Interview

Für Brandauer hat Berlin etwas Uneitles

Klaus Maria Brandauer gilt als eine ungewöhnlich energiegeladene, explosive und provokante Persönlichkeit. Der 65-Jährige, einer der populärsten Schauspielstars, ist regelmäßig am Berliner Ensemble und in Kürze auch in der Philharmonie zu bestaunen. Morgenpost Online sagte er, warum er Berlin mag.

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Morgenpost Online: Welche Musik hören Sie im Autoradio?

Klaus Maria Brandauer: Im Auto höre ich kaum Musik, ab und zu mal Radio, aber dann nur Wortprogramme. Und wenn schon Musik, dann muss sie richtig laut sein!

Morgenpost Online: Sie treten in der Konzertreihe „Versuchung“ auf. Der Chefdirigent des Deutschen Symphonie-Orchesters (DSO) Ingo Metzmacher liebt es, die dunklen, zweiflerischen Seiten der Musik freizulegen.

Brandauer: Ich erlebe Musik zu allererst emotional und nicht analytisch. Musik hat mich schon mein ganzes Leben begeistert. Sie geht direkt in die Seele und dieses Berührtwerden ist für mich etwas ganz Grundsätzliches. Man könnte meine Annäherung an Musik beinahe unschuldig nennen, aber nur beinah...

Morgenpost Online: Welche Musik berührt Sie am stärksten?

Brandauer: Bach und Beethoven bewegen mich immer noch sehr, genauso wie Wagner und Mahler. Mozart kam später hinzu. Ich habe aber keine persönliche Hitliste. Auch Schönberg und die Werke einiger zeitgenössischer Komponisten begeistern mich. Die Nationalhymne der DDR von Hanns Eisler finde ich großartig. Eisler blieb übrigens bis an sein Lebensende österreichischer Staatsbürger!

Morgenpost Online: Was ist Ihre Verbindung zu Ingo Metzmacher?

Brandauer: Wir haben uns bereits vor ein paar Jahren kennen gelernt und gemeinsam in Amsterdam mit dem Concertgebouw-Orchester Beethovens „Egmont“ aufgeführt. Und nun freue ich mich, dass wir wieder zusammen arbeiten. Ingo Metzmacher ist ein großer Künstler, er geht sehr analytisch vor und ist dennoch ein hochemotionaler Dirigent. Sein Weggang aus Berlin ist ein großer Verlust für die Stadt.

Morgenpost Online: Sie haben in Berlin inszeniert, sind regelmäßig auf der Bühne zu erleben: Was treibt Sie immer wieder in die Stadt?

Brandauer: Berlin mag ich seit mehr als vierzig Jahren. Die Stadt ist voll von der rotierenden Energie des sich permanenten Neuerfindens und doch, wenn sie in die Kneipe an der Ecke gehen oder mit einem Taxifahrer sprechen, auf ihre Weise sehr ursprünglich. Berlin hat auch immer noch etwas Uneitles und das unterscheidet die Stadt von anderen Metropolen Europas. Und Berlin ist eine Theaterstadt. Schauen Sie doch in welcher Bandbreite Sie an einem einzigen Wochenende Theater erleben können, von Castorfs Volksbühne bis zur Schaubühne, vom Deutschen Theater zum benachbarten Berliner Ensemble oder selbst das nun so erfolgreich wieder eröffnete Schlossparktheater...

Morgenpost Online: Worüber reden Sie mit Berliner Taxi-Fahrern?

Brandauer: Das kommt darauf an, meist reden die Taxi-Fahrer mit mir. Mitunter ist das sehr unterhaltsam, manchmal ist es zu viel. Es wird für meinen Geschmack aber ein bisschen viel geklagt, über was auch immer.

Morgenpost Online: Sie sagten einmal, dass Sie andauernd Figuren spielen, die sterben, umgebracht werden oder sich selbst das Leben nehmen. Wie schützt man sich vor sich selbst?

