Theater

Stumpfes Oratorium: „Leonce und Lena“ am Deutschen Theater

| Lesedauer: 6 Minuten
Elena Philipp
Kollektiv auf Drehbühne: Marcel Kohler, Enno Trebs, Linda Pöppel, Zazie Cayla, Toni Jessen, Yannik Stöbener, Ingraban von Stolzmann, Philipp Lehfeldt und Alida Stricker (v. l.).

Kollektiv auf Drehbühne: Marcel Kohler, Enno Trebs, Linda Pöppel, Zazie Cayla, Toni Jessen, Yannik Stöbener, Ingraban von Stolzmann, Philipp Lehfeldt und Alida Stricker (v. l.).

Foto: Arno Declair

Regisseur Ulrich Rasche bleibt sich treu, verfehlt aber in seiner Büchner-Inszenierung den Gegenstand: die Liebe.

Berlin. Straff gespannte Muskeln, geducktes Gehen, klagender Ton: Das kennt man von Ulrich Rasche. Der Regisseur lässt seine Schauspieler gern auf Maschinen marschieren und dabei Text skandieren. Laufbänder und rotierende Scheiben hat man in seinen Inszenierungen schon gesehen. Am Deutschen Theater genügt die Drehbühne als Widerstand, gegen den das zehnköpfige Ensemble anmarschiert.

Thematisch passt das endlose Gehen, gebückt wie von schwerer Last. Rasche inszeniert zwar Georg Büchners Lustspiel „Leonce und Lena“, will aber dessen politische Dimension herausstellen. Dafür ergänzt er den stark gekürzten Text um Zitate aus anderen Büchner-Werken. Zum Einstieg etwa deklamiert die Gruppe, schwarz gekleidet und eng zusammengedrängt, auf der gleißend blau erleuchteten Bühne Passagen aus dem „Hessischen Landboten“. „Sehet was die Ernte eures Schweißes ist: Der Boden unter euren Füßen, der Bissen zwischen euren Zähnen ist besteuert!“, heißt es in der illegalen Flugschrift aus dem Jahr 1834, die Büchner zur Flucht zwang und seinen Co-Autor ins Gefängnis brachte. Mit biblischem Furor wandten sich Büchner und der Theologe Friedrich Ludwig Weidig an Bauern und Bürger, um sie, im Geiste des revolutionären Vormärz, zum Aufstand gegen die Fürsten aufzurufen. Die Herrscher von selbst ernannten Gottes Gnaden gehörten beseitigt!

„Leonce und Lena“ am Deutschen Theater: Mit Wucht gegen Schinder und Schmarotzer

Die Montage von Pamphlet und Lustspiel funktioniert anfangs bestens. „Dass die Wolken schon seit drei Wochen von Westen nach Osten ziehen. Es macht mich ganz melancholisch“, jammert Prinz Leonce vom Reiche Popo, den Marcel Kohler als schlaffen Lulatsch gibt. Müßiggang ist sein Zeitvertreib, von Pflichten ist dieser Prinz gänzlich unberührt. Ein Auszug aus dem „Hessischen Landboten“ macht das sogleich deutlich. Die Gruppe, die zuvor mit minimalen Bewegungen hinter Kohler zurückgefallen war, ruft in seinem Rücken: „Das Leben der Vornehmen ist ein langer Sonntag. Das Volk aber liegt vor ihnen wie Dünger auf dem Acker.“ Mit Wucht und Kampfeswillen treten hier die Entrechteten neben ihre adeligen Schinder und Schmarotzer. Ein stimmiger, aufrüttelnder Kontrast.

