Berlin-Konzert

Stargeiger Nigel Kennedy wildert jetzt im Jazz

Irokesenschnitt und Punk-Outfit - Nigel Kennedy ist der Popstar unter den Klassik-Solisten. Jetzt tritt der britische Stargeiger in der Berliner Philharmonie auf und spannt den Bogen zwischen Bach und Ellington. Morgenpost Online sprach mit ihm über Konventionen, Frisuren und Fußball.

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Nigel Kennedy, 53, trägt löchrige Sakkos, Persertuch und abgelatschte Doc Martens. Das wird von ihm erwartet. Denn er ist der Popstar unter den Klassik-Solisten. Seine Aufnahme von Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ ist mit drei Millionen Exemplaren das meistverkaufte Klassikalbum aller Zeiten. Wer es im Klassikbetrieb so weit gebracht hat, der muss seine Spleens kultivieren. Sein neuestes Werk heißt „Shhh!“ – ein Jazzalbum. Unter seiner Leitung wird sich sein Orchestra Of Life am Mittwoch in der Berliner Philharmonie auf die Verbindungssuche zwischen Bach und Ellington begeben. Michael Loesl hat mit dem Violinisten gesprochen.

Morgenpost Online: Herr Kennedy, können Sie Stille genießen?

Nigel Kennedy: Sie ist sogar mein Lieblingszustand. Musik kommt aus der Stille. Mir wird oft die Frage gestellt, in welcher Umgebung meine Musik am besten zu genießen sei. Total schwachsinnig, man kann zu meiner Musik verdammt noch mal alles tun. Um die Frage aber zumindest einmal zu beantworten, liefere ich die Gebrauchsanweisung gleich im Titel mit.

Morgenpost Online: Ist „Shhh!“ denn als Aufforderung zur Stille zu verstehen?

Nigel Kennedy: Das Album soll vor allem elektrisieren. Der Titel ist eine Aufforderung zum konzentrierten Zuhören. Wenn ich in einem Jazzclub ein Konzert sehen möchte und irgendwelche Idioten dort auftauchen, um Konversation zu betreiben, fühle ich mich gestört. Schrecklich!

Morgenpost Online: Wie wirkt denn Gerede im Publikum auf den Bühnenakteur Kennedy?

Nigel Kennedy: Nervtötend! Aber ich habe zwei Waffen dagegen, Humor und meine elektrische Geige. Vor ein paar Jahren spielte ich ein Open Air-Konzert hier in Deutschland und es goss in Strömen. Während die VIP-Gäste mit den teuren Tickets unter einem Zeltdach unentwegt schwafelten, hörten die Leute vor der Bühne unter ihren Regenschirmen aufmerksam zu. Ich forderte die dann auf, mit ihren Regenschirmen zu klatschen, während die VIP-Gäste mit ihren fetten Geldbörsen applaudieren sollten. Plötzlich verstummte das Geschwafel.

Morgenpost Online: Sie mimen gerne den Rebellen.

Nigel Kennedy: Ach was, ich bin lediglich ein überzeugter Individualist, der sich nicht an Konventionen aufhält oder sich von ihnen aufhalten lässt. Oh Schreck, ein Klassiktyp, der sich gleichzeitig im Jazz tummelt! Darf der das? Warum sollte ich mich in meiner Musikalität selbst beschränken? Sexy ist was gefällt, nicht was gefallen darf.

Morgenpost Online: Ist Jazz mehr sexy als Klassik?

Nigel Kennedy: Das hängt davon ab, mit wem man zusammen ist. Beides ist sexy, aber erst gegen zehn Uhr abends und mit der richtigen Begleitung.

Morgenpost Online: Welches war Ihr bislang bizarrstes Konzerterlebnis?

Nigel Kennedy: Mein Brahms-Konzert für den britischen Botschafter in Washington. Eine Geigensaite ging zu Bruch und meine Ersatzsaiten lagen im Hotel. Ich musste dem Publikum das frühe Ende des Konzerts mitteilen und blickte ausschließlich in glückliche Gesichter.

Morgenpost Online: Welche Lehre zogen Sie daraus?

