Neue Ausstellung

Wie Restauratoren das Kölner Stadtarchiv retten

Im März 2009 stürzte das Historische Archiv der Stadt Köln ein. Dabei starben zwei Menschen, die kostbaren Archivalien wurden unter den Trümmern begraben. Die Ausstellung "Köln in Berlin" dokumentiert, wie Restauratoren versuchen, die Exponate wieder in ihren früheren Zustand zu bringen – eine Mammut-Aufgabe.

Es begann mit einem Grollen. Heute vor einem Jahr durchlief wenige Minuten vor 14 Uhr ein heftiges Zittern den Bau des Historischen Archivs der Stadt Köln in der Severinstraße. Dann hörte ein Haustechniker des traditionsreichsten kommunalen Archivs Deutschlands plötzlich aus dem Magazinturm ein lautes Bersten. Er rannte ins Büro der Direktorin Bettina Schmidt-Czaia und rief laut: „Raus! Wir müssen hinten raus – irgendetwas stimmt mit dem Haus nicht.“ Als die Direktorin nach scheinbar endlosen Sekunden endlich auf der Straße stand, drehte sich um und sah, wie der Magazinturm wegkippte verschwand.

Zwei Menschenleben hat der Einsturz des Kölner Archivs am 3. März 2009 gekostet: der schrecklichste Verlust durch den Einsturz. Die beiden jungen Männer wurden in ihrer Wohnung wohl im Schlaf überrascht. Das Wohnhaus verschwand mit dem Magazinturm aus massivem Beton und mehr als 25 laufenden Regalkilometern einzigartiger Unterlagen in einem über 20 Meter tiefen Trichter.

Am Sonnabend, 6. März, eröffnet im Martin-Gropius-Bau die Ausstellung „Köln in Berlin. Nach dem Einsturz: Das Historische Archiv“. Gezeigt werden rund hundert Leihgaben aus den Beständen, die den Grad an Zerstörung demonstrieren, aber ebenso die Möglichkeiten heutiger Restauratoren. Die Exponate machen einerseits Mut angesichts des technisch Machbaren, lassen andererseits wegen der Größe der Aufgabe Angst aufkommen.

Für Deutschlands Kulturlandschaft war das erste Jahrzehnt des 21. Jahrhundert die schlimmste Zeit seit dem Zweiten Weltkrieg. Es begann mit dem verheerenden Hochwasser der Elbe Mitte August 2002, als die Keller von Museen und Baudenkmälern unter anderem in Dresden voll liefen und der Schaden allein an Kulturgütern einen dreistelligen Millionenbetrag erreichten. Am 2. September 2004 folgte der Brand im Rokokosaal der Weimarer Anna-Amalia-Bibliothek, zwei Fünftel der zum Teil einzigartigen Sammlung alter Drucke wurden total zerstört.

Doch so schlimm die Kunstwerke der Barockstadt Dresden und des klassizistischen Kleinods Weimar litten: Der Einsturz des Kölner Archivs überstieg diese Verluste noch bei weitem. In dem zum Jahrestag der Katastrophe erschienenen aktuellen Überblick „Gedächtnisort: Das Historische Archiv der Stadt Köln“ (Böhlau-Verlag Köln, 197 S., 19,90 Euro) schreibt die Mitherausgeberin Bettina Schmidt-Czaia zu Recht: „Es handelt sich um den mit Abstand größten Schaden, den deutsches Kulturgut seit 1945 erleiden musste.“

Das liegt nicht einmal in erster Linie an dem mehrfach so hohen materiellen Schaden; auf mindestens 370 Millionen Euro Restaurierungskosten oder drei Jahrzehnte Arbeit für 200 hochqualifizierte Papierrestauratoren haben Fachleute den notwendigen Aufwand geschätzt. Angesichts solcher Zahlen ist es lässlicher Zynismus, wenn Kölner Archivare dem Berufstand des Restaurators für ein bis zwei Generationen sichere Arbeitsplätze versprechen. Das notwendige Geld ist natürlich noch nicht annähernd verfügbar.

Immerhin: Die Totalverluste durch den Einsturz sind geringer, als man angesichts der verheerenden Bilder vermuten könnte. Auf etwa fünf Prozent schätzt Bettina Schmidt-Czaia die tatsächlich vollständig zerstörten Unterlagen – angesichts von insgesamt gut 30 laufen Regalkilometern freilich eine gewaltige Menge. Noch ein knappes Zehntel des Gesamtbestandes liegt im Einsturztrichter. Vom bereits im vergangenen Jahr geborgenen und provisorisch gesicherten Archivguts ist ein Drittel schwer, die Hälfte mittel und nur rund 15 Prozent leicht beschädigt; einige wenige Kilometer blieben wie durch ein Wunder in zwei erhaltenen Magazinkellern intakt.

Mindestens genauso problematisch wie die physischen Schäden an Archivalien ist die völlige Verwirrung des Materials. Nur solide verpackte Unterlagen konnten einigermaßen in ihrer Ordnung geborgen werden; mehrere Millionen Blatt werden dagegen wohl nach der Restaurierung noch mühsam ihren ursprünglichen Beständen zugeordnet werden müssen.

Ausstellung "Köln in Berlin" im Martin-Gropius-Bau (Niederkirchnerstr. 7, Berlin-Kreuzberg). Vom 6. März bis 11. April 2010, montags bis mittwochs jeweils von 10 bis 20 Uhr. Weitere Informationen unter Telefon 030/254860.