Jahr der Mandoline

„Eine neue Ära für die Mandoline“

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Volker Blech
Der israelische Virtuose Avi Avital mit seiner Mandoline in den Emil Berliner Studios.

Der israelische Virtuose Avi Avital mit seiner Mandoline in den Emil Berliner Studios.

Foto: Maurizio Gambarini / FUNKE Foto Services

Der Virtuose Avi Avital umwirbt als Berliner Schirmherr des Mandolinenjahrs alle Freizeitmusiker.

Der durch die Welt reisende und in Berlin lebende Virtuose Avi Avital wird jetzt in höchst unterschiedlicher Funktion zu erleben sein. Im Pierre-Boulez-Saal gibt der Musiker am 12. Februar ein klassisches Konzert, im Musikinstrumenten-Museum hingegen wird er als Berliner Schirmherr des Mandolinenjahrs am 1. Februar sein Instrument allen Freizeitmusikern nahelegen. Bei der Eröffnungs-Pressekonferenz erhält Kultursenator Klaus Lederer auch eine erste Lehrstunde von ihm. Conny Restle, Direktorin des Musikinstrumenten-Museums, wird bei der Gelegenheit die neue Mandolinenausstellung „Von Barock bis Bluegrass“ vorstellen.

„Als Botschafter habe ich im Jahr der Mandoline zwei Ziele“, sagt Avi Avital. „Die Mandoline ist noch ein junges Instrument in den Konzerthäusern. Wenn ich auftrete, weiß ich, dass achtzig oder neunzig Prozent des Publikums erstmals live eine Mandoline im Konzert hört. Ich spiele dieses Instrument auf den großen Bühnen, weil ich ein neuartiges Erlebnis für die Welt der klassischen Musik bieten will. Das andere Ziel ist, die Mandoline als Freizeitinstrument wieder attraktiv zu machen.“

Aus dem Landesmusikrat war in der Vorbereitungsphase des Jahresprogramms zu hören, dass der Virtuose bei den Meetings dabei war und ungewöhnlich leidenschaftlich eine Lanze für sein Instrument gebrochen habe. „Als ich mich als Kind auf die Mandoline einließ, war es für mich ein magischer Moment“, sagt Avi Avital bei unserem Gespräch in den Emil Berliner Studios an der Köthener Straße 38, wo er gerade an seiner nächsten CD feilt. „Die Mandoline ist ein recht günstiges Instrument, was für die Kinder, ihre Eltern und auch für die Lehrer hilfreich ist. Mein Tipp ist, dass Kinder zügig mit anderen Kindern in einem Mandolinen-Orchester zusammenspielen sollen.“ Es sei eine starke soziale Erfahrung, gemeinsam Musik zu machen.

Nach der Arbeit spielte man im Kibbutz gemeinsam im Mandolinen-Orchester

In Be’er Scheva ist Avi Avital 1978 geboren worden. Als Achtjähriger kam er zur Mandoline. „In Israel gab es bis in die 1970er-Jahre sehr oft Mandolinen-Orchester im Kibbutz. Es gehörte zum sozialen Miteinander nach der Arbeitszeit. Das Instrument haben jüdische Einwanderer aus Ost-Europa mitgebracht“, erzählt er. Zwischendurch hält er zwei alte Schallplatten hoch mit historischen Aufnahmen des Mandolinen-Orchesters, aus dem er selbst hervorgegangen ist.

„In meiner Kindheit gab es im Orchester erste, zweite und dritte Mandolinen“, erzählt er. „Die ersten Mandolinen spielten etwas ganz Einfaches, aber im Zusammenklang war es wunderbar und selbst Anfänger konnten ihren Beitrag leisten. Mandolinen-Orchester machen einfach auch Spaß.“ Avital schwärmt von einer guten Schultradition und charismatischen Lehrern. Die meisten Mandolinen-Profis in Israel seien aus Be’er Sheva hervorgegangen.

