Kunst

Berlin zeigt die schönsten Frauen der Renaissance

Der italienische Maler Sandro Botticelli starb vor 500 Jahren in seiner Heimatstadt Florenz. Doch Berlin ist die "Botticelli-Hauptstadt" außerhalb Italiens. Denn nirgendwo gibt es mehr Gemälde des Meisters zu sehen als hier.

Sandro Botticelli, der italienische Maler der „Venus“ und „Primavera“, ist längst in unserer Gegenwart angekommen. Wie sehr, das zeigte jüngst die Ausstellung im Frankfurter Städel, wo es nicht nur die herkömmlichen Poster zu kaufen gab, sondern in einer bekannten Parfümeriekette gar „Botticelli-Fragrance“ und „Botticelli Hair“, ein Shampoo in Anspielung auf die überirdischschöne Haarpracht der schaumgeborenen Venus. Botticellis Stilrepertoire hat, bewusst oder unbewusst, unsere Idee von Schönheit geprägt. Und das 500 Jahre nach seinem Tod: am 17. Mai 1510 starb der Maler der Belezza mit 65 Jahren in seiner Heimatstadt Florenz.

Botticelli war der lustvolle Erzähler unter den Malern der Renaissance, ein malender Dramatiker zwischen Madonna und Venus, der die Leidenschaften auf dem Bildgrund geschickt zu inszenieren wusste. Bei ihm überschnitten sich christliche und antike Mythologie: Seine Göttinnen wie die Venus sind erotisierte Madonnen – zwischen Versuchung und Unschuld.

„Was Botticelli bis heute so aktuell macht, ist sicherlich sein Schönheitsideal, das in vielerlei Hinsicht mit dem korrespondiert, was wir auch heute als klassisch schön bzw. erotisch definieren würden, also blonde, schlanke Frauen oder transparente Kleider. Hinzu kommen seine Sujets, die die Kunst dieses Malers im Grunde zu der Renaissancemalerei schlechthin machen: seine mythologischen und antikisierenden Themenwelten. Schließlich die ungemeine Zugänglichkeit seiner Bilder, seine Gemälde sprechen den Betrachter regelrecht an“, erklärt Stefan Weppelmann, Kurator in der Berliner Gemäldegalerie am Kulturforum.

Die Berliner Botticelli-Sammlung zählt zweifellos zu den bedeutendsten Beständen im internationalen Museumsranking. Der Bardi Altar für die Privatkapelle in Santo Spirito, das Tondo Raczynski („Madonna mit singenden Engeln“) sowie zwei bedeutende Porträts von Simonetta Vespucci und Giuliano de Medici gehören zu den Hauptwerken des Künstlers; hinzu kommen der „Heilige Sebastian“ und die „Venus“, sowie drei Gemälde der Werkstatt Botticellis, die sich allerdings im Depot befinden. „Dieses Konvolut ist mit den Sammlungen in den Uffizien und dem Louvre vergleichbar“, so Weppelmann. Nimmt man zusätzlich den Zeichnungsbestand des Kupferstichkabinetts hinzu, darunter 85 Blätter des Illustrations-Zyklus' nach Dantes „Göttlicher Komödie“, „ist Berlin die ,Botticelli-Hauptstadt' außerhalb Italiens“, sagt Weppelmann. Diese teils ausgemalten, teils im Entwurfszustand befindlichen fragilen Dante-Blätter sind furiose Figurengespinste von ungeheurer Tiefe, einer der großen Schätze der Staatlichen Museen überhaupt. Im Vergleich: der Vatikan besitzt nur sieben Blätter. Anlässlich des 500. Todestages des Künstlers zeigt das Kupferstichkabinett eine feine Auswahl aus dem gewaltigen Pergamentepos im „Kabinett der Galerie“ in der Gemäldegalerie.

Auch im kommenden Jahr wird es genug Gelegenheit geben, in all den schönen „Gesichtern der Renaissance“ zu schwelgen – die geplante Blockbuster-Ausstellung im Bodemuseum wird die Porträtkunst der italienischen Meister, mit Gemälden aus dem Louvre, den Uffizien und dem Metropolitan Museum New York auf der Museumsinsel versammeln.

Botticellis bürgerlicher Name war ein klingender Zungenbrecher: eigentlich hieß er Alessandro di Mariano di Vanni Filipepi. Botticelli bedeutet so viel wie „Fässchen“. Der Sohn eines Gerbers, geboren im Florentiner Arbeiterviertel Ognissanti, lernte zuerst Goldschmied, dabei muss er den Sinn fürs Details und das Zeichnen entwickelt haben, später wurde daraus sein Faible für die Malerei. Seine spätere Ausbildung erhielt er bei Fra Filippo Lippi, dessen Werkstatt einen guten Ruf hatte. 1470, mit 25 Jahren, gründete er seine eigene Werkstatt. Sein Geld machte er mit Bildern zur Marienandacht, die damals sehr gefragt waren, dafür brauchte er als Künstler keinen Auftrag. Jede Familie, die etwas auf sich hielt, hatte in ihren Gemächern religiöse Bilder zu hängen.

Botticelli sollte nicht nur Leinwände oder Tafeln bemalen, sondern auch Textilien und liturgische Gewänder, er stattete Kirchen aus und illustrierte Bestseller wie Dantes „Göttliche Komödie“. Florenz wurde vom Medici-Clan in Schach gehalten. Die Medicis waren mächtig, reich und einflussreich, Botticelli porträtierte die schönste Frau in Florenz: Simonetta Vespucci – und bestimmte damit das allgemeine Schönheitsideal. Auch das bedeutete eine Form von Macht. Der Clan sicherte ihm dafür öffentliche Aufträge.

Kunsthistoriker vieler Generationen haben sich schon an der Deutung der Bildpoesie Botticellis abgearbeitet, theologische Symbole vor dem Hintergrund des Traumes vom „arkadischen Florenz“ gedeutet – an Deutungsvarianten gibt es keinen Mangel. Vieles, was wir über Botticelli zu wissen glaubten, stammt aus den Aufzeichnungen des großen Künstlerbiografen Giorgio Vasari, der 1568 seine Vita verfasste und ihn als spröden Eigenbrödler darstellte. Mittlerweile hadert die Kunstwissenschaft mit Vasaris Objektivität, weil er offenbar über Botticellis Abwertung seinen Favoriten Michelangelo stärken wollte. Als die Medicis ins Exil gingen, bedeutet das für Botticelli eine Krise: er verlor seine Kundschaft wie seine Reputation. 1510 starb er, verarmt sei er da gewesen, schrieb Vasari. Dabei muss er einmal wohlhabend gewesen sein, schließlich hatte er auch die Sixtinische Kapelle in Rom mit ausgemalt. Geld ist flüchtig, seine Kunst weniger.

Botticelli in Berliner Museen: Sandro Botticelli gehört – neben Raffael und Michelangelo - zu den großen Künstlern der italienischen Renaissance. Das Kupferstichkabinett zeigt in der Gemäldegalerie eine Auswahl seines kostbaren Bilderzyklus zur „Göttlichen Komödie“ nach Dante. Der Rundgang umfasst diese Präsentation (Raum 5) sowie die Werke Botticellis in der Gemäldegalerie (Raum XVIII). Ort: Gemäldegalerie, Stauffenbergstr. 40. Kosten: 5. Euro. Termin: am 23. Mai um 16 Uhr und am 24. Mai 2010 um 14 und 16 Uhr. Tel.: (030) 266423040