Museum Dahlem

Jetzt feiert Berlin den Voodoo-Kult

Nur durch Zufall ist die weltgrößte Voodoo-Sammlung der Zerstörung entgangen. Als in Haiti das verheerende Erdebeben tobte, waren die Exponate schon auf Ausstellungstour. Jetzt ist die einzigartige Schau im Museum Dahlen zu sehen. Und räumt auf mit Klischees von Zombies und Nadel gespickten Püppchen.

Foto: © Sammlung Marianne Lehmann

Hühnerblut wird hier nicht getrunken, gruselig wirkt es trotzdem. Wie sie da so stehen, all die unheimlichen Gesellen – wie eine martialische Armee. Düster und schrecklich mit ihren blinkenden Augen aus winzigen Spiegeln. Menschengroß sind diese Bizango-Figuren. Lange Zeit waren diese magischen Artefakte, Kultgegenstände des Bizango-Vodous, selbst in Haiti unbekannt. Nur eingeweihte Mitglieder dieser Geheimgesellschaft durften sie sehen.

Das Ethnologische Museum in Dahlem widmet dem „Vodou“, hierzulande gern Voodoo genannt, der „Kunst und Kultur aus Haiti“, nun eine eigene Ausstellung mit über 350 Objekten, die zumeist aus dem Umfeld der Geheimgesellschaft „Bizango“ stammen. Eine Sensation ist es, dass die Artefakte überhaupt in Berlin angekommen sind – sie haben das verheerende Erdbeben in Haiti unbeschadet überlebt. Aktueller kann eine Ausstellung wohl kaum sein. Zumal diese Präsentation, unterstützt durch Kooperationen mit Fachleuten aus dem Ausland, einem umfangreichen Begleitprogramm mit Workshops und Diskussionen, modellhaft zeigt, wie Projekte dieser Art im künftigen Humboldt-Forum einmal aussehen könnten.

Hier in Dahlem kommt viel Magisches zusammen, ein für den Europäer faszinierendes Sammelsurium aus Altären, paillettenbesetzten Fahnen, Tafeln und Gefäßen für Mixturen sowie riesige Spiegel. Sie sind teilweise mit Teufelsfratzen und Totenschädeln verziert. Einer von ihnen dient dem Herbeirufen von Geistern – geheimnisvoll, dennoch faszinierend. Dort ist eine schwarze Madonna mit dem Kind zu sehen, umgeben von einem Wirrwarr aus Gaben und Symbolen verschiedener Kulturen. Whisky-Flaschen finden sich auf dem Altar ebenso wie Steine, Kerzen, afrikanische Gottheiten, indianische Schlangen und christliche Heilige.

Klischee vom Voodoo-Püppchen

„Bis 1991 war der Vodou in Haiti illegal“, erklärt die haitianische Völkerkundlerin Rachel Beauvoir-Dominique. „Die christlichen Attribute boten jedoch eine willkommene Tarnung für die Religionsausübung.“ Im Vodou-Glauben ist Gott eine Frau, die von 401 Geistern repräsentiert werde, deshalb hat sich die Gottesmutter Maria für die zentrale Position auf dem Altar geradezu angeboten. „Jeder Vodou-Tempel ist auch ein Museum“, erläutert Beauvoir-Dominique, die selbst als Vodou-Priesterin tätig ist.

Vodou, unter diesem Begriff subsumiert sich für den Europäer meist nur die Vorstellung von Vodou-Püppchen, Zombies und allerlei schrecklichen Opferriten. Heute gehören rund 80 Prozent der 8,5 Millionen Einwohner des karibischen Inselstaates offiziell der katholischen Kirche an, bis zu 90 Prozent von ihnen aber glauben gleichzeitig an die Geister des auf afrikanische Wurzeln zurückgehenden Vodou-Kultus. „Das Wort für Kunst gibt es im Vodou nicht“, sagt Vodou-Experte Didier Dominique. „Kunst ist in allem, was die Leute tun.“ Die Objekte werden meist von Vodou-Anhängern hergestellt. Allerdings sagen diese Künstler, dass nicht sie, sondern die Geister, die Loas, die Objekte schaffen. Sie selbst fungieren nur als deren Medium. Meist haben sie in ihren Träumen Offenbarungen und handeln danach. Indem sie diese Träume handwerklich interpretieren, schaffen sie ihre Objekte. Die Artefakte wirken dementsprechend expressiv, provokativ, manchmal auch ein wenig surrealistisch. Bei einigen Objekten scheint es fast, als wäre hier ein haitianischer Picasso am Werk gewesen. Außergewöhnlich! Eine Kunstform, die gezielt das Unterbewusstsein anspricht und mit ihm spielt.

Dass die magischen Vodou-Objekte nun in Berlin sind, verdankt das Ethnologische Museum der in Haitis Hauptstadt Port-au-Prince lebenden Schweizerin Marianne Lehmann, die die Objekte in den letzten drei Jahrzehnten akribisch zusammengetragen hat. Zu ihrem Fundus gehören etwa 3000 Artefakte. Wie sie dort hinkam? Der Liebe wegen folgte sie in jungen Jahren einem Studenten aus Haiti in dessen Heimat. Die Ehe hielt nicht, aber Lehmann blieb trotzdem. Ihre Sammelleidenschaft begann mit einer kleinen Vodou-Figur. Irgendwann tauchte im Konsulat, wo sie damals arbeitete, ein Mann auf, der ihr diese Statue, die aus einem Voduo-Tempel stammte, gegen Geld anbot. Damit wollte er die Operation seiner Mutter finanzieren. Die heute 73-Jährige bekennt, dass sie sofort von der „Energie“ der kleinen Figur mit Hörnern und Pfeife beeindruckt gewesen sei. Ein Symbol für Fruchtbarkeit. Teilweise waren es sogar Priester, die sich vertrauensvoll an Marianne Lehmann wandten. Sie wussten, dass die Stücke gut bei ihr aufgehoben waren. Immer mehr Kaufangebote kamen.

Ein Museum für Haitis Kultur

Obwohl Lehmann selbst nie in den Vodou-Kult eingeführt wurde, sieht sie sich als Hüterin dieser Kultur. Dennoch ist das haitianische Kulturerbe vom Verfall bedroht. Vor einiger Zeit wurde daher die Lehmann-Stiftung gegründet. Ihr Ziel ist die Bewahrung und Präsentation der Artefakte in einem Museum, das nach den Worten von Rachel Beauvoir-Dominique ein lebendiges Kulturzentrum werden soll. Die Staatlichen Museen unterstützen das Vorhaben und lassen einen Teil der Eintrittsgelder dem Projekt zukommen.

Die Wirkung der dargestellten Objekte wird durch eine herausragende Präsentation unterstützt, die Räume sind abgeteilt, die Decken abgesenkt, dazu spärliches Licht. Dadurch wird eine geheimnisvolle Atmosphäre erzeugt, die Brücken zu den Objekten schlägt und eine intime Kommunikation erlaubt. Zudem sind bis auf wenige Exponate alle frei ausgestellt, also ohne sichtbehinderndes Glas. Richard Haas, stellvertretender Direktor des Ethnologischen Museums: „Dadurch besteht ein ganz anderer Zugang zu den Objekten“.

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