Nigel Kennedy: Man sollte nie für einen Botschafter und dessen Entourage ein Konzert spielen. Eine der großen Fehlentscheidungen meiner Karriere.

Morgenpost Online: Wie sahen die anderen aus?

Nigel Kennedy: Ich hatte mal den dummen Plan, meine Klassik-Projekte unter dem Namen „Kennedy“ laufen zu lassen, alles andere aber unter dem Namen „Nigel Kennedy“. Ein sinnloser bürokratischer Albtraum.

Morgenpost Online: Der Plan hätte Ihr aktuelles Bach-Ellington-Programm auch unmöglich gemacht.

Nigel Kennedy: Stimmt, obwohl mir ja schon oft Schizophrenie unterstellt wurde, wenn ich in ein Klassik-Recital ein Jimi-Hendrix-Stück einbaute. Für mich ist das Verbinden von dem alten Bach und dem vergleichsweise jungen Ellington keine Stil-, sondern eine Realitätsübung.

Morgenpost Online: Das sehen Puristen ganz anders.

Nigel Kennedy: Die können mich mal! Ein Typ wie der Jazztraditionalist Wynton Marsalis ist sehr verbohrt, wenn er Beatles-Songs nicht für Musik hält, nur weil ein elektrischer Bass gespielt wird. Diese blödsinnige Haltung hat im Jazz wie in der Klassik zu diesem elitären Image geführt, das echt viele Leute davon abhält, Jazz oder Klassik als die großartige Musik, die sie ist, zu entdecken.

Morgenpost Online: Ist es wahr, dass Ihr Friseur die Klassik durch Sie entdeckt hat?

Nigel Kennedy: Ein völlig aus der Luft gegriffenes Gerücht. Ich lasse seit 30 Jahren keinen Friseur mehr an meine Haare. Ich schneide sie selbst. Aber eigentlich ist das eine gute Idee. Vielleicht sollte ich mal ein Album mit dem Titel „Music For Hairdressing“ aufnehmen. Es gibt Musik zur Entspannung, Musik zur Gymnastik; warum sollte es keine zum Haareschneiden geben?

Morgenpost Online: Daran würde der Gastsänger Ihres neuen Albums, Boy George, bestimmt auch gerne teilnehmen.

Nigel Kennedy: George ist ein großartiger Typ, der sich seit seinen „Karma Chameleon“-Tagen total verändert hat. Hören Sie sich nur seinen Gesang auf „Shhh!“ an! Er singt mit dieser wunderbar gebrochenen, tiefen Stimme und erinnert mich dabei immer ein bisschen an Tom Waits.

Morgenpost Online: Was genau verbindet eigentlich Ellington und Bach?

Nigel Kennedy: Die Verbindung ist der ausgeprägte Reichtum an Harmonien der beiden Komponisten. Darin liegt deren jeweilige Stärke begründet. Ihre Art der Orchestrierung ist eine weitere Parallele. In deren Kompositionen gibt es kaum Dopplungen, weil sie die Platzierung der Klangfarbe eines Instruments exakt planten. Die Klarheit und Präzision ihrer Musik fasziniert mich.

Morgenpost Online: Wird der Fußballfan Kennedy zur WM nach Südafrika fliegen?

Nigel Kennedy: Auf keinen Fall! Mir gefällt der Gedanke nicht, die WM im südafrikanischen Winter stattfinden zu lassen. Die Leute, die Fußball zu dem machen, was er ist, werden sich die teuren Hotels nicht leisten können. Und zum Campen wird es dann schlicht zu kalt sein.

Morgenpost Online: Und was passiert, wenn Ihre Fans vom Maestro Kennedy nicht nur Bach und Ellington, sondern auch „Shhh!“ beim Konzert erwarten?

Nigel Kennedy: Dann könnten sie Glück haben, mein Orchester und ich spielen hin und wieder ein paar Nummern des neuen Albums. Wenn wir Lust haben, huldigen wir unserer Jazz-Leidenschaft. Weil Musik unsere Leidenschaft ist. Neben der Stille. Apropos wo ist die nächste Party?