Neues Museum

Jetzt ist die Museumsinsel wieder komplett

Zerstörung, Stagnation, Restaurierung - nach fast 70 Jahren wird am Freitag das Neue Museum in Berlin wiedereröffnet. Die Mammutaufgabe spiegelt auch deutsche Geschichte wider, meint Autor Christoph Stölzl.

Einst war alles Sumpf. Im 17. Jahrhundert kamen die kurfürstlichen Wasserbauer und zogen Gräben auf dem Gelände nördlich des Berliner Schlosses. Dann zogen die Gärtner ein, bauten Terrassen, pflanzten Blumenbeete und 700 aus Holland importierte Linden. Ein botanischer Garten und ein nützlicher Küchengarten wurden angelegt. 1658 aber baute Kurfürst Friedrich Wilhelm eine gewaltige Festungsanlage, und der Schlossgarten wurde zum Bollwerk Nr. 13.

Danach wuchs Berlin, die Mauern fielen, und bis 1713 erfreuten sich der König und seine Gäste an einem geometrisch-perfekten barocken "Lustgarten“. Der soldatenfreundliche König Friedrich Wilhelm I. machte aus der freundlichen Szene das, was ihm am liebsten war: einen Exerzierhof. Die Jahrzehnte vergingen. Erst im frühen 19. Jahrhundert beginnt die kulturelle Ausrichtung des Geländes.

Vom Schloss bis zur Spree

Der große Stadtplaner und Architekt Karl Friedrich Schinkel war es, der kurz nach den Befreiungskriegen, im Jahr 1817, einen Bebauungsplan für die Innenstadt vorlegte, in dem eine Gesamtplanung für den Blick vom Schloss bis zur Spree vorgesehen war. Aber aus diesem Lustgarten de luxe wurde nichts. Stattdessen baute Schinkel 1823-1830 dem Schloss zugewandt sein Meisterwerk, das heute „altes“ genannte Museum, und legte davor einen neuen Garten an. Das „Alte Museum“ machte aus Schloss, Dom und Zeughaus ein sinnreiches Ensemble: Macht und Militär, Religion und Bildung, die vier Fundamente des Preußentums, versammelten sich symbolisch in der Mitte Berlins.

Die Wandelhalle des Alten Museums stand nach Schinkels Idee symbolisch für den freien bürgerlichen Geist – aber der sollte den Anblick des Königtums nicht vergessen, man blickte auf das Schloss! Das Hauptgeschoss des Schinkelschen Museums war für antike Skulpturen reserviert, Gemälde gab es im Obergeschoss zusehen. Nur „hohe Kunst“ sollten an so herausragendem Ort gezeigt werden.

Schon zehn Jahre nach der Eröffnung hatten die Sammlungen derartigen Umfang angenommen, dass man über einen Neubau zu diskutieren begann. 1840 war Friedrich Wilhelm IV. auf den Thron gelangt. Er wünschte sich eine „Freistätte für Kunst und Wissenschaften“, in der die archäologischen, ethnographischen, die prähistorischen Objekte studiert werden konnten. Und der König interessierte sich auch für die Gegenwartskunst.

Der erste Schritt zum neuen Kulturzentrum war der Bau des „Neuen Museums“ durch den Architekten August Friedrich Stüler. Es war, dem Geschmack der Zeit folgend, mit überwältigenden Wandgemälden ausgestattet. Von der Pracht der Riesenformate Wilhelm von Kaulbachs ist heute wegen des Bombenkriegs fast nichts mehr erhalten – nur die germanischen Sagen im ehemaligen „Vaterländischen Saal“ lassen etwas von der Geschichtsbesessenheit des bürgerlichen 19. Jahrhunderts ahnen. Das neue Museum war ein Experimentierlabor der modernen preußischen Bautechnologie. Beraten durch den Industriellen Borsig schuf Stüler raffinierteste Eisen-, Gewölbe- und Mauerkonstruktionen. Ausgestellt wurden die altägyptischen Funde, die Abgüsse griechisch-römischer Skulpturen und mittelalterlicher Plastik: Es wurde die größte Sammlung dieser Art auf der Welt.

Galerie für die moderne Kunst

Für die damals „moderne Kunst“ Deutschlands baute Stüler 1866-1876 die „Nationalgalerie“. Sie spiegelt den kulturellen Idealismus der deutschen Reichseinigungszeit um 1870/71. Auf ihrem Giebel prangt „Der deutschen Kunst 1871“. Die Sammlung, die hier gezeigt wurde, geht auf bürgerliche Mäzene zurück. Und bis 1933 war es vor allem das preußische Bürgertum, das mit seinen Schenkungen die Bedeutung des Hauses wachsen ließ.

Zwischen dem Herrscherhaus, vor allem Kaiser Wilhelm II. und den fortschrittlichen Museumsdirektoren und Sammlern, kam es um 1900 immer wieder zu Konflikten über die Sammlungskonzepte – der Streit über die „wahre“ Kunst gehört ganz wesentlich zur Geschichte der Nationalgalerie. Erst seit den 1870er-Jahren bürgerte sich überhaupt der Begriff „Museumsinsel“ ein.

Und weiter wuchsen die Sammlungen in Berlin, nicht zuletzt durch die geschickte Politik des „Museumsgenerals“ Wilhelm von Bode, der die Großbürger des neuen Kaiserreiches zu märchenhaften Stiftungen animierte. 1896 begann man an der Spitze der Museumsinsel mit dem Bau des „Kaiser-Friedrich-Museums“ (heute Bode-Museum) zur Ehre des kulturfreundlichen preußischen Kronprinzen und seiner Frau Victoria, einer Tochter Queen Victorias von England Im Inneren erfand Bode eine raffinierte Mischung von Gemälden, Skulpturen, Kunstgewerbe und Einrichtungsgegenständen, um den kulturellen Zeitgeist zu spiegeln. Mittelalterliche, Renaissance- und Barock-Räume wurden so zu begehbaren Bühnen inszeniert.

Neue Heimat für die Nofretete

Als das Kaiser-Friedrich-Museum 1904 eröffnet wurde, war es schon wieder zu klein für die sprunghaft gewachsenen Sammlungen, die vor allem der ehrgeizigen preußischen Archäologie zu danken waren. Deutsche Forscher gruben in der Türkei, im Vorderen Orient und in Ägypten höchst erfolgreich Kunstschatz um Kunstschatz aus – darunter 1912 die bald weltberühmte Nofretete. Zwischen 1907 und 1930 entstand, nach den Plänen des damals bekanntesten deutschen Architekten Alfred Messel, immer wieder verzögert durch Weltkrieg und Notzeiten, das Pergamonmuseum.

In seinem Nordflügel versammelte man die mittelalterlichen Gemälde und Skulpturen, im Ostflügel den monumentalen Pergamonaltar und im Südflügel die mesopotamischen Ausgrabungen und die islamische Kunst. Um 1930 war die Museumsinsel wirklich ein Schatzhaus der antiken und europäischen Kunst- und Kulturgeschichte geworden. Was danach kam, ist die Saga vom Untergang des Kulturstaates Deutschland in Diktatur und Krieg, die Zerstörung der Insel im Bombenhagel, ihr jahrzehntelanger Wiederaufbau erst in der DDR, dann im vereinigten Deutschland. In diesen Tagen ist das Riesenwerk vollendet. Wer in geschichtlichen Dimensionen denkt, wird seine Schritte nicht ohne Bewegung über die Insel lenken.