Konzert im Tempodrom

Dave Matthews Band bringt Berliner auf Touren

Die Dave Matthews Band ist seit Mitte der 90-er Jahre eine der erfolgreichsten amerikanischen Rock-Formationen. Doch in Europa konnte sie bislang partout nicht Fuß fassen. Verstehen kann man das nicht, denn bei ihrem ersten Berlin-Konzert brachte die Band das Tempodrom mit 3000 Fans zum Glühen.

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Vielleicht liegt es ja daran, dass sie einfach nur gute Musik machen. Dass sie sich einen Teufel scheren um Plattenfirmenstrategien, um die Regeln des Mainstream, um chartkompatible Zweieinhalb-Minuten-Songs. Dass sie ihre Stücke mit immer neuen Kniffen und Wendungen ausstaffieren, Refrains über Bord werfen, wenn sie es für nötig halten und überhaupt recht unkonventionell zu Werke gehen. Und dem gängigen Rockkonsumenten den Einstieg erst einmal ein wenig schwer machen.

Aber wirklich erklären kann man es nicht, warum die Dave Matthews Band, eine der seit Mitte der Neunziger erfolgreichsten amerikanischen Rock-Formationen, in der Alten Welt bisher partout nicht Fuß fassen konnte. Und verstehen kann man das erst recht nicht nach dem ersten Berlin-Konzert der Band, das am Mittwochabend das Tempodrom zum Glühen und rund 3000 Fans auf Touren brachte. Immerhin – inzwischen gibt es offenbar auch hier ein nennenswertes Publikum.

Als Dave Matthews und seine Truppe vor zehn Jahren erstmals nach Europa kamen, wollte kein Mensch etwas von ihnen wissen. So blieben sie fortan lieber zu Hause in den Staaten, wo ihre Platten regelmäßig Platinstatus einfahren. An die 40 Millionen haben sie bisher verkauft. Doch die wahren Qualitäten der Dave Matthews Band offenbaren sich erst auf der Bühne. Vor drei Jahren konnte man Dave Matthews im Alleingang schon einmal in Berlin erleben. Vielleicht hat ihn diese kleine Solo-Tour angespornt, es noch einmal mit Deutschland und diesmal auch mit Berlin zu versuchen.

Man könnte Matthews als Folksänger mit Funkrock-Band im Rücken bezeichnen. Er saugt sämtliche Spielarten der populären Musik auf und verquirlt sie mit seiner Band zu seinem ureigenen, pulsierenden, überwältigenden Sound. Mit "Proudest Monkey" vom 1996-er Album "Crash" eröffnen die sieben Musiker die turbulente Tempodrom-Nacht, in der sie viele neue Stücke im Repertoire haben, das mit "My Sharona"-Groove angereicherte "Why I Am" etwa, oder das wogende "Lying In The Hands of God".

Es sind wuchtige Klanggemälde aus Rock und Folk, Jazz und Country, Blues, Soul, Gospel und vor allem aus kribbelndem, emotionsgeladenem Funk, die live immer wieder eine Aufwertung erfahren durch ausufernde Soloeinlagen der einzelnen Musiker. Schlagzeuger Carter Beauford ist ein Kraftpaket mit elektrisierendem Rhythmusgefühl, der gemeinsam mit Bassist Stefan Lessard die Maschine unter Strom hält. Tim Reynolds ist ein so stilversierter wie melodieverliebter Berserker auf der E-Gitarre, Geiger Boyd Tinsley nutzt sein elektrisch verstärktes Instrument mitunter wie eine Mandoline, Trompeter Rashawn Ross und Saxophonist Jeff Coffin komplettieren die Truppe, der Dave Matthews mit Akustikgitarre vorsteht. Und mit wandelbarer, mal rautönender, breitschwelgender, mal bis in höchsten Falsett driftender Stimme das Leben und die Liebe beschwört.

Live ist diese Band eine Offenbarung. Sie überwältigt mit ungestümer Spielfreude und man merkt jedem Einzelnen an, wie viel Spaß er da oben auf der Bühne hat, wenn wieder ein besonders komplizierter Break die Routine auflöst oder eine besonders gelungene Soloeinlage Zwischenapplaus provoziert. Von der Folkballade über Hardrockexkursionen bis zum Funkbrecher wird hier alles auf wundersame Weise vereinnahmt, mal wird Stevie Wonders "Supersticious" zitiert, mal gibt es ein wummerndes Zwiegespräch zwischen Schlagzeug und Tenorsaxofon samt Ellington-Reminiszenz, dann wieder schmachtet Matthews in "You & Me" gefühlvoller Sehnsucht von romantischer Zweisamkeit.

Doch meist stehen die Zeichen in diesem Konzert auf Sturm und treiben auf den Schwingen von Hendrix oder Grateful Dead, der Allman Brothers Band oder der Red Hot Chili Peppers auf den unweigerlichen Höhepunkt zu. Gute zweieinhalb Stunden sprühen bei dieser Band die gleißenden Funken, in breitflächiger Lichtregie, in bestem und recht lautem Sound, in dem Matthews' Akustikgitarre dennoch stets klar und präsent bleibt. Der Jubel ist frenetisch. Vielleicht dauert es nun nicht wieder zehn Jahr, bevor die Dave Matthews Band den sicheren Heimathafen Richtung Europa verlässt.

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