Balkan-Pop

Was Miss Platnum einzigartig an Berlin findet

Die Berliner Sängerin Ruth Maria Renner alias Miss Platnum kombiniert R’n’B und Hiphop mit Musik-Einflüssen ihrer Heimat Rumänien. Dabei singt sie über Zweckehen und die Lust am Essen. Im Interview mit Morgenpost Online spricht sie über ihre Kindheit in den Karpaten, weibliche Schönheitsideale und das Einzigartige an Berlin.

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Miss Platnum über ihre Heimat Berlin

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Morgenpost Online: Sie sind in der Wildnis der rumänischen Karpaten aufgewachsen – ein radikaler Kontrast zu Berlin.

Miss Platnum: Wir haben dort gelebt, weil meine Eltern Beobachter auf einer Wetterstation waren. Es gab nur eine andere Familie, und es gab Bären, Wölfe und Füchse. Wir hatten Rinder und Schweine und haben uns mehr oder weniger selbst versorgt. Es war eine idyllische Kindheit.

Morgenpost Online: Haben Sie die sozialistische Diktatur des Ceau?escu-Regimes dort überhaupt zu spüren bekommen?

Miss Platnum: Meine Eltern haben das schon mit Absicht gemacht, dass wir da hingezogen sind, um genau dem zu entfliehen. Weil es in der Stadt viel spürbarer war. In der Schlange zu stehen, nichts zu essen zu kriegen. Wir sind dann aber später in die Stadt gezogen, weil ich in die Schule musste. Da habe ich das schon mitbekommen.

Morgenpost Online: Sind Sie deswegen auch nach Berlin gezogen?

Miss Platnum: Genau, weil meine Eltern dort nicht mehr leben wollten. Weil sie sich unfrei gefühlt haben, weil sie bemerkt haben, dass sie ihre Träume nicht realisieren können. Sie konnten sich nicht mal ein Auto kaufen oder in andere Länder verreisen. Sie waren jetzt nicht politisch verfolgt , aber sie wollten uns Kindern auch was Anderes bieten. Deshalb sind sie geflohen, und wir sind ihnen acht Monate später nach Deutschland gefolgt.

Morgenpost Online: Doch Ihr Start in Berlin kam einem Kulturschock gleich.

Miss Platnum: In Berlin zu sein, war am Anfang ein Überfluss an allem. Es war alles bunt, es gab alles zu kaufen. Ich bin mit offenem Mund durch die Straßen gelaufen. Das Andere war, in der Schule zu sein und etwas anders auszusehen. Ich hatte nicht die hippen Levi’s-Klamotten und den Scout-Rucksack. Das hat mich unterschieden von den anderen Kindern. Grundschulkinder oder Kinder im Allgemeinen können halt hart sein. Die haben mich das auch spüren lassen. Aber das war jetzt kein Weltuntergang.

Morgenpost Online: In Berlin fanden Sie auch zur Musik – aber Ihr erster Anlauf war nicht gleich das Richtige.

Miss Platnum: Ich habe Klavier gespielt, habe das aber relativ schnell aufgegeben. Dann, beim Singen, habe ich gemerkt: Ich muss nicht so viel tun und es geht relativ schnell voran. Ich habe dann in der Schule gesungen, war im Kirchenchor, im Schul-Musical hatte ich auch kleinere Rollen. Ich habe immer mehr gemerkt, dass mir das Spaß macht, und habe dann auch privat Gesangsunterricht genommen.

Morgenpost Online: Wie haben Sie daraus eine Karriere gemacht?

Miss Platnum: Am Anfang habe ich erstmal dafür gesorgt, dass ich ein Instrument hatte, mit dem ich arbeiten konnte, also meine Stimme gebildet. Danach habe ich gejobbt als Background- und Studio-Sängerin und bin dann so vom einen zum anderen gekommen. In diesem Geschäft ist es erfahrungsgemäß so, dass man durch Mundpropaganda an Jobs und Leute rankommt, mit denen man zusammenarbeiten kann.

Morgenpost Online: Was hat es mit dem Namen „Miss Platnum“ auf sich?

Miss Platnum: Ich wollte einen Namen haben, der sehr schillernd ist. Ich dachte dabei an Hiphop und R’n’B-Musik, die ich gerne mag. Viele Rapper benutzen den Begriff, um alles zu beschreiben, was sie gerne haben: ihre Autos, ihre Ketten, ihren Schmuck, ihre Frauen vielleicht auch. Deswegen fand ich den Namen gut: er ist groß und er glänzt.

Morgenpost Online: Anfangs waren Sie nur mäßig erfolgreich. Der Erfolg kam erst, als Sie Ihre Musik mit rumänischen Klängen kombinierten. Wie sind Sie darauf gekommen?

