Film der Woche

„Close“: Das jähe Ende einer Freundschaft

| Lesedauer: 6 Minuten
Noch tollen Léo (Eden Dambrine) und Rémis (Gustave De Waele) unbeschwert herum. Doch das wird sich schon bald drastisch ändern.

Noch tollen Léo (Eden Dambrine) und Rémis (Gustave De Waele) unbeschwert herum. Doch das wird sich schon bald drastisch ändern.

Foto: Pandora

„Close“ ist ein preisgekröntes Filmdrama über das zarte Band zweier Jungen. Das lässt niemanden unberührt – und geht mehr als nah.

Ein einziger Satz beendet jäh eine enge, zärtliche Freundschaft. Ein Satz, der nicht mal vorwurfsvoll, eher lapidar fällt. Und doch tiefe Wirkung zeigt: „Seid ihr zwei zusammen?“ Die beiden Jungen Léo (Eden Dambrine) und Rémis (Gustave De Waele) sind bis dahin unzertrennlich. Sie tollen und toben durch die bunten Blumenfelder von Léos Eltern.

Sie lachen und nehmen sich liebevoll in den Arm. Ganz selbstverständlich übernachtet der eine beim anderen, dann liegen sie eng umschlungen beieinander. Und schmieden gemeinsam Pläne, was sie mal machen werden, wenn sie groß sind. Léo will in die große Welt reisen. Rémis ginge mit. Um bei ihm zu sein.

Eine unschuldige Beziehung, die ihre Unschuld verliert

Remis lässt Léo auch als einzigen zuhören, wenn er auf seiner Oboe übt. Ein echter Liebesbeweis. Und auch die Eltern gehen ganz natürlich und ungezwungen mit dem engen Band der beiden Jungs um. Remis’ Mutter bezeichnet Léo sogar als ihren „Herzenssohn“.

„Close“ heißt dieser belgische Film, der diese Woche in unsere Kinos kommt. „Nah“ also. Und wirklich sind die beiden so nah, dass kein Blatt Papier zwischen sie passt. Auch die Kamera ist dabei ganz nah bei ihnen und erfreut sich, wie deren Umwelt, an dieser innigen Kinderfreundschaft und Seelenverwandtschaft. Die so zart ist und so unschuldig.

Der Trailer zum Film: „Close“

Bis die beiden 13-Jährigen, nach nur wenigen Filmminuten, von der Grundschule aufs Gymnasium wechseln. Und dort am ersten Tag die lapidare Frage fällt. Gestellt von einem Mädchen, das wohl keine Probleme damit hat, es nur einfach wissen will. Aber da verdunkelt, verdüstert sich das bis dahin so hell lachende Kindergesicht von Léo.

Ein Einzelschicksal, das an tradierten Normen zu zerschellen droht

Vehement streitet er das ab. Und geht sofort auf Distanz. Will in der Klasse nicht neben Rémis sitzen, will auch nicht mehr mit ihm zur Schule radeln. Und statt weiter Zeit mit ihm zu verbringen, plötzlich lieber in der Eishockeymannschaft spielen. Wo es rauer und härter zugeht.

Auch da bleibt die Kamera ganz nah bei Léo, der immer einsilbiger wird, zunehmend verhärtet, versteinert, verpanzert. Und Rémis ignoriert. Der Freund aber versteht nicht, wieso Léo plötzlich so anders ist, will um diese Freundschaft kämpfen und leidet unter Léos Ablehnung. Bis es zu einer Katastrophe kommt, die alles verändert, die eine Leerstelle, ein klaffendes Loch hinterlässt. Wo die Unschuld zur Schuld wird, mit der man leben und umgehen muss, so schwer es auch fällt.

Auf der kommenden Berlinale ist die Retrospektive dem Coming-of-Age-Film gewidmet. Jenem Genre also, dass vom Erwachsenwerden, vom Reifeprozess, vom Verlieren der kindlichen Unschuld handelt. Und von den markanten Momenten, in denen sich das vollzieht.

Einen Vorgeschmack leistet dieser Film, der ohne weiteres in diese Retro passen würde und bald ein Klassiker des Genres werden dürfte. Weil er eine Freundschaft betrachtet, die sicher Liebe ist, aber eine noch ganz kindliche, prä-pubertär undefinierte. Und dies mit einer Selbstverständlichkeit und Fluidität zeigt, wie das noch vor einem Jahrzehnt kaum möglich gewesen wäre.

Nach „Girl“ erneut ein grandioser Film von Lukas Dhont

Aber dann zerbricht diese Freundschaft eben. An – ja woran eigentlich? Homophobie?Mobbing? Toxischer Männlichkeit? Dafür werden auch die anderen Kinder, trotz ihrer Blicke, zu unschuldig gezeichnet. Es sind eher die eigenen Vorstellungen von Geschlechterrollen und wie man sich als Junge zu verhalten hat.

Vorstellungen, die in der Grundschule noch nicht galten, der sich Léo aber in der neuen, reiferen Welt des Gymnasiums plötzlich verpflichtet fühlt. Womit er das Ende seiner unbeschwerten Kindheit selbst heraufbeschwört. Und vorzeitig erwachsen wird und mit den Konsequenzen leben muss.

„Close“ ist der zweite Film des Belgiers Lukas Dhont, der schon in seinem Debüt „Girl“ (2018) von gesellschaftlich geprägten Rollen- und Verhaltensmustern und einem Ausbruch daraus erzählte. Damals am Beispiel eines 15-jährigen Transmädchens, das Ballerina werden will und am Ende nicht warten will, bis es alt genug ist für eine geschlechtsangleichende Operation.

Schon dieses Drama erzählte Dhont ganz nah an seiner Hauptfigur. Und erwies sich dabei auch als sehr sensibler Schauspielerregisseur. Der junge belgische Tänzer Victor Polster erwies sich in der Hauptrolle als Offenbarung.

Lukas Dhont empfiehlt sich erneut als hoffnungsvoller Regienachwuchs

Dieselbe Sensibilität, dasselbe Einfühlung beweist Dhont nun auch in „Close“, das er wieder mit einem Ko-Autor Angelo Tijssens geschrieben hat. Und in dem wieder ein Einzelschicksal an tradierten Gesellschaftsnormen zu zerschellen droht. Erneut hat hat er dabei einen Darsteller entdeckt, der sich als Naturtalent erweist. Denn der junge Eden Dambrine hat eine Transparenz, die auch ohne Worte, allein mit seinen tiefen Blicken eine Verletzlichkeit und Verzweiflung ahnen lässt.

Ein starker, eindringlicher Film, mit dem sich der 31-jährige Dhont erneut als hoffnungsvoller Regienachwuchs empfiehlt. Schon mit seinem Debüt hat er es aufs Filmfestival von Cannes geschafft, wo „Girl“ in der Nebensektion „Un certain regard“ gleich vier Preise gewann. „Close“ lief dann im Vorjahr schon im Wettbewerb und gewann prompt den Grand Prix der Jury. Auch beim Europäischen Filmpreis war er ein Favorit. Und wurde dann der belgische Kandidat für den Auslands-Oscar. Ein Film, der niemanden unberührt lässt – und einem mehr als nah geht.

Drama Belgien 2022 104 min., von Lukas Dhont, mit Eden Dambrine, Gustav De Waele, Emilie Dequenne, Léa Drucker