Film der Woche

Der Film „Babylon“ zeigt: Toll trieben es die alten Stars

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Eine zügellos ausschweifende Orgie wie im alten Rom: Und Nellie LaRoye (Margot Robbie) lässt sich dabei feiern und wird so für den Film entdeckt.

Eine zügellos ausschweifende Orgie wie im alten Rom: Und Nellie LaRoye (Margot Robbie) lässt sich dabei feiern und wird so für den Film entdeckt.

Foto: Paramount / Scott Garfield

Satirischer Blick hinter die Kulissen von Hollywoods wilden 20er-Jahren: „Babylon – Rausch der Ekstase“ mit Brad Pitt & Margot Robbie.

Babylon? Die goldenen Zwanziger? Tanz auf dem Vulkan? Da muss man natürlich sofort an die Erfolgsserie „Babylon Berlin“ denken. Aber sollte sie solche Wirkmacht haben, dass selbst die Amerikaner beim derzeit grassierenden 20er-Jahre-Revival aufspringen? Nein, das hat Hollywood wirklich nicht nötig. Denn was die Zeit vor 100 Jahren angeht, hat es selbst genug an Exzessen und Skandalen zu bieten, die einst Kenneth Anger in seinem Kultbuch „Hollywood Babylon“ genüsslich ausgegraben und ausgeplaudert hat.

So kann der Paramount-Film „Babylon“, der am 19. Januar in die deutschen Kinos kommt, aus dem Vollen schöpfen. Er zeigt die Traumfabrik in ihrer Anfangszeit von ihren wildesten, grellsten, ausschweifendsten Seiten. Gleich anfangs wird da eine Orgie gefeiert, wie man sie sich sonst nur im alten Rom vorstellt: mit Champagner und Kokainbergen auf dem Silbertablett, mit lasziv tanzenden Halb- und ganz Nackten, die hemmungslos miteinander kopulieren, in allen erdenklichen Paarungen. Da wird sogar ein echter Elefant aufgefahren, der sich dann sprichwörtlich wie in der Porzellankiste aufführt. Womit man aber prima von einem Skandal ablenken kann – dass ein Starlet beim Geschlechtsverkehr zu Tode kam.

Die Exzesse und Skandale von einst werden genüsslich nachgestellt

Am Tag darauf dann Hollywood bei seiner eigentlichen Arbeit. Wo an einem Set gleich zwei Filme gedreht werden. Und alle wegen der Party mit ihrem Kater kämpfen. Auch das Drehen ist ein riskanter, mitunter tödlicher Sport. Bei einer Schlachtszene für einen Ritterfilm wird ein Techniker von einem Speer aufgespießt. Ist halt Berufsrisiko. Viel schlimmer scheint, dass dabei die Kamera zu Bruch geht.

Nun muss alles getan werden, um eine neue Kamera zu organisieren, bevor die Sonne untergeht und die Statisten einen weiteren Tag bezahlt werden müssten. Allein diese Sequenz lohnt den Film, wie nach Stunden des Wartens endlich die Kamera da ist, aber der Star des Films, schon wieder betrunken, immerzu patzt. Bis die Liebesszene beim allerletzten Sonnenstrahl doch im Kasten ist. Das ist Movie Magic!

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Der Trailer zum Film: „Babylon - Im Rausch der Ekstase“

Sicher, das hat man so oder ähnlich schon oft gesehen. Film im Film, das ist längst ein eigenes Genre. Hollywood ist eben nicht nur eine Traumfabrik, die Illusionen erschafft, sondern auch eine Traumfabrik, die immer auch zeigen muss, wie sie das schafft. Mit einem Blick hinter die Kulissen. Und mit Filmen, die das ironisch bis bösartig aufs Korn nehmen.

Dem oscar-gekrönten Regisseur Damien Chazelle scheint da jede Tonart recht. Sein Quasi-Musical „La La Land“ war 2016 eine einzige Liebeserklärung an das heutige Los Angeles und seine Traumfabrik (die gern als „Lalaland“ bespöttelt wird). Sein neuer Film „Babylon“, der vom deutschen Verleih den reißerisch-blöden Zusatz „Rausch der Ekstase“ verpasst bekam, scheint anfangs eine ähnliche Hommage in historischem Gewand – bis der Rausch zum langen, kalten Entzug wird. Und die Traumfabrik zum Alptraum.

Zwei Helden wollen ihr Glück machen - und scheitern an der Traumfabrik

Wie in „La La Land“ wollen auch in „Babylon“ zwei Außenseiter, ein Männlein und ein Weiblein, hier ihr Glück machen. Da ist zum einen die junge, schöne und hemmungslose Nellie LaRoye (Margot Robbie), die davon träumt, Schauspielerin zu werden, sich deshalb auf die Party schmuggelt, dort am frivolsten tanzt und wirklich von einem Produzenten entdeckt wird. Auch wenn sie nur Ersatz wird für das eben zu Tode gekommene Starlet. Aber sie kann für Großaufnahmen auf Knopfdruck ein Tränlein vergießen, auch bei der x-ten Aufnahme. A Star is born!

Und da ist zum anderen Manny Torres (Diego Calva), der als Mexikaner in Kalifornien nur niedrigste Dienste erledigen darf, aber in kniffligen Situationen immer einen Weg findet: wie man den Elefanten auf die Party stemmt, die Tote dort verschwinden lässt oder eben die begehrte Kamera besorgt. So wird er bald zur echten Hand von Jack Conrad (Brad Pitt), dem Filmhelden mit den großen Star-Allüren und den eifersüchtigen Frauen.

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Beide, Nellie wie Manny, werden ihr Glück machen in Hollywood. Und werden sich immer wieder begegnen. Aber doch nie zusammenfinden. Und dann kommt der Tonfilm, der die Branche radikal verändert. Und es kommt der Production Code, mit dem sich die Filmstudios selbst Richtlinien für mehr Sittlichkeit auferlegten, um aufgebrachte Sittenwächter und Moralhüter, die zum Boykott des Kinos aufrufen, zu beschwichtigen.

Der Film will zu viel - und verfranst sich in seinen vielen Handlungssträngen

Das führt wieder zu einer schönen Film-in-Film-Szene, wenn eine Aufnahme mit der neuen, anfälligen Tontechnik immer aufs Neue wiederholt werden muss - und immer jemand patzt. Bis die Szene endlich funktioniert. Aber doch nicht im Kasten ist. Weil inzwischen dem Kameramann das Herz versagt. Ist halt Berufsrisiko. Es wandeln sich aber eben auch die Sitten. Und Nellie, die eben noch als Femme Fatale verehrt wurde, ist nun in den neuen prüden Zeiten, Feindbild und Zielscheibe der Moralhüter. Was sie mit nur noch ungestