Philharmonie

Mozart in Vollendung und ohne exzentrische Posen

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Volker Tarnow
Philippe Herreweghe beim Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin.

Philippe Herreweghe beim Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin.

Foto: Peter Meisel

Philippe Herreweghe dirigierte beim Rundfunk-Sinfonieorchester Mozarts C-moll-Messe und die Jupiter-Symphonie.

Außerhalb von Kirchenmauern hört man sie eher selten: Die Messe C-moll KV 427, Mozarts bedeutendste Sakralkomposition, Fragment wie das Requiem und leider in dessen Ruhmesschatten stehend seit über zweihundert Jahren. Philippe Herreweghe präsentierte jetzt in der Berliner Philharmonie die Fassung von Robbins Landon, in der spätere, nicht von Mozart stammende Ergänzungen wie das „Agnus Dei“ eliminiert sind.

Das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin und das Collegium Vocale aus seiner Heimatstadt Gent setzten Herreweghes Konzept am Sonntag beeindruckend um. Der flämische Dirigent, übrigens auch studierter Psychiater, ist der neben dem gleichaltrigen, ebenfalls aus Gent gebürtigen René Jacobs nicht nur Belgien vornehmster Künstlerexport, sondern hat viele Jahrzehnte auch die sogenannte historische Aufführungspraxis geprägt.

Die Musiker spielen Mozart auf der Stuhlkante sitzend

Davon ist zum Glück nicht mehr viel zu hören. Bei Herreweghe werden die Töne eindringlich artikuliert, die Melodien sinnvoll ausphrasiert, ohne dass jemand den Vorwurf erheben dürfte, hier hätte man es mit romantisierendem Schwulst zu tun. Das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin verkörperter diese Haltung in kongenialer Weise. Jedes seiner Mitglieder spielte hingebungsvoll und auf der Stuhlkante sitzend, stets den jeweiligen Erfordernissen gehorchend – wir erlebten keine exzentrischen, flippigen Posen, wie man sie von einigen Spezialensembles kennt, die sich mittels drahtiger Intonation und wahnwitziger Tempi an der Verwandlung von klassischen Konzertformen in Happenings beteiligen, was dann als „historisch informiert“ ausgegeben wird.

Auch das Collegium Vocale Gent fügte sich Herreweghes milderer Lesart homogen ein, erzeugte mit dem Orchester einen herrlichen Schmelzklang, hielt sich also gleichermaßen weit entfernt von bloßem Hintergrundrauschen wie omnipotenter Vordergründigkeit. Vier Solisten vollendeten diese Besetzung: Katharina Konradi und Eva Zaïcik, zwei erlesene Sopranstimmen mit jeweils unterschiedlich farbigem Timbre, zeigten keinerlei Neigung, Mozart in einen Barockkomponisten zu verwandeln, mieden aber auch eine zu sehr am neapolitanischen Opernstil orientierte Deutung. Ilker Arcayürek war ein eleganter, unaufdringlicher Bariton, der vom Komponisten stiefväterlich behandelte Bass, Mikhael Timoshenko, musste sich mit ein paar „Benedictus“-Zwischenrufen begnügen.

Herreweghes Ästhetik zielt auf einen menschlich-irdischen Klang

Herreweghes Ästhetik hatte sich gleich eingangs in Mozart „Jupiter-Symphonie“ zu erkennen gegeben, Nummer 41 C-dur KV 551, die nicht göttlich-triumphal, sondern sehr menschlich-irdisch klang, präzise musiziert, nicht auf brillante, umstürzlerische Effekte bedacht. Das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin hatte hier seine größte halbe Stunde.

In Wien diskutiert man gerade über die Abschaffung des städtischen RSO. Aber diese Klangkörper sind keineswegs für die Versorgung der breiten Masse zuständig, sie gehören zu den Leuchttürmen unserer Kultur. Glücklicherweise sitzen in deutschen Parlamenten und Funkhäuser noch keine irren Wiener, die solche Juwelen in den Dreck werfen wollen.