Musik

Wenn Schlager und Popmusik mit der Sprache schludern

| Lesedauer: 9 Minuten
Ulrike Borowczyk
„Ich möchte mit dir Sehnsucht buchstabieren“: Roland Kaiser.

„Ich möchte mit dir Sehnsucht buchstabieren“: Roland Kaiser.

Foto: Zichy /Eibner-Pressefoto / picture alliance / Eibner-Pressefoto

Der Musikjournalist Michael Behrendt nimmt in seinem Buch kuriose Musiktexte aufs Korn: „Mein Herz hat Sonnenbrand“.

Helene Fischer, Andrea Berg und Vanessa Mai gehören zu Ikonen des deutschen Schlagers. Hört man sich ihre Songtexte aber genauer an, denkt man ob manch schräger Formulierung nur auweia. So erging es zumindest dem Musikjournalisten Michael Behrendt, der die stilistischen, grammatikalischen und bildlichen Irrungen in der deutschsprachigen Popmusik in seinem Buch „Mein Herz hat Sonnenbrand“, das am 17. Februar erscheint, aufs Korn genommen hat. Nach seiner pointierten Analyse hört man nicht nur Helene Fischers Signature-Song „Atemlos“ mit anderen Ohren. Auch Andrea Bergs Lied „Mosaik“ wirkt durchaus unfreiwillig komisch. Mit sanfter Ironie zeigt Michael Behrendt auf, dass die Fehlgriffe in den Lyrics Legion sind. Im Gespräch erzählt er, warum ihn ausgerechnet die Textkunst von Dieter Bohlen nicht sonderlich schmerzt und Wolfgang Petrys Hit „Wahnsinn“ textlich ein Rohrkrepierer ist.

Haben Sie für das Buch Ihre ganze Plattensammlung durchgehört?

Michael Behrendt: Nein. Ich habe mich durch das Internet gehört. Ich hatte Ideen, bei welchen Musikern der ein oder andere Text nicht so gelungen sein könnte, und habe einfach mal gestöbert. Im Internet findet man viele Texte, die man unbedingt gegenchecken sollte. Denn was da manchmal auf Lyrics-Portalen steht, ist nicht immer richtig. Manchmal hat sich dabei mein Verdacht bestätigt, manchmal war ich angenehm überrascht, dass die Texte der Acts, die ich in Verdacht hatte, eigentlich doch ziemlich gut sind.

Wie kommt es, dass sich die Musikfans nicht über die sprachlichen Verfehlungen aufregen?

Die Leute interessieren sich zu einem großen Teil nicht für die Texte. Die werden eher als Musik wahrgenommen, nicht als konkrete Botschaft. Wenn ich Bob-Dylan-Fan bin, dann weiß ich, dass der Typ gute Texte macht. Dann höre ich da vielleicht mal konkreter hin oder lese nach. Aber im Alltagsgeschehen spielen Texte einfach keine Rolle. Da hört man meistens einfach drüber weg.

Bei Ihren Songanalysen haben Sie den Wort­endungsblues bekommen. Warum?

Ich habe den Verdacht oder die Befürchtung, dass da einiges in den nächsten Jahren zum Standard wird. Zum Beispiel, dass beim Wort Herz, das in vielen Popmusiktexten häufig vorkommt, im Dativ das „en“ weggelassen wird. Da singen viele „Meinem Herz geht es nicht gut“ statt „Meinem Herzen“. Das ist Teil der sprachlichen Entwicklung. Es kann gut sein, dass der Duden in ein paar Jahren sagt, Herz wird nicht mehr dekliniert. Es kann natürlich auch sein, dass die Musiker keinen Platz mehr für eine weitere Silbe in der Zeile hatten. Aber selbst die Texter machen sich oft keine Gedanken über eine korrekte Grammatik und Sprache, biegen sie sich manchmal aus Bequemlichkeit hin.

Kommen wir doch mal zu konkreten Beispielen. Ganz vorn mit dabei ist Bata Illic, der uns ja auch den Titel des Buches beschert. Wo hört man heutzutage noch Bata Illic?

Es gibt eine riesige Schlagercommunity. Neben dem Gangsta-Rap wird der Schlager in Deutschland mit am häufigsten verkauft. Und die alten Schlager sind immer noch präsent. Ich kenne Bata Illic aus meiner Kindheit, weil ich mit der „Hitparade“ von Dieter Thomas Heck aufgewachsen bin. Mir sind Chris Roberts, Michael Holm, Bata Illic und Costa Cordalis neben den ganzen Rocksachen sehr vertraut. Ich hatte so eine Ahnung, dass einige ihrer Texte etwas schräg sein könnten, und war dann selbst überrascht, als ich „Mein Herz hat Sonnenbrand“ von Bata Illic gefunden habe. Es soll Liebeskummer ausdrücken und zugleich mit der Sommerliebe vom letzten Jahr zu tun haben. Aber es werden Dinge zusammengebracht und kurzgeschlossen, die gar nicht funktionieren.

Wie viel Schmerz hat Ihnen Dieter Bohlens Textkunst bereitet?