Brandauer: Ich schütze mich einfach dadurch, dass ich bei mir bleibe. Ich wache nicht morgens auf und fühle mich als Hamlet, Wallenstein oder Maximilian Largo. Ich bin dieser Versuchung nie erlegen. Ich begreife meine Tätigkeit nicht als Versteckspiel. Ganz im Gegenteil. Ich liefere mich, mich ganz persönlich, dem Publikum aus, als der, der ich bin. Anders könnte ich meine Arbeit gar nicht tun. Wer glaubt, dass Theater spielen der Ersatz für das richtige Leben sein kann, der täuscht sich sehr. Wenn ich auf der Bühne sterbe, stehe ich auf und bekomme Applaus, wie das sein wird, wenn ich als Mensch an dem Punkt bin, das ist noch offen.

Morgenpost Online: Es heißt, Sie reden heute nicht mehr gerne über die „Mephisto“-Filmrolle?

Brandauer: Das ist Unsinn. Ich habe natürlich zahlreiche Filme nach dem Mephisto gemacht und möchte nicht auf diese Rolle reduziert werden. Aber letztlich war der Film sehr erfolgreich und dieser Erfolg hat mir nicht geschadet.

Morgenpost Online: Aber seit Mephisto sind Sie auf diabolische Figuren festgelegt?

Brandauer: Mich interessieren an einer Figur zuerst die Möglichkeiten in jede Richtung, also nach oben und nach unten, nach rechts und links oder wohin auch immer. Wir sind alle keine Engel, sondern haben Abgründe in uns. Und diese Abgründe können nicht nur tief, sondern auch sehr spannend sein. Insofern brauche ich das ausschließlich Gute ebenso wenig, wie das ausschließlich Böse. Binsenweisheit: Aber beides ist in uns.

Morgenpost Online: Das Faustische, das Mephistophelische wird als etwas archetypisch Deutsches bezeichnet. Sie als Deutsch-Österreicher haben vermutlich verschiedene Blickwinkel?

Brandauer: Ich glaube nicht, dass mein Blickwinkel wirklich mit meiner Herkunft zu erklären ist. Heimat ist für mich eher etwas Regionales gewesen. Also die Steiermark, der Ort, wo ich als Kind aufgewachsen bin und dann später natürlich die Zeit in Oberkirch im Schwarzwald. Da habe ich schon die Unterschiede erleben können. Aber ich habe mich eher als Sohn meiner Eltern, als Enkel meiner Großeltern gefühlt, anstatt mir Gedanken über mein Sein als Österreicher oder Deutscher zu machen. Auf dem Theater gibt es eigentlich kaum ein Stück, welches sich nicht mit unserem So-Geworden-Sein auseinander setzt. Aber bevor Sie von mir jetzt hören, dass Goethes „Faust“ das am besten zusammen gebracht hat, enttäusche ich Sie lieber und denke noch ein paar Jahre darüber nach. Eine Liste der „deutschesten Stücke“ ist doch eine ziemlich schreckliche Vorstellung, oder?

Morgenpost Online: Beim Theatertreffen geht es diesmal um die Finanzkrise und Auswirkungen auf die Menschen. Wie gesellschaftspolitisch muss Theater sein?

Brandauer: Theater ist immer politisch, schon dass es stattfindet ist ja ein hochpolitischer Vorgang. Ein paar hundert Menschen versammeln sich am Abend für ein paar Stunden in persona miteinander und arbeiten sich an einem Thema ab, an einer Struktur oder an einer Geschichte. Wo gibt es das denn noch heute?

Brandauer in Berlin: Im Konzert - in der Philharmonie ist er im Symphoniekonzert des Deutschen Symphonie-Orchesters am 18. Mai 2010 und im Casual Concert am 19. Mai 2010 Sprecher in Max von Schillings Melodram „Das Hexenlied“. Am Pult: Ingo Metzmacher. Tel.: (030) 20298711. Im Theater - er wird am Berliner Ensemble in der neuen Spielzeit die Titelrolle in Peter Steins Inszenierung von Sophokles' „Oidipous auf Kolonos“ übernehmen. Premiere: 25. August 2010. am 16. Mai 2010, um 20 Uhr, ist er wieder als Dorfrichter Adam in Kleists „Der zerbrochne Krug“ zu erleben. Tel.: (030) 28408155