Doch folgt daraus nichts weiter. Ulrich Rasche lässt den Text abspulen, minimal ergänzt um Zitate aus Büchners Briefen, aus „Lenz“ und „Dantons Tod“. Eigentlich ist „Leonce und Lena“ eine spielerische Satire, schwärmerisch von der Romantik beeinflusst. Prinz Leonce vom Reiche Popo soll vermählt werden, mit Prinzessin Lena vom Reiche Pipi. Weil er sie nicht kennt, flieht er vor seinem die Heirat anordnenden Vater. In Italien begegnet er, Ironie der Handlung, inkognito der ebenfalls geflohenen Lena. Und verliebt sich in das ihm ähnliche, exquisit schwermütige und wortspielerisch veranlagte Wesen.

Ein fehlendes Register auf der Orgel

Bei aller Kritik Büchners an der herrschenden Klasse ist der Grundklang in „Leonce und Lena“ heiter-melancholisch. Vom „zarten Elfenmährchenton“, den ein Zeitgenosse des Autors kritisierte, ist in Ulrich Rasches Inszenierung allerdings nichts zu hören. Ein eklatanter Mangel seiner Ästhetik erweist sich hier, der in seinen beiden vorherigen Regiearbeiten am Deutschen Theater, „4.48 Psychose“ und „Oedipus“, aufgrund der Stoffwahl nicht zum Tragen kam. Liebe ist ein Register, das Rasches gut geölte Oratoriums-Orgel nicht abspielen kann.

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In kaltem Licht trifft hier Prinz auf Prinzessin. Sie sehen einander nicht einmal an, denn ihre Worte sind direkt ans Publikum gerichtet. Was heißt gerichtet: Sie schleudern sie uns entgegen als feuerten sie aus einem Salvengeschütz oder würgen sie hervor wie Gewölle. Liebe??? Schweres Atmen durchs Mikroport, Rücken an Bauch drückt sich ein Körper kurz gegen den anderen – das ist der ekstatische Moment von Leonce und Lena. Was die Figuren bewegt? Die Live-Musik, ebenfalls ein Bestandteil von Rasches Theater.

Die Live-Combo ackert in den Portals-Logen an Synthesizer, Bass und Schlagwerk genauso hart wie die Schauspielerinnen und Schauspieler auf der Bühne. „Leonce und Lena“ ist hier auch ein Club-Event. Laut ist und bleibt es großteils, auch wenn die Techno-Beats immer wieder verhallen, um sich dann neu aufzutürmen. Satt farbig ist das Licht von Cornelia Gloth, das die Leuchtröhren einer gigantischen Gitterskulptur aussenden. Als einziges Objekt schwebt es über der ansonsten leeren Bühne.

Eine zäh den Text durchackernde Inszenierung

Atmosphärisch ist diese Kreation, gewiss. Und überwältigend. Aber die Präzision, mit der Rasche sonst oft an Texten arbeitet, wird hier nicht ansatzweise erreicht. Und den Stoff oder gar Büchners Sprache in ihrer vibrierenden Vielgestalt bekommt diese zäh den Text durchackernde Inszenierung nicht zu fassen. Wäre da nicht Almut Zilcher. Wie sie dasteht als König Peter vom Reiche Popo, „in größter Verwirrung“, gebückt und doch innerlich aufrecht, von den eigenen denkerischen Fähigkeiten zutiefst überzeugt, obwohl keiner ihrer Sätze auf einen Sinn zuläuft, das ist großartig.

Ihr Körper scheint eine empfindsame Registratur, um die Äußerungen der sie umgebenden Menschen zu erlauschen, ohne sie zu verstehen. Almut Zilchers Peter von Popo ist ein vorzüglicher Automat, und wenn sie am Schluss unwissend das als Puppen verkleidete Paar traut, weil die Hochzeit an diesem festgesetzten Tag ihr königlicher Entschluss war, dann versteht man, welches Theaterpotenzial in Büchners Stücktext liegt. Bei Rasche aber marschieren die Beteiligten stumpf im Kreis und rufen das Ende aus. Zum peitschenden Techno-Track wird die eskapistische Utopie von der Blumenuhr und dem Schlaraffenland für alle. Büchner habe das letzte Wort: „Nichts als Kunst und Mechanismus.“