Nicht so viel. Weil er ein Meister darin ist, einfach aus dem, was es schon im angloamerikanischen Raum gibt, etwas zu collagieren. Da setzen sich die Texte dann aus Versen anderer Songs zusammen. Das finde ich einerseits dreist und frech, andererseits kann man es so machen. Richtig falsch sind die Texte dann wenigstens nicht, weil Bohlen die Originale einigermaßen richtig zitiert und einbaut. Ansonsten weiß er, dass die Leute nicht so sehr auf die Texte hören. Er ist jemand, der für Leute schreibt, die praktisch über ihr Charisma und ihre Stimme glänzen, aber ganz sicher nicht über den Text.

Wolfgang Petry hat sich textlich auch nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Wie viel Spaß hatten Sie daran, seinen Text „Wahnsinn“ auseinanderzunehmen?

Wolfgang Petry ist ja auch als Figur umstritten. Die einen lieben ihn abgöttisch, die anderen regen sich über seine Freundschaftsbändchen und Frisuren auf. Ich bin kein großer Freund seiner Musik und fand es schmerzhaft, dass er eine sehr traurige Trennung besingt, das Lied aber abgeht, als wäre es ein superoptimistischer Partysong. Die Bilder, die er da benutzt von Kälte, Hitze und einem Wolf, der einsam durch die Gegend streift, passen von vorne bis hinten nicht zum Gefühl des Verlassenseins. Das hat bei mir großes Kopfschütteln ausgelöst.

Einer, an dem Sie sich abarbeiten, ist auch Schlagerkönig Roland Kaiser. Was hat die Textanalyse seiner Songs ergeben?

Im Bereich des Schlagers sind seine Texte solide gemacht. Aber es gibt immer wieder schöne Ausrutscher wie den merkwürdigen Titel „Manchmal möchte ich schon mit dir“. Da räkelt sich dann die Sehnsucht auf den Kissen, und man fragt sich, was ist das denn für ein komisches Bild. Und er sagt dann auch noch: „Ich möchte mit dir Sehnsucht buchstabieren.“ Ob gemeint ist, dass er endlich mal zur Sache kommen möchte mit der Dame im Schlafzimmer? Diese Verklemmtheit und die unfreiwillig komischen Details, die fallen auf. Dabei ist er ja sehr aufgeschlossen und selbstironisch.

Johannes Oerding, Andreas Bourani und Max Giesinger nehmen Sie ebenfalls auseinander. Sind deren Texte hochkomplexe Metaphernkunst oder doch nur kolossaler Quatsch?

Bei Oerding klingen die Songs immer toll. Er versteht es auch, eine lyrische Fassade aufzubauen. Wenn man da aber mal reinpiekst und die Texte genauer untersucht, ergibt vieles keinen richtigen Sinn mehr. Bei ihm und den beiden anderen habe ich die These, dass sie oft dasselbe Thema haben und, zugespitzt formuliert, immer den gleichen Song singen. Irgendwann hat man das Gefühl, man ist in einer Zeitschleife oder hat lauter Déjà-vus. Deshalb habe ich das Kapitel „Die Giesinger-Oerding-Bourani-Verschwörung“ genannt. Für mich ist diese Art des lyrischen Stillstands, den ich in ihren Texten festgestellt habe, immer dasselbe. Es passt in die Ära Merkel, in der in den letzten Jahren ja politisch auch nicht mehr viel passiert ist. Es ist der Soundtrack zu dieser Zeit.

Dass sich deutsche Musiker gern an der englischen Sprache verheben, zeigen Sie gleich mehrfach. Besonders auf dem Kieker haben Sie dabei The BossHoss. Warum?

Ich mag sie musikalisch sehr gerne. Sie sind unheimlich bemüht, als amerikanische Wüstenrocker rüberzukommen. Aber sie gehen mit der englischen Sprache dermaßen turbulent oder nachlässig um, dass es schon fast wehtut. In vielen Texten, die grammatikalisch, stilistisch, von den Bildern her daneben sind, schwingt auch noch ein latenter Sexismus mit, den ich als unangenehm empfinde. Tolle Musik, aber bei den Texten zieht es mir die Schuhe aus.

Können Sie Musik eigentlich noch genießen, nachdem Sie das Buch geschrieben haben, oder achten Sie nur noch darauf, ob textlich etwas falsch läuft?

Ich habe mich immer schon für Texte interessiert. Deshalb habe ich auch eines Tages gesagt, da musst du mal drüber schreiben. Ich kann die Musik trotzdem genießen und textliche Fehlgriffe wegschmunzeln. Wenn mir ein Lied gefällt, möchte ich wissen, worum geht es da, und höre genau hin. Oder rufe eine Lyrics-Seite auf und lese es nach.

Gibt es Musiker, an denen Sie nichts zu kritteln haben?

All die, die nicht im Buch zu finden sind. Ich finde Die Ärzte wunderbar. Fettes Brot haben super Texte gemacht. Auch Udo Lindenberg trifft auf seine flapsige Art immer den richtigen Ton. Es gibt unzählige Acts, bei denen ich die Texte liebe. Wie die Fantastischen Vier. Ich könnte jetzt eine halbe Stunden lang Namen aufzählen von Musikern, die tolle Texte machen.