Konzert

Garrett macht die Philharmonie zum Wohnzimmer

Kleine Anekdoten und Geschichten zwischen den Songs sind das Erkennungsmerkmal von Crossover-Star David Garrett. Auch in der Berliner Philharmonie ließ sich der Geiger bei seinem Klassik-Konzert nicht lange bitten - und sorgte mit heimeligem Licht für eine Atmosphäre wie im Wohnzimmer.

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"Am liebsten würde ich bei Kerzenlicht in der Berliner Philharmonie spielen", hat Crossover-Star David Garrett (29) einmal gesagt. Und siehe da: Bei seinem Klassik-Konzert am Mittwochabend im Großen Saal war es fast so. Anstelle der herkömmlichen Podiumsausleuchtung wurden die Musiker in behutsam schimmerndes Gold gehüllt. Ein Garrett im Edel-Straßenlook lümmelte sich lässig auf einem Holzhocker, während seine Stradivari vor Wonne säuselte und seufzte. Die Philharmonie roch nach wohligem Wohnzimmer.

In der ersten Konzerthälfte reihten sich Klassikhäppchen an Klassikhäppchen – ein Schubert hier, ein Rachmaninoff da, ein Elgar dort. Und dazwischen eingestreut: die immer wieder gern gehörten Garrett-Anekdoten. Geschichtchen, die eifrige Fans bereits in- und auswendig kennen, der Kitt zwischen den Songs.

Garretts Band war diesmal zuhause geblieben, stattdessen kam die traditionsreiche Staatskappelle Weimar zum Zug. Unter der Leitung des Temperamentbündels George Pehlivanian waberte das Orchester putzmunter durch die arrangierten Partituren. Und übte sich in liebevoller Zurückhaltung, wenn Garretts superschlanker Geigenton im Tutti zu versickern drohte.

"Wo haben Sie denn den David gelassen?", rief zu Beginn der zweiten Hälfte eine Zuschauerin, halb verwundert, halb empört, als das Orchester Anstalten machte, ohne ihren Star zu beginnen. Des Rätsels Lösung: Vor Mendelssohns Violinkonzert kam zunächst die Ouvertüre zum "Sommernachtstraum", in einer allerdings ziemlich stoppeligen Version. Weder hier noch im anschließenden Violinkonzert konnten die Musiker das Niveau der ersten Hälfte halten. Garrett durcheilte seinen Part gleichförmig, einige Zuhörer schliefen ein. Doch wenigstens dreimal an diesem Abend flackerte das große Talent des einstigen Wunderkinds auf: in Sarasates "Zigeunerweisen", in Massenets "Méditation" und Paganinis "Karneval von Venedig".

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