Für Avi Avital liegen die Vorzüge der Mandoline für Amateure auf der Hand. „Zum Einen ist sie sehr intuitiv: Man zupft mit dem Finger oder einem Plektrum eine Seite und sofort ist da ein Klang. Zum Anderen ist sie ein effektives Instrument, man muss nicht vier Stunden am Tag üben. Wenn man sich für die Mandoline entscheidet, kann man sehr schnell und einfach im Ensemble spielen.“ Es sei jedenfalls einfacher als bei der Violine, beim Cello oder der Klarinette.

In den vergangenen Jahrzehnten erlebte die Mandoline einen Aufschwung

„Wenn man mir vor zehn Jahren gesagt hätte, die Mandoline wird Instrument des Jahres, ich hätte es nicht geglaubt“, sagt Avi Avital. „Aber in den vergangenen zehn, zwanzig Jahren erlebte die Mandoline einen großen Aufschwung. Es gab immer eine Amateurbewegung, aber inzwischen habe ich es geschafft, die Mandoline in die New Yorker Carnegie Hall und fast alle anderen großen Konzertsäle zu bringen. Es ist eine neue Ära für die Mandoline.“

Die heutige Mandoline gehe auf die neapolitanische Mandoline zurück, erklärt der Virtuose. Aber es gäbe keine Standards für das Instrument. „Die amerikanische Mandoline ist traditionell flach, die italienische hat einen Bauch wie eine Birne. Ich spiele eine Konzertmandoline des israelischen Instrumentenbauers Arik Kerman, die für die große Bühne mit mehr Klang und Farben entwickelt ist.“

Die meisten Stücke seines Repertoires habe er dem Geigenrepertoire entnommen, sagt Avital, der rund 100 Konzerte jährlich weltweit spielt, aber mit seiner Familie in Berlin lebt. Als Hobby spiele er Schlagzeug, erzählt er beiläufig. Als er noch zur Schule ging, wollte er ein Schlagzeug, um Rockmusik spielen zu können. „Aber meine Eltern waren dagegen, weil es in unserem Zuhause zu laut gewesen wäre. Sie wollten keinen Ärger mit den Nachbarn. Im Lockdown habe ich mit meinem achtjährigen Sohn einen Lehrer gefunden und wir haben jeden Sonnabend jeder eine Stunde Unterricht genommen.“ Danach gab es Eiscreme.

Im Boulez-Saal geht es um Musiktraditionen vom Schwarzen Meer

Im Boulez-Saal präsentiert der Musiker den zweiten Teil seiner ungewöhnlichen Konzertreihe, diesmal mit dem Titel „Schwarzes Meer“. „Ich habe eine Gruppe von elf Musikern mit dem Namen Between Worlds Ensemble. Unsere Konzertreihe befasst sich mit dem Thema, wie sich klassische Musik und Folklore in verschiedenen Regionen Europas begegnen. Und welchen künstlerischen Dialog sie miteinander eingehen.“ Da passe er gut hinein, fügt er hinzu, weil die Mandoline ja ein typisches Instrument des Miteinanders sei.

Béla Bartók, Sulkhan Tsintsadze und Fazıl Say stehen auf dem Programm. „Wir spielen auch Volksmusik aus der Ukraine, Georgien, dem Balkan oder der Türkei, neu arrangiert für das Ensemble.“ Avital sind gerade auch kulturelle Minderheiten und deren Traditionen wichtig. „Wir spielen zwei Stücke aus der Ukraine. Eines ist eine Neukomposition, die auf Klezmer aus Odessa zurückgeht. In Odessa gab es vor dem Zweiten Weltkrieg eine große jüdische Tradition. Die andere Komposition basiert auf drei Melodien einer tatarischen Minderheit von der Krim.“

Pierre-Boulez-Saal, Französische Str. 33d, Mitte. Tel. 47997411 Am 12.2. um 16 Uhr