Ausstellung

Was ein Bild über den sagt, der es aufhängt

Zeige mir die Kunst in Deinem Arbeitszimmer, und ich sage Dir, wer Du bist. Eine Ausstellung im Deutschen Historischen Museum präsentiert das Zusammenspiel von Kunst und Politik.

Foto: © Werner Bartsch

Das Federvieh sieht arg zerfleddert aus - und hängt kopfüber in der Luft, so als würde der König der Lüfte geradewegs in den Abgrund sausen. Fast zehn Jahre ist es nun her, dass der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder das Gemälde "Adler" seines Freundes Georg Baselitz bildmächtig hinter seinem Schreibtisch aufhängen ließ.

Der Kanzler vor dem gefallenen Vogel. Ein ungewöhnlicher Anblick. Das Hoheitszeichen des Staates hatte der Künstler nicht nur mit den blanken Fingern gemalt, sondern das Motiv auf den Kopf gestellt - ein typischer Baselitzscher Malgestus - damit ist er berühmt geworden. Der Rebell von einst war nun selbst eingezogen in die Zentrale der Macht.

Kaum anzunehmen, dass sich Schröder mit dem zausigen Vogel identifizierte. Eher eine Machtgeste, um zu zeigen, dass er, der Kanzler stark genug ist, gegen (ästhetische) Konventionen zu verstoßen. Oder um zu zeigen, ganz im Geiste der 68er, dass man trotz des hohen Amtes seine ironisch-kritische Grundhaltung dem Staat gegenüber erhalten hat?

Bei so viel künstlerischer Übermacht und Inszenierungslust konnte Angela Merkel bei ihrem Einzug ins Kanzleramt wohl nur mit einem klaren Kontrast antworten: Sie entschied sich für das klassische Adenauer-Porträt von Oskar Kokoschka in ihrem Büro. Mehr braucht sie nicht.

Kunst steht für Risikofreude

Der "Adler" ist nun als eines der wenigen Kunstwerke im Rahmen der Ausstellung "Macht zeigen. Kunst als Herrschaftsstrategie" im Pei-Bau des Deutschen Historischen Museums zu sehen, die im Wesentlichen auf fotografischen Dokumentationen basiert.

Wolfgang Ullrich, Kurator und Professor für Medientheorie, geht von der These aus, dass die bildende Kunst, zumal die zeitgenössische, in den letzten Jahrzehnten das Statussymbol für Wirtschaft und Politik geworden ist. Die Bilder, oft für den Laien nur schwer zu entschlüsseln, strahlen das aus, was Führungskräfte gern für sich beanspruchen: Risikofreude, Entscheidungskraft, Offenheit.

Gottesgnadentum und Genialität

Ein schön gemaltes Stillleben würde Anpassung signalisieren, ein verrätseltes, provokantes wie auch immer schwieriges Kunstwerk wird hingegen als Stärke und Eigenwilligkeit interpretiert. Der Topoi ist nicht neu: seit der Renaissance gab es die enge Wahlverwandtschaft zwischen Herrscher und Künstler. Beide spiegelten sich ineinander, das Gottesgnadentum und die Genialität.

Dias Phänomen sich mit Kunst zu inszenieren, ist in Deutschland stärker ausgeprägt als in anderen Ländern. Das hängt, laut Kurator Ullrichs, vor allem mit der deutschen Geschichte zusammen: Nach dem Nationalsozialismus waren viele politische Symbole bis hin zur Flagge belastet. In Frankreich beispielsweise gibt es ein offizielles Präsidentenfoto, Nationalstolz ist Programm.

Acht deutsche Kanzler-Arbeitszimmer sind zu sehen - der Repräsentationsstil in der "Berliner Republik" hat sich stark verändert - im Gegensatz zum charmanten, privaten "Wohnzimmer" Konrad Adenauers vergrößerte sich die Fläche hinter dem Schreibtisch immens. Raum für Machtbekenntnisse.

Sonnengott Gerhard Schröder?

Bereits im Jahr 2000 schrieb Ullrich sein Buch "Mit dem Rücken zur Kunst", das sich mit Repräsentationsformen beschäftigt und Grundlage der Ausstellung ist. Damals erlebte die Gegenwartskunst einen ungeahnten Boom, heute haben sich die Zeiten auf dem Kunstmarkt geändert. Firmen und Banken verkaufen ihre Kunstsammlungen, wie kürzlich am Beispiel der Giacometti-Statue zu erleben war. Der Hype von Gegenwartskunst ist vorerst gebrochen. Das Zentrum der Schau ist eindeutig Schröder, als Sonnengott auf dem Immendorff-Porträt für die offizielle Kanzler-Galerie überstrahlt er alles.

Schön und gut, aber auch deswegen kommt die Präsentation irgendwie zu spät: seit Schröder, für viele der "Vernissage-Kanzler", hat kein Politiker mehr die Kunst so stark zu seiner Sache gemacht wie er. Am ehesten noch Guido Westerwelle, der sich als Kunstsammler auch in seinen privaten Räumlichkeiten - in schwarzen Socken auf dem Sofa beim Hängen eines sehr blonden Bisky-Bildes - kunstsinnig outet. Er spiegelt sich nicht wie Schröder in den etablierten Malerfürsten, sondern setzt auf figurative Malerei einer jungen Generation, vorzugsweise aus dem Kreis der Neuen Leipziger Schule.

Auch die Wirtschaft liebt Kunst

Zu Recht bekommt Schröder "seinen" Platz. Schröder war es, der das Amt des Kulturstaatsministers verankerte und sich mit Bildern und Skulpturen vorzugsweise seiner Duz-Künstlerfreude Lüpertz und Immendorff umgab. Bei der letzten Retrospektive des todkranken Immendorffs hielt Schröder eine Rede ebenso wie zur Eröffnung der Flick-Sammlung im Hamburger Bahnhof. Er wusste eben, wie er Privatsammler zu hofieren hatte. Und er war es, der das leere, betonkühle Kanzleramt mit Kunst einrichtete und somit die Repräsentationskultur der "Berliner Republik" prägte.

Am Treppenfuß ließ er die knorrige "Philosophin" antreten, im Treppenhaus sollten Lüpertz' "Sieben Tugenden" ("Mäßigkeit", "Stärke") den Aufstieg nach oben "zur Wahrheit" symbolisieren. Bei seinen Künstlertreffen im Kanzleramt ließ er Bilder arrangieren von jüngeren Malern wie Franz Ackermann oder Corinne Wasmuth und lud in die Skylobby. Da saß er schon mal auf den Stufen, zeigte sich kunstaffin, machte aber immer klar, dass es andere gab, die Kunst besser verstanden als er.

Wolfgang Ullrich will die "Verspätung" seiner Ausstellung so nicht sehen: "Vor zehn Jahren hätte ich all das Material nicht gehabt." Material etwa von Spitzenmanagern aus der Wirtschaft, die sich vornehmlich mit abstrakter Kunst ablichten lassen. Dass Kunst nicht nur schön sein kann, zeigt gerade in diesem Bereich ihre inflationäre Verwendung, bei der einzelne Werke zur reinen Farbtapete degradiert werden: die abstrakten, farbprallen Bilder bleiben inhaltlich unverbindlich und ohne Bezug zum Fotografierten. Kunst und Macht vertragen sich eben nicht immer.