Miss Platnum: Ich wollte einen einzigartigen Sound kreieren, den man nur mit meinem Namen und meiner Stimme in Verbindung bringt. Ich habe überlegt und zwei Sachen festgestellt: Ich liebe R’n’B, Hip Hop und Soul und ich komme aus Rumänien. Eigentlich haben diese Sachen gar nichts miteinander zu tun. Das zusammenzubringen, fand ich total interessant.

Morgenpost Online: In Ihren Videos treten Sie auffällig gestylt und extrovertiert auf. Sind Sie privat genau so?

Miss Platnum: Miss Platnum ist schon eine Kunstfigur, aber nicht nur Schauspielerei. Ich spiele mich selbst potenziert. Wenn ich zum Bäcker gehe, muss ich nicht laut sein und meine Krone aufsetzen, nur weil ich das auf der Bühne mache. Es gibt aber keine Grenze zwischen Miss Platnum und Ruth. Das bin alles ich.

Morgenpost Online: Was macht Miss Platnum, wenn es ihr mal schlecht geht?

Miss Platnum: Ich habe das Glück, dass ich Songs schreiben und das so gut kanalisieren kann. Ich bin jetzt nicht jemand, der dann lethargisch auf der Couch lümmelt. Eher würde ich noch rausgehen und saufen und ganz viele rauchen. Die Geschichte mit dem riesigen Eisbecher funktioniert bei mir nicht.

Morgenpost Online: Ihr Song „Give Me the Food“ wird oft als Protest gegen gängige Schönheitsideale verstanden. Ein persönliches Anliegen?

Miss Platnum: Es gibt viele Frauen, die wie ich denken, und Größe 36 nicht automatisch gleichsetzen mit Schönheit. Dieses Model-Ding und Perfektion haben für mich nichts mit weiblicher Schönheit zu tun. Und ich meine nicht, dass alle dick werden und fressen müssen. Sondern es geht eher darum, dass Essen zum Leben gehört und auch Lebenslust darstellt. Wenn man sich das die ganze Zeit verbietet, kann ich mir nicht vorstellen, dass man glücklich ist. Für mich ist Essen was Wunderbares.

Morgenpost Online: Ähnlich ironisch wirkt „Come Marry Me“ von Ihnen und Peter Fox.

Miss Platnum: Es geht um eine Zweckheirat. Ich habe auf der Platte „Chefa“ viel mit diesen Klischees gespielt, die es in Deutschland von Rumänien und dem Balkan gibt. Eben auch, dass Frauen von dort gerne reiche Männer heiraten, um aus ihrem kleinen Dorf zu entfliehen. „Come Marry Me“ kommt nicht mit erhobenem Zeigefinger daher und ist auch nicht besonders politsch, sondern sieht das etwas humoristischer. Die Art und Weise, wie ich meine Songs schreibe, finde ich besser, als zu sagen: Alle aus dem Westen oder Deutschen diskriminieren die Rumänen. Auf diese etwas leichtere Art weiß jeder, was gemeint ist.

Morgenpost Online: Berlin wird oft nachgesagt, ein Hafen für die Kreativen zu sein. Stimmt das?

Miss Platnum: Ich denke schon. Ich kann mir nicht vorstellen, woanders zu leben. Berlin ist sehr speziell, in Deutschland gibt es eine solche Stadt nicht noch einmal. Gerade weil hier viele Kulturen zusammenkommen, kriegt man immer neues Futter. Man bleibt nicht auf der Stelle, sondern entwickelt sich weiter. Das ist etwas, was einen Künstler immer wieder fördert und auch fordert, am Ball zu bleiben.

Morgenpost Online: Was ist denn Ihr Lieblingsstadtteil?

Miss Platnum: Kreuzberg. Weil ich das Gefühl habe, dass man hier sein kann, wie man ist. Man muss sich nicht verstellen. Es ist nicht super-schick, aber auch nicht total ranzig. Sondern offen und normal. Keiner guckt dich schräg an. Und man findet immer wieder neue Orte. Es ist ein Stadtteil, der immer wieder in Bewegung ist.

Morgenpost Online: Ihre Zeit hier fing mit einem Kulturschock an – jetzt ist Berlin Heimat.

Miss Platnum: Für mich spielt Berlin auch eine große Rolle, weil es Ost und West vereint und das in meiner eigenen Geschichte drinsteckt. Ich weiß noch, wie es war, als die Mauer geöffnet wurde. Ich finde das schön, dass man in Berlin noch spüren kann, dass es die beiden Seiten gibt, und wie alles zusammengewachsen ist.