Paul Kalkbrenner

Berliner ist Deutschlands unbekanntester Superstar

120.000 Menschen haben seinen Film „Berlin Calling" gesehen, 100.000 haben sein letztes Album gekauft, 9200 Berliner kauften ein Ticket für seinen Auftritt am 3. April in der Treptower Arena: Paul Kalkbrenner ist einer der erfolgreichsten Techno-Musiker. Und doch weiß man sehr wenig von ihm.

Die blickdichte Glasschiebetür geht auf, da sind sie, der Alukoffer aus dem Film und am Handgriff dran der Mann: Paul Kalkbrenner, schwarze Jacke, dunkelgraue Jeans, goldene Sneakers. Er bleibt stehen und schaut sich einen Moment um. An diesem Abend ist der erste Gig des Jahres 2010. Unzählige werden noch folgen bis Dezember, auch eine richtige Deutschlandtournee, mit Nightliner-Bus wie ein Rockstar. Sein Jahr ist durchgebucht.

Sein Trolley hat fünf Jahre Herstellergarantie. Bei Kalkbrenner hält so einer im Schnitt nur neun Monate. Der Koffer aus dem Film „Berlin Calling", dessen Hauptdarsteller Kalkbrenner im vorvergangenen Jahr war, hat bereits den dritten Nachfolger.

Paul Kalkbrenners Leben scheint voller Zahlen, er hat sie alle im Kopf. Gut 120.000 Menschen haben „Berlin Calling" gesehen, 100.000 haben sein letztes Album gekauft, vierzig Prozent davon per Download. Lange nur in Clubs zu Hause, hat der Film ihn in eine neue Dimension katapultiert: 9200 Tickets sind innerhalb von sechs Wochen allein für das nächste Berliner Konzert am 3. April weggegangen, sein bisher größtes. Ausverkauft, drei Monate vorm Termin, genauso wie die meisten anderen Auftritte auf der Tour.

Wann hat zuletzt ein deutscher Techno-Musiker hierzulande allein solche Großhallen gefüllt? Und dennoch taucht Kalkbrenner kaum in den Charts auf. Seine bisherige Plattenfirma Bpitch Control hatte keine Lust, Media Control dafür zu bezahlen. Und braucht es auch nicht. Charts sind im Techno egal. Er taucht auch in keinen großen Magazinen und Zeitungen und in keiner Fernsehsendung auf. Paul Kalkbrenner ist wahrscheinlich Deutschlands unbekanntester Superstar.

Man weiß wenig über ihn, jedenfalls kann man nirgendwo viel nachlesen. Es gibt nur den Film „Berlin Calling", in dem der Berliner Techno-Musiker Kalkbrenner den Berliner Techno-Musiker Ickarus spielt, der um die Welt fliegt und dabei langsam den Kontakt verliert, zur Welt und zu sich selbst.

Handlung und Figur sind fiktiv, natürlich, der Drehbuchautor und Regisseur Hannes Stöhr hat sie frei erfunden. Kalkbrenner war während der Skriptentwicklung Stöhrs Berater. Ursprünglich sollte Kalkbrenner nur für den Soundtrack des Films zuständig sein, doch nach zwei Jahren Drehbuchschreibens fragte Stöhr ihn schließlich: "Willst du den Ickarus spielen?" Und Kalkbrenner, der totale Schauspiellaie, antwortete: „Klar."

Jetzt macht er gleich den Koffer auf. Paul Kalkbrenner steht in einer Suite des Designhotels „Pullman". Die Suite ist voll, Freunde sitzen herum, rauchen, trinken, labern. Kalkbrenner braucht eine Suite, weil er vor und nach den Gigs nicht allein sein will. Im Film reist Ickarus immer mit seiner Managerin und Freundin, der echte Kalkbrenner reist meistens allein. Er ist hibbelig, er hat schon drei Mal gesagt, dass er noch duschen wolle, ist dann aber jedes Mal doch nicht ins Bad gegangen. Sondern hat telefoniert. Oder hat sich noch etwas Rosé nachgeschenkt. Oder eine Zigarette angezündet. Oder Mails gecheckt. Oder hat den Rammstein-Remix kurz angespielt, an dem er gerade arbeitet. Kalkbrenner wirkt prinzipiell so, ein wenig hyperaktiv.

Jetzt aber. Kalkbrenner geht zum Koffer und nestelt eine hellgraue Unterhose heraus, ein Paar dunkelgraue Socken und ein dunkelgraues T-Shirt. Im Koffer, das sieht man vom Esstisch aus, liegt ansonsten nur noch ein Sweatshirt. Und: fein säuberlich aufgerollte Kabel und drei kleine Kästchen, ein Midi-Controller und zwei Interfaces. Das ist Kalkbrenners Live-Equipment, das Powerbook auf dem Esstisch gehört noch dazu und ein Mischpult, das lässt er sich jeweils vom Veranstalter stellen.

