Ausstellung

Helen Berggruen malt gegen die Schnelligkeit

Helen Berggruen, die Tochter des großen Kunstsammlers Heinz Berggruen, zeigt neue Arbeiten: In der Galerie Mutter Fourage am Wannsee kann man auch sehen, wie Helen Berggruen Berlin sieht.

Foto: Foto: Don Felton

Ihr Gesicht ist nicht jung, aber schön. Es könnte Vorbild für einen Holzschnitt oder eine Statue von Ernst Barlach gewesen sein – so ebenmäßig und entschieden sind die Linien darin. Auch die aufmerksamen Augen unter hohen Brauen machen neugierig: Helen Berggruen, 64, ist ein kleines Naturereignis. „Für alle Künste ist die Natur beinahe das Wichtigste“, die Stimme ist tief und schmelzend. Ach ja, die kleine Berggruen war mal Schauspielerin. Sie kann aus vollem Brustkorb und mit ganzem Herzen sprechen. Mit dem heute berühmten Regisseur Bob Wilson tourte sie einst durch Europa.

Bis sie ihre Bestimmung fand: das Malen. Ihre Sprache dabei: die klassische Moderne. Wie könnte es anders sein? Helen Berggruen ist die einzige Tochter des Berliner Kunstmäzens und Sammlers Heinz Berggruen, der vor den Nazis fliehen musste und dennoch gern in den 60er-Jahren zurück kam. Bekannt war er damals vor allem in Paris, dem frühen Zentrum der europäischen Moderne. Helen hingegen, Tochter aus erster Ehe – das erzählt sie ohne Bedauern, aber mit einer Spur Tapferkeit im Ton – lebte vor allem in Kalifornien. Als Kind lief sie mit Schulfreundinnen durch die Prärie, genoss das Gefühl der Wildheit und Ausgelassenheit, als sei man jemand anderes.

Heute genießt sie dieses Gefühl noch immer in der freien Natur. Sie gärtnert, geht mit ihrem Partner und den beiden Hunden spazieren, und typisch für sie ist: plötzliches Stehenbleiben. Nicht, um sich auszuruhen. Sondern: „Um in Ruhe alles anzusehen und zu beobachten, was passiert.“

Genau diese Motivation treibt sie an die Staffelei: der Schnelligkeit der Welt die eigene Sorgfalt entgegen zu setzen. Die Bilder, die so entstehen, regen denn auch nicht auf, sondern an. Berggruen ist eine Art weiblicher van Gogh der Postmoderne, mit einem Faible für organische Formen und lichtdurchwirkte Farbigkeit. Gegensätze ziehen sich an bei ihr. Stadt und Land, Baum und Haus. Laub überwuchert die Dächer, Apfelbäume stehen wie unverrückbar vor fragiler Architektur. Das pflanzliche Leben, die Dynamik der Vegetation sind ihre Sache. Da wird sie zur Anwältin, verteidigt das Grüne gegen die Ignoranz.

Die malende Tochter des 2007 gestorbenen sammelnden Übervaters hatte es nicht leicht, den eigenen Weg zu finden. Reisen bis nach Indien zu einer Zeit, als die meisten Amerikaner kaum wussten, wo das liegt, dazu wechselnde Jobs und Lebensziele ließen sie unstet erscheinen. Aber Helen blieb sich treu, lebte den Hippie in sich ebenso aus wie den Anteil Bürgerlichkeit. „Börgruin“, fast schwedisch klingt es, wenn sie ihren prominenten Namen amerikanisch ausspricht. In Deutschland passt sie sich an: „Bergrühn“, aber es rollen die „R“s wie in den Staaten.

Einige Brocken Deutsch kann sie, glücklich, auch hier etwas heimisch zu sein. Im „Mutter Fourage“, dieser Mischung aus Galerie, Café und Gärtnerei. Schon vor sechs Jahren stellte sie hier aus, und jetzt sind neben den mitgebrachten Ölgemälden auch Aquarelle dabei, die just soeben in Berlin entstanden. Eines ist allen Werken von ihr gemein: Sie malt keine Menschen, aber das Menschliche.

Mutter Fourage, Chausseestr. 15a, Wannsee. 030/80583283. Bis 22.11., Do/Fr 14-18 Uhr, Sa/So 12-17 Uhr. www.mutter-fourage.de

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.