Jüdisches Museum

Als jüdische Migranten Montparnasse entdeckten

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Volker Blech
Blick in die Ausstellung „Paris Magnétique 1905–1940" im Jüdisches Museum.

Blick in die Ausstellung „Paris Magnétique 1905–1940" im Jüdisches Museum.

Foto: Maurizio Gambarini / FUNKE Foto Services

In der Ausstellung „Paris Magnétique. 1905-1940“ zeigt das Jüdische Museum, wie das Kosmopolitische in die Kunst der Moderne kam.

Paris ist und bleibt ein Sehnsuchtsort für Liebende wie für Künstler, für Geschichtsbewusste wie für Shoppingwillige, für Etablierte wie für mittellose Flüchtlinge. In der Ausstellung „Paris Magnétique. 1905-1940“ offenbart das Jüdische Museum beiläufig, dass die französische Hauptstadt in Sachen Hoffnung und Freizügigkeit der deutschen Hauptstadt schon immer einen Schritt voraus war. Im preußisch geprägten Berlin verweisen wir stolz auf die bunten Zwanzigerjahre und den kurzen Strudel der Moderne. In Paris begann das kreative Miteinander von einheimischen und migrantischen Künstlern bereits früher aufzublühen. Die Schau beginnt mit jüdischen Kulturschaffenden aus Deutschland, die sich im Café de Dome im Montparnasse versammelten.

„Als im Herbst 1903 Walter Bondy und ich zum ersten Male dieses Caféhaus betraten“, schrieb Rudolf Levy später, „ahnte wohl keiner von uns beiden, daß Jahre später Generationen von Malern, Bildhauern, Dichtern, Journalisten aus aller Herren Länder die Ecke, an der diese bescheidene Gaststätte lag, so etwas wie Mittelpunkt geistigen Geschehens bedeuten würde.“ Am Beginn der Ausstellung empfängt die farbintensive Stadtansicht „Blick auf den Pont Marie“, mit der Rudolf Levy 1910 seine neue Wahlheimat entdeckte.

Die Berliner Ausstellung, die eine weit gehende Übernahme der Pariser Schau „Chagall, Modigliani, Soutine… Paris pour école 1905-1940“ ist, erzählt diese jüdische Geschichte in zehn Kapiteln. Es ist eine spannende Geschichte darüber, wie das Kosmopolitische, die Diversität und auch neue Frauenbilder in die westliche Moderne kamen. Und wie die Entwicklungen immer wieder von Nationalisten und Antisemiten bekämpft wurde.

Es hängen auffällig viele Porträt und Selbstporträts in der Ausstellung

Von dem in Prag geborenen Walter Bondy, der ein Cousin des großen Berliner Galeristen Paul Cassirer war, ist im ersten Kapitel des Rundgangs ein Selbstporträt zu sehen. Es hängen auffällig viele Porträts in der Ausstellung, was auch damit zusammen hängt, dass die Künstler sich in ihren Freundeskreisen häufig gegenseitig als Motiv wählten. Heute hat es gleichsam dokumentarischen Charakter – neben den alten Fotografien und Dokumenten.

Beim Durchschlendern bleibt man immer wieder vor einzelnen Gemälden stehen. Ein Künstler fällt sofort ins Auge. Unter den mehr als 120 Arbeiten von rund 40 jüdischen Künstlern stechen die Bilder von Marc Chagall natürlich hervor. Allein schon die kontextualisierten Bilder des aus Russland stammenden Mythenmalers lohnen den Besuch. Die Schau verströmt einige Exklusivität. Es sind 30 private und öffentliche Leihgeber genannt.

„Während in den russischen Ateliers ein gekränktes Modell schluchzte, bei den Italienern Lieder und Gitarrenklänge ertönten, bei den Juden Diskussionen, war ich ganz allein in meine Atelier vor meiner Petroleumlampe“, erinnerte sich Marc Chagall später. Das Kapitel über das Künstlerhaus „La Ruche“ (Der Bienenstock) ist eine der schillernden Geschichten in der Schau.

Nach der Weltausstellung von 1900 wurde ein Pavillon umgewidmet

Nach der Weltausstellung 1900 kaufte der Bildhauer Alfred Boucher einen von Gustave Eiffel entworfenen Pavillon und ließ ihn im 15. Arrondissement wieder aufbauen. Es gab 140 Ateliers. Die Miete war moderat. Es wurde viel Jiddisch gesprochen. Und es war ein Kommen und Gehen. Chagall blieb von 1911 bis 1914.

„Die jüdische Perspektive ist prägend gewesen für die Entwicklung der Moderne“, betonte Direktorin Hetty Berg am Dienstag: „Wir zeigen nicht nur die Kunst, sondern weisen auch auf die Herkunft der Künstler hin und zeigen das Umfeld, die Netzwerke, die sich in Paris bildeten, und wie diese Migranten die Kunstszene mitbestimmten.“ Viele Künstler kamen aus Osteuropa aus Angst vor Pogromen. Oder sie flohen vor der Armut. Oder sie suchten in Paris nach einer künstlerischen Selbstfindung.

Der Begriff „Pariser Schule“ bezeichnet keine Stilrichtung

Der Begriff „Pariser Schule“ wurde 1925 vom Kunstkritiker André Warnod geprägt, erklärte die Pariser Kuratorin Pascale Samuel am Dienstag. Der Begriff bezeichne keine Stilrichtung, sondern unterstreiche die kosmopolitische Ausrichtung der migrantisch geprägten Kunstszene. Jüdische Themen waren auch nicht der Hauptfokus, erläuterte Kuratorin Shelley Harten, doch sie spielten immer wieder eine Rolle. Womit wir wieder bei Chagall wären.

In den 1920er-Jahren wurde die Fremdenfeindlichkeit salonfähig. Das Komitee des Salon des Indépendants beschloss, dass die Ausstellungspräsentation nicht mehr alphabetisch, sondern nach Nationalität erfolgen sollte. Ein 1925 erschienener antisemitischer Artikel „Gibt es eine jüdische Malerei?“ löste Kontroversen aus. Kritisiert wurde darin unter anderem, dass sich in den Salons „die Levys munter vermehrten“. Und dass hinter allem die „jüdische Profitgier“ stecke. Mit der deutschen Besetzung von Paris im Juni 1940 begann die Zerschlagung der „École de Paris“. Marc Chagall, Moise Kisling oder Jacques Lipchitz gelang die Flucht nach New York, die meisten anderen Künstler wurden von den Nazis ermordet.

Jüdisches Museum, Lindenstr. 9-14, Kreuzberg. Täglich von 10 bis 19 Uhr. Bis zum 1. Mai