Das Polyrama in Charlottenburg hat sich zur Aufgabe gemacht, Biografien anderer Menschen nachvollziehbar zu machen.

Der Begriff „Polyrama“ kommt aus dem Griechischen und setzt sich aus den Wörtern „polýs” (viele oder mehrere) und „hórāma“ (sehen) zusammen. Im neu eröffneten Museum für Lebensgeschichten dreht es sich um viele Sichtweisen oder Perspektiven. „Polyrama sammelt Erzählungen von Menschen über deren Leben und folgt damit dem Ansatz der ,Oral history’, der ,erzählten Geschichte’“, erklären die Leiterinnen Anna Chrusciel und Sadaf Farahani.

Auf 60 Quadratmetern gründeten sie bereits 2021 ihr Museum in Charlottenburg. Um eine möglichst große Bandbreite an unterschiedlichen Perspektiven für die Ausstellung zu kuratieren, wird mithilfe von Organisationen, Aufrufen im Internet oder Nachfragen im eigenen Umfeld aktiv nach Unterstützung für ihre Projekte gesucht. Wichtig dabei ist ihnen, dass alle gesellschaftlichen Bereiche zu Wort kommen. In der ersten Ausstellungsrunde fokussiert sich „Polyrama“ unter anderem auf Geschichten von Menschen mit Migrationshintergrund und körperlichen Einschränkungen.

Die einzelnen Geschichten wurden als Audiodatei aufgenommen und können via elektronischem Tablet vom Besucher abgespielt und angehört werden. Vier wohnliche Sitzecken laden dazu ein, in die verschiedenen Lebenswelten der Teilnehmenden einzutauchen. Erinnerungsstücke und Souvenirs, die sich in beschrifteten Boxen befinden, machen die separaten Erzählungen zusätzlich anschaulich.

Polyrama: Kindheit in einer irakischen Kaserne

Teil der insgesamt zehn Biografien ist auch Sadaf Farahanis ganz eigene Lebensgeschichte: Die Iranerin wurde 1982 in Arak geboren und wuchs als Einzelkind in einer Kaserne auf. Nach mehrfachem Umzug siedelte sie in die Hauptstadt Teheran um und studierte dort Film und Fotografie. Seit zehn Jahren lebt sie nun in Deutschland, arbeitete zuvor als Dolmetscherin beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge und kam dort auf die Idee, „Polyrama“ ins Leben zu rufen. Ihr Ziel ist „die Geschichten, die schon da sind, an weitere Menschen weiter geben und, dass alle ein bisschen mehr Verständnis für die Welt voneinander haben“. In ihrer Zeitkapsel kann man alte Babyschuhe, ein Freundschaftsbuch und eine „Aladdin-Lampe“, welche sie an den Winter im Iran zurückerinnert, finden.

Die Weltenbummlerin Swantjie ist höreingeschränkt und berichtet in ihrem Interview von den Ängsten und Ausgrenzungen, mit denene sie in einer hörenden Welt zu kämpfen hat. In ihrer Box stellt sie ihre Freizeitbeschäftigungen und Reisen vor. Die Dinge des alltäglichen Lebens sind in der Schatulle von Rentnerin Ilka versteckt. Die 84-Jährige kommt aufgrund hoher Mietpreise und steigender Kosten heutzutage kaum noch über die Runden. Sie erzählt aus ihrer Kindheit zu Zeiten des Nationalsozialismus, ihrer Studienzeit und von ihrem Sohn, dem sie sehr dankbar ist, weil er sie in ihrer Notlage tatkräftig unterstützt.

„Polyrama“ möchte sich in Zukunft immer nur einer einzelnen Lebensgeschichte widmen. Schließlich dauert solch eine Erzählung manchmal sogar eineinhalb Stunden. Alle zwei Wochen sollen zukünftig zwölf angemeldete Teilnehmer das Museum zusätzlich mit Leben erfüllen und sich in Form eines Spiels mit konzipierten Fragen besser kennenlernen und austauschen.