Philharmonie

Teodor Currentzis dirigiert eine verzweifelte Sinfonie

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Matthias Nöther
Der griechische Dirigent Teodor Currentzis (50), der in Russland seine Karriere begonnen hatte, ist heute Chefdirigent in Stuttgart.

Der griechische Dirigent Teodor Currentzis (50), der in Russland seine Karriere begonnen hatte, ist heute Chefdirigent in Stuttgart.

Foto: Sebastian Gollnow / dpa

Teodor Currentzis, Chefdirigent des SWR-Symphonieorchesters, führt in der Philharmonie Schostakowitschs achte Sinfonie vor.

Teodor Currentzis dirigiert das SWR-Symphonieorchester im großen Saal der Berliner Philharmonie. Der Auftritt am Dienstag ist für die Verhältnisse des Stuttgarter Chefdirigenten mit griechischem Ursprung und russischen Verpflichtungen ein relativ braver. Man kann es mittlerweile nur noch ahnen, da kaum noch etwas nach außen dringt: Currentzis steht politisch mächtig unter Druck.

Immer noch ist Currentzis auch Chef seines exquisiten MusicAeterna-Klangkörpers in Nowosibirsk, hat er sich nach Putins Angriff auf die Ukraine nie von Russland losgesagt und vermeidet es peinlich, ein persönliches Statement zu diesem Thema abzugeben. Vermutlich wird er Anfragen von russischen Orchestern mittlerweile oft ablehnen – aber auch das muss er der westlichen Öffentlichkeit verschweigen, denn damit wiederum hätte er sich politisch positioniert.

In der Entstehungszeit der Sinfonie war Schostakowitsch Schikanen ausgesetzt

Zu dieser Zwickmühle passt, dass Currentzis an diesem Berliner Abend die Achte Sinfonie von Dmitri Schostakowitsch dirigiert. „Alles, was dunkel und schändlich ist, wird zugrunde gehen – alles was schön ist, wird triumphieren.“ Verständlich, dass sich auch der Komponist kaum zu Stalin bekennen konnte, nach allem, was er von dem Diktator zuvor an Schikane erlitten hatte – auch wenn Stalins Rote Armee zur Entstehungszeit der Sinfonie das Blatt im Krieg gegen Hitler-Deutschland wendete.

Die Parallele ist nicht ganz parallel – aber ein weiteres Beispiel dafür, dass es sich Künstler in autoritären Staaten dreimal überlegen müssen, ob sie sich überhaupt in irgendeine Richtung politisch äußern.

Wir erleben nicht das süffige Currentzis-Dirigat, das wir namentlich aus seinen Auftritten mit der MusicAeterna kennen. Currentzis stellt schon im Violinkonzert von Alban Berg „Dem Andenken eines Engels“ im ersten Konzertteil einen eher transparenten Klang her. Auch das Orchester, das das Stück mehr als oft gespielt hat, trägt dazu bei, dass man die kompliziert versteckten Hauptlinien in verschiedensten Instrumenten nicht erst dann hört, wenn sie schon fast wieder vorbei sind.

Das SWR-Symphonieorchester kann in der Riesenpartitur Akzente setzen

Die prominente Geigensolistin Vilde Frang bringt Alban Bergs Verzweiflung ob des Tods von Manon Gropius in indirekter, zwar emotionaler aber doch nachdenklicher Musizierhaltung zu Gehör. Sie kann alle Linien abrunden, lässt aber keinen brillanten, sondern einen zerbrechlichen Ton vorherrschen. Dieser Ton wird vom Dirigenten bestens über den dichten, schwierigen Kontrapunkten des Orchesters zu Gehör gebracht.

Teodor Currentzis‘ Schostakowitsch nach der Pause profitiert zwar von seinen Erfahrungen mit der MusicAeterna und der gemeinsam über Jahre kultivierten urtümlichen Musizierhaltung. Doch auch das SWR-Symphonieorchester mit seinen analytischen Fähigkeiten kann in dieser Riesenpartitur Akzente setzen. Das weit ausgreifende Trompetensignal im dritten Satz könnte roh und burlesk klingen, die Soloklarinette etwas angekitscht – Schostakowitsch würde das nicht stören – doch all das bindet das Gesamtorchester gemeinsam mit Currentzis in ein rhetorisch und klanglich bestens in der Waage gehaltenes Konzept dieser monströsen, verzweifelten Sinfonie ein.