Maxim Gorki Theater

Armin Petras schwingt den allzu dicken Pinsel

Im Berliner Maxim Gorki Theater feierte Dürrenmatts "Besuch der alten Dame" in der Inszenierung von Armin Petras Premiere. Der Klassiker spielt in dieser Aufführung im Osten Deutschlands. Nicht nur, dass der Regisseur dabei mit einem all zu dicken Pinsel zeichnet, er setzt dem tragischen Ende noch einen geschichtspessimistischen Schluss auf.

Wenn Armin Petras den Dürrenmatt-Klassiker „Der Besuch der alten Dame“ inszeniert, dann rechnet niemand damit, dass er die Handlung, wie von Dürrenmatt beschrieben, in einer Kleinstadt in der Schweiz in den 50er Jahren ansiedelt. Petras verlegt die 1956 im Schauspielhaus Zürich uraufgeführte Tragikomödie in den Osten Deutschlands, in die Zeit kurz nach der Wende. Das bietet sich an: Denn Dürrenmatts Städtchen Güllen, die Assoziation zu Jauche und Gestank liegt nahe, präsentiert sich so, wie viele Orte nach der Wende: Die Platz-an-der-Sonne-Hütte eingegangen, die Wagnerwerke zusammengekracht, Bockmann bankrott. Die Schnellzüge rasen mittlerweile ohne Halt durch den Bahnhof. Die Menschen leben von der Arbeitslosenunterstützung. Und bei Petras hat der Polizist (Matthias Reichwald) Angst, dass das Auftauchen seiner Stasi-Akte ihm die Karriere versauen könnte.

Alle warten auf den Heilsbringer. Der ist weiblich und heißt Claire Zachanassian. Die Multimillionärin will ihrer Heimatstadt auf die alten Tage einen Besuch abstatten. Die Honoratioren des Ortes bilden ein Empfangskomitee am Bahnhof, das Willkommenstransparent wirkt so ungelenk wie die ganze Truppe, die Katja Strohschneider (Kostüme) mit Stiefeln, Mänteln Pelzmützen ausgestattet hat, die so aussehen, als ob sie schon viele Winter getragen worden sind.

Regisseur Petras hat beim Personal zugeschlagen wie seinerzeit die Treuhandanstalt: Roby und Toby, bei Dürrenmatt kaugummikauende, die Sänfte der Milliardärin tragenden Monster: abgewickelt. Koby und Loby, die von Claire geblendeten Eunuchen: gestrichen. Zachanassians Ehemänner Nummer VII-IX: nicht dabei. Dadurch verliert das Stück viele witzige Dialoge und komischen Szenen, die Petras durch parodistische Einsprengsel und ein slapstickartige Nummern zu ersetzen versucht, bei denen das Ensemble und allen voran Wolfgang Michalek als Bürgermeister körperliche Fitness demonstrieren kann.

Im Mittelpunkt des Bühnenbildes von Olaf Altmann steht eine etwas gestauchte Showtreppe, die auch an den Aufgang zu einem Tempel erinnert . Ein sehr nachhaltiges Bild gelingt dem Regisseur, wenn Christine Hoppe, die in dieser Inszenierung nicht Claire, sondern Clara heißt und jünger und unversehrter als Dürrenmatts alte Dame ist, göttinnengleich auf den Stufen thront, und dabei zuschaut, wie sich die Städter mit ihrem ungeheuerlichen Vorschlag nach anfänglicher moralischer Entrüstung arrangieren: Sie spendet eine Milliarde für den Kopf von Alfred Ill, dem man bei Andreas Leupold nicht wirklich abnimmt, dass er früher mal ein Dandy war. Alfred hatte vor vielen Jahrzehnten eine Affäre mit Claire/Clara, sie wurde schwanger, verließ das Städtchen schmachvoll, denn Alfred heiratete eine andere, eine die damals Geld hatte. Jetzt haben sich die Verhältnisse umgekehrt. Und die Zachanassian sinnt auf Rache. Sie weiß, dass die Aussicht auf Wohlstand moralische Grundprinzipien schneller schmelzen lässt als die Frühlingssonne den letzten Schnee im April.

Regisseur Armin Petras zeichnet die Geschichte bei dieser Koproduktion des Maxim Gorki Theaters mit dem Staatsschauspiel Dresden, die Premiere dort war im Dezember, mit einem allzu dicken Pinsel. Und setzt Dürrenmatts tragischen Ende noch einen geschichtspessimistischen Schluss auf: Alfreds Ills Tochter (Anne Müller mit einer starken Leistung) steht mit einem Koffer in der Hand am Bahnhof und verlässt das Städtchen. Auch sie ist schwanger wie seinerzeit Claire. Auch sie wird zurückkehren – vielleicht nicht gerade steinreich, aber als Racheengel.

"Besuch der alten Dame" im Maxim Gorki Theater , Am Festungsgraben 2 in Berlin-Mitte. Tel. (030) 20.221.115. Termine: 29. Januar, 7. u. 23. Februar.