Ein paar Tage vor Marseille, Berlin-Mitte, eine Wohnung im obersten Stock eines Designhotels. Die Wohnung wird von einer Agentur vermietet, die sich spezialisiert hat auf Menschen, die nicht lange an einem Ort bleiben, nicht sesshaft werden. Fast nichts darin gehört ihm. „Ick hab irgendwann beschlossen, nur noch im Taxi umzuziehen." Die meisten Menschen kann man ansatzweise an ihrem Besitz erkennen. Was aber sagt es aus über einen Menschen, wenn er fast nichts besitzen will oder fast alles, was er besessen hat, zurückgelassen hat?

Paul Kalkbrenner ist 32 Jahre alt, wurde in Leipzig geboren und ist in Berlin aufgewachsen, im alten Osten. 20 Jahre Bezirk Lichtenberg, zehn Jahre Bezirk Friedrichshain, bis jetzt zwei Jahre Bezirk Mitte. Paul Kalkbrenner hat mit sechs oder sieben mit Trompete angefangen, das ging bis 13, in einer staatlichen Musikschule; mit neun oder zehn hat er seine ersten Kassetten aufgenommen; mit 14 oder 15, die Wende war gerade passiert, hat er seine ersten Platten gekauft. Mit 17 brach er die Schule ab, die Eltern wollten ihn als Zeitsoldat sechs Jahre zur Bundeswehr schicken, Kalkbrenner hat Nein gesagt und nie eine reguläre Ausbildung gemacht, sein Traumberuf war Resident-DJ in einem Berliner Club. Der Traum ging nie in Erfüllung.

Kalkbrenner geht es um das Nichtsmachen

Es ist ruhig in der Wohnung in Berlin-Mitte, es läuft keine Musik, Kalkbrenner hört keine und wenn doch, dann Klassikradio. „Ick hab' kaum aktuelle Musikbildung, weil ick keine Platten mehr höre", sagt er. Seine eigenen, die Alben aus den vergangenen knapp zehn Jahren, „Superimpose", „Zeit" und „Self" und zuletzt der Soundtrack zu „Berlin Calling", ließen sich auch kaum den jeweils aktuellen Strömungen in der elektronischen Musik zuordnen. Bei „Neo-Trance" wurde er einsortiert oder bei „Electro-Revival", aber das greift alles zu kurz. Seine Musik hat keine fixe Ästhetik, keine feste Form, sie hat viel eher eine Stimmung, eine seltsame Entspanntheit und innere Ruhe, selbst dann, wenn die Tracks mal bollern.

Kalkbrenner sagt in seinem erdigen Berliner Singsang: „Ick bin eigentlich sehr gerne faul. Mir geht's schon sehr ums Nichtsmachen. Um den Luxus, nichts machen zu müssen. Hier sitzen zu können und bisschen nachdenken zu können, bisschen lesen, im Internet halt. Je älter ick werde, desto mehr entsteht die Musik vorher schon im Kopf. Wenn ick zum Beispiel einen Remix mache, dann hör' ick mir das Original an und mach' erst ma zwei Wochen lang nüscht. Ick habe meine Materie im Griff. Deadlines näher kommen lassen, ist ein ganz einfacher Trick, um produktiv zu werden für mich. Man lernt sich selbst eben einschätzen, wie so ein alternder Fußballer. Der weeß och janz jenau, welchen Sprint er noch abzieht. Und welcher nicht lohnt." Man kann sich mit Paul Kalkbrenner über alles Mögliche unterhalten, auch über Politik, er hat da feste Ansichten, nicht linke, nicht rechte, eher pragmatische, so wie überhaupt der Eindruck bleibt: Der Mann ist ein Pragmatiker.

Nur das letzte Stück Vorhang trennt Kalkbrenner noch von den viertausend Ravern. Es geht jetzt alles wie automatisch, die Handgriffe sind tausendfach wiederholt, Kalkbrenner kann sie auch im Dunkeln: Er legt den Koffer auf den Bühnenboden und hebt die einzelnen Teile heraus, verbindet sie, Kabel für Kabel. Kalkbrenner hat Jahre gebraucht, bis er sein Set-up so zusammengestellt hatte, dass es perfekt für ihn war. Jetzt ändert er nichts mehr daran. Man kann gar nicht genau sagen, was ein Kalkbrenner-Liveset eigentlich so besonders macht. Die Magie liegt in der unbewussten Choreografie von Kalkbrenners Händen und Fingern, wie sie dauernd in Bewegung bleiben, elegant, nicht ruckelig oder abgehackt; wie Kalkbrenners Körper eins wird mit der Musik.

In Berlin hatte er noch gesagt, er müsse umsichtiger werden. Wenn man seine Karriere als eine Treppe nach oben betrachte, dann seien die Stufen lange Zeit recht flach gewesen. Als 2008 mit dem Film ein enormer Schub an Bekanntheit über die Szene hinaus kam, da stand er schon sicher genug oben, dass er nicht mehr herunterfallen konnte. Er will da oben bleiben.

(Auszug "Musik Express" April 2010)

Paul Kalkbrenner in Berlin: 3. April (Arena)