Ausstellung

Hamburger Bahnhof zeigt Walton Fords Bestiarium

Wenn die Welt im Chaos liegt, dann ist in der Tierwelt des Walton Ford die Hölle los. Jetzt sind die verstörenden Bilder des US-Künstlers im Hamburger Bahnhof - und erstmals in Europa - zu sehen: Präzis bis ins Detail, lebensgroß und brutal präsentiert Ford eine aus den Fugen geratene Fauna.

Bluttriefende Büffel und Flamingos, ein Okapi leckt an einer todbringenden Honigwabe, ein Pulk Riesenalke wird von einer Feuerbrunst verschlungen, ein spanischer Bulle vergewaltigt einen mexikanischen Tiger. Menschen gibt es vereinzelt, aber ausschließlich als Paradiesvernichter, als Jäger, Wilderer – oder tot. Ein „Bestiarium“, das wirklich staunen macht, weil es lebensgroß (!), bei oft zwei mal drei Metern Größe in einen versunkenen, ja zum Teil ausgestorbenen Tier- und Naturkosmos entführt, wie wir es heute kaum mehr imaginieren können. Wer kennt als Stadtmensch, wo Siebenjährige oft nicht einmal mehr wissen, wie eine Kuh aussieht, den tasmanischen Wolf, ein beutelartiger Vetter von Känguru und Wallaby, der sich zu einem gefährlichen Raubtier entwickelte und von Siedlern Anfang des 20. Jahrhunderts ausgerottet wurde?

Ferne Länder, fremde Kulturen

„Audobon on viagara“, so nannte ein US-Kritiker kürzlich Walton Ford. Der Mann hat Recht. Ford malt in der altermeisterlichen Manier des amerikanischen Tiermalers und Ornithologen („Die Vögel Amerikas“) aus dem 19. Jahrhundert: nur größer, bissiger, brutaler, ja absurder, ironischer, allegorischer. John James Audobon erreichte mit seinen monumentalen Tierzeichnungen schnell Popularität – und ist erklärtermaßen Walton Fords Vorbild. Doch Ford geht weiter, bei ihm ist das „beast“ stets auch der „andere Mensch“ in seinem (selbst-)?zerstörerischen Wesen. Ausrottung, Umweltzer?störung, Erderwärmung gehen auf sein Konto. Genau diese Themen machen Walton Ford aktuell.

Ford, Jahrgang 1960, gebürtiger New Yorker mit Wohnsitz in New England, kommt jetzt erst in Europa an – im Hamburger Bahnhof hat er mit 25 Werken seine erste Ausstellung in der „Alten Welt“. Vielleicht liegt es daran, dass ihn auch hierzulande viele als „unmodernen“ Tiermaler einordneten. Dazu die Aquarelltechnik, die nicht gerade für malerischen Fortschritt steht, zumal Papier stets geringer eingestuft wird als Ölgemälde. Ähnlich erging es ihm in den späten Achtzigern in der New Yorker Kunstszene – sein illustrativer, opulent visueller und stark erzählerischer „Animal Planet“ lag jenseits der Trends für zeitgenössische Kunst. Es war die Zeit von Künstlern wie Keith Hearing oder Basquiat. Auch wenn sie im East Village gemeinsam auf den Partys feierten, Walton Ford passte da partout nicht hinein mit seinen Zeichnungen von exotischen Reptilien, Zwei- und Vierbeinern, die sehr europäisch wirken. Er war ein Outlaw – und ist es mit seinem naturwissenschaftlichen Ansatz in gewisser Weise heute noch.

Waltons malerische Perfektion ist verblüffend, präzis bis ins Detail, sei es bei Schlangenhaut, Tieraugen oder -zähnen. Es gibt wohl keinen zeitgenössischen Maler, der so virtuos und dramatisch zugleich im Großformat aquarelliert. Auf handgeschöpftem Papier, das fleckig gehalten an historische Illustrationen erinnert. Drei bis vier Gemälde produziert Walton im Jahr. Für seine Werke, die bei 400.000 bis 500.?000 Dollar liegen, gibt es mittlerweile Wartelisten, obgleich die Sammler nicht zu den auf dem weltweiten Kunstmarkt bekannten Größen zählen. Doch das wird noch kommen.

Ford als Tiermaler einzustufen, ist nur die halbe Wahrheit, er ist ein ebenso guter Rechercheur wie furioser Geschichtenerzähler. Jedes Bild erzählt eine teilweise absurde oder abstruse Story – sehr hilfreich ist da der Anhang des Katalogs. Auf den meisten seiner Bilder laufen blasse Texte an den Rändern entlang, Tagebuch-Skizzen ähnlich, mit dem Charakter des Ephemeren tragen sie den Stempel der Vergangenheit. Diese Zitate und Ausführungen stammen aus Fords gigantischem Fundus an Reiseliteratur, Jagdberichten, naturkundlichen Studien und Literatur.

Jedes Bild erzählt eine Geschichte

Inspirationsquelle für das wilde Affenmahl („Sensorium“), das nur kompositorisch an das Abendmahl erinnert und zweifellos eines der gewaltigsten Bilder Fords ist, geht auf Richard Burton zurück – nicht der Filmstar, sondern der britische Forscher, der in seinem Haus ein Refektorium eingerichtet hatte, um das Vokabular einer Affensprache zu erstellen. Da saßen dann alle um einen Tisch, jeder Affe hatte seinen Namen und je eine Schüssel. Und das süße Affenmädchen saß neben Burton – auf dem Babyhochstuhl. Bei Ford ist das schreiende Primatengelage zum modernen Sündenfall geworden. Der Mensch irrt – auch in seiner Vorstellung vom Tier.

HAMBURGER BAHNHOF, Invalidenstr. 50, Mitte. ?Tel. 39?7 8?3 4?39. 23. Januar bis 24. Mai, Di-Fr 10-18 Uhr, Sa 11-20 Uhr, So 11-18 Uhr.

KATALOG: 49,99 Euro (Taschen Verlag). SIGNIERSTUNDE bei Taschen, Friedrichstr. 180-184. Do, 21.1., 18-20 Uhr