den Staatsanwalt Sachs. Ohne Lembke und ohne Schweinderl. "Was bin ich?" - eine Frage des Menschen überhaupt.

Das Medium Fernsehen hat ihn schon in seiner Jugend fasziniert. "Schule schwänzen und dann vormittags das Schichtarbeiterprogramm des ORF empfangen, während die Eltern arbeiten waren. Herrlich!"

Es geht darum, Reibung zu erzeugen

Die ausgelegten kurzen Texte zu den Bildern stammen aus der Feder des Dramatikers Botho Strauß. Einer des Jahrgangs 1944 beschreibt die Werke eines Künstlers des Jahrgangs 1964. Andere Generation, konservativer. "Darum ging es mir: Reibung erzeugen, den Besucher auch zu eigenen Assoziationen ermutigen und nicht nur vorgefertigte Anleitungen an die Hand zu geben.

Abgesehen davon, was mancher an Vorurteilen über Botho Strauß mit sich rumschleppen mag - ich halte ihn für einen unglaublich guten Autor und doch weit genug von mir entfernt, um nicht als Interpret missverstanden zu werden. Die Zusammenarbeit war, glaube ich, war für beide Seiten Neuland, aber die Texte sind so genau und variantenreich und dann doch nicht illustrierend oder ein Kommentar geworden. Für mich ein echter Glücksfall. Ich habe ihn übrigens in der Schule gelesen, keine ganz untypische Erfahrung für den 64er-Jahrgang. Sein Stück ,Groß und Klein' war bei uns Pflichtlektüre."

Die Bildtexte von Strauß kommentieren oder erklären nicht die Werke Demands, sie schaffen vor deren Hintergrund völlig neue, assoziative Lesarten. Botho Strauß' Textwelt und Thomas Demands Bilderwelt - das ist eine aufregende Draufgabe zur Ausstellung, die generationenübergreifend auf Interesse stößt.

Kittelmann klaut Demant ein Ei

Demand hat Hunger. Zuletzt gegessen hat er was im Flieger aus Australien. Wir gehen zurück zum Hamburger Bahnhof, ins Restaurant "Sarah Wiener". Er bestellt sich ein Gourmetfrühstück mit viel Schnickschnack drauf. Und erzählt von der inspirativen Zusammenarbeit mit Udo Kittelmann. Mit dem Direktor der Nationalgalerie fühlt er sich freundschaftlich verbunden.

"Mit ihm kann man gemeinsam Kunst entwickeln", erzählt Demand. Zufällig taucht auch Kittelmann auf, der die Demand-Ausstellung in die Nationalgalerie holte. Kittelmann kommt nicht aus Australien, sondern aus London. Berichtet, dass er dort mit Vertretern der internationalen Kunst in einem wunderschönen Ambiente herrlich gegessen hat. Hunger hat Kittelmann eigentlich nicht, aber aus Zuneigung zu seinem Freund klaut er dem ein Ei und eine Scheibe Lachs vom Teller. Dann ist er weg, der Gourmet-Schnapper.

Grauschleier in Erinnerung

Seine ersten Berlin-Erfahrungen machte Demand als Teenager. War auch in Ost-Berlin, das ihm noch heute als einziger Grauschleier in Erinnerung ist. "Keine Farbe außer den wirklich schön abgemischten Trabant-Lackierungen."

Sehr wichtig ist für Demand die Idee, seine Ausstellung mit einer themenbezogenen Veranstaltungsreihe zu begleiten. Wissenschaftler, Künstler, Politiker, Journalisten und Zeitzeugen reflektieren über Aspekte der deutschen Kultur, Gesellschaft und Geschichte. Anschließend gibt es einen Dialog mit den Zuhörern. Am kommenden Mittwoch zum Beispiel sind die "Spiegel"-Gerichtsreporterin Gisela Friedrichsen und der Enthüllungspublizist Günter Wallraff eingeladen. Thema: "Tat und Nachricht - Worüber berichten und zu welchem Zweck?"

Haltestelle mit den Brüdern Kaulitz

Ich erzähle Demand, dass mich in seiner Ausstellung das Objekt "Haltestelle" besonders beeindruckt. Diese Haltestelle, die aussieht wie eine heimelige bayerische Jagdhütte, stand in Loitsche bei Magdeburg. Dort träumten die Brüder Bill und Tom Kaulitz von ihrer Karriere als Musiker. Die Stars der weltbekannten Band Tokio Hotel entwickelten hier die Vorstellung ihrer eigenen "blühenden Landschaft".

"Die Haltestelle", erzählt Thomas Demand, "gibt es nicht mehr. Sie war zu einer Pilger- und Kultstätte für Fans geworden und ging den Anwohnern deshalb ziemlich auf die Nerven. Die Gemeinde zersägte das Objekt und verkaufte die einzelnen Holzteile über das Internet an Fans. Von dem Geld wurde eine neue Haltestelle aus Glas finanziert, sehr steril ..." Dort wird niemand mehr von einer Weltkarriere träumen.

"Was bleibt von Ihren Werken nach der Ausstellung in Berlin?", frage ich.

Demand: "Ich."

Über Thomas Demand

Persönliches Geboren 1964 in München, aufgewachsen in Schäftlarn. Abitur, Studium an der Akademie der Bildenden Künste, München, dann Wechsel an die Kunstakademie Düsseldorf. Aufenthalte in Paris, Amsterdam, London und New York. Erste Einzelausstellung 1991 in Brüssel. Er gilt als einer der bedeutendsten Künstler der Gegenwart, lebt und arbeitet in Berlin.

Arbeitsweise Thomas Demand baut Pressefotos (hier der Ausstieg des 1977 von Terroristen entführten Lufthansa-Jets "Landshut") detailliert aus Papier und Pappe nach, die dann erneut fotografiert werden. Die "zweiten Fotos" sind Objekte, die Illusionen und Erinnerungen freisetzen.

Wichtige Stationen Repräsentierte Deutschland 2004 auf der Biennale, São Paulo. Ausstellung im Museum of Modern Art, New York (2005). Serpentine Gallery, London (2006). Fondazione Prada, Venedig (2007), Sprüth Magers Gallery, London (2008). Seine Werke finden sich im MoMA und im Guggenheim-Museum, New York, und der Tate Modern, London.Die Schau in der Neuen Nationalgalerie ist bis zum 17. Januar zu sehen.

Der Spaziergang Vom Hamburger Bahnhof über Invalidenstraße, Chausseestraße, Hannoversche Straße zum Hauptbahnhof.