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„Till“: Ein Hassverbrechen, das die Welt veränderte

| Lesedauer: 3 Minuten
Barbara Schweizerhof
Danielle Deadwyler als Mamie Till-Bradley ist das zentrale Ereignis des Films.

Danielle Deadwyler als Mamie Till-Bradley ist das zentrale Ereignis des Films.

Foto: Universal

„Till - Kampf um die Wahrheit“ ist ein bewegendes Filmdrama über ein Hassverbrechen, das zum Fanal für die Bürgerrechtsbewegung wurde.

Emmett Till war gerade mal 14 Jahre alt, als er 1955 im US-Bundesstaat Mississippi entführt, gefoltert und gelyncht wurde. Der schwarze Junge aus Chicago war auf Verwandtenbesuch im Süden. Was genau zu seinem Verhängnis wurde, ist bis heute nicht endgültig zu klären. Er habe in einem Lebensmittelladen einer weißen Frau hinterhergepfiffen, lautet eine Version. Die Frau selbst behauptete im Prozess gegen seine Mörder, dass Till sie angefasst und zum Date aufgefordert habe.

Die Mörder – ihr Ehemann und dessen Halbbruder – wurden frei gesprochen. Die rein aus weißen Männern bestehende Jury hatte sich auf kein Schuldig-Urteil einigen können. Für die Bürgerrechtsbewegung wurde Tills Fall zu einem Fanal, dessen Wirkung bis heute anhält: Erst im vergangenen Jahr unterzeichnete Präsident Joe Biden den „Emmett Till Antilynching Act“, mit dem das Lynchen zu einem bundesweit verfolgten „Hate Crime“ erklärt wurde.

Zu grausam: Das Verbrechen wird ausgespart - und wirkt umso mehr

Es ist keine leichte Aufgabe, aus einem solch historisch belasteten Stoff einen Kinofilm zu machen. Auf der einen Seite steht der Wille zur Geschichtslektion, bei der es um Aufklärung auch der schrecklichen Details dieses Verbrechens geht. Auf der anderen Seite gibt es den Einwand, dass man durch ein „Reenactment“ das erlittene Trauma erneut wiederhole und damit Opferrollen festschreibe.

Die afroamerikanische Regisseurin Chinonye Chukwu („Clemency“) steuert in „Till - Kampf um die Wahrheit“, bei dem sie auch am Drehbuch mitschrieb, deshalb bewusst eine Verschiebung der Perspektive an. Ihr Film schildert die Ereignisse aus Sicht der Mutter, Mamie Till-Bradley (Danielle Deadwyler), deren Entscheidungen in den Wochen und Monaten nach der Tat sich als essenziell für die weitere Entwicklung der Bürgerrechtsbewegung herausstellten.

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Der Trailer zum Film: „Till - Kampf um die Wahrheit“

Zu Anfang erscheint sie als zurückhaltende, fast ängstliche Frau. Selbst noch in Mississippi geboren, sind ihr die Unterschiede zwischen Nord- und Südstaaten, was „race relations“ angeht, nur allzu bewusst. Er müsse demütiger auftreten, schärft sie ihrem Sohn ein, bevor er in die Ferien aufbricht.

Emmett, den Jalyn Hall als frühreifen und forschen Teenager spielt, kann sich das Ausmaß der rassistischen Strukturen im segregierten Süden nicht wirklich vorstellen. Was ihm passieren wird, sprengt dann auch tatsächlich die Vorstellungskraft.

Die Mutter besteht darauf, dass ihr Sohn im offenen Sarg aufgebahrt wird

Das Verbrechen und sein Hergang spart der Film aus. Er schildert den Vorlauf, jenen Vorfall mit der weißen Frau im Laden, zeigt noch das nächtliche Kidnapping ein paar Tage später, um von da an ganz bei Mamie und dem zu bleiben, was sie erleiden muss. Zunächst ist da die Ungewissheit, dann kommt das maßlose Entsetzen, als man Emmetts grausam verstümmelte Leiche findet. Wie wird man mit so etwas fertig?

Danielle Deadwyler in der Rolle von Mamie Till-Bradley ist das zentrale Ereignis dieses Films. Wunderbar nuanciert macht sie den Prozess sichtbar, wie in der empfindsamen Frau angesichts des schlimmsten Schreckens die Kräfte wachsen. Sie besteht darauf, dass ihr Sohn im offenen Sarg aufgebahrt wird – damit die ganze Welt sieht, was man ihrem „Baby“ angetan habe. Sie setzte damit ein Zeichen, das länger nachhallte als der fadenscheinige Freispruch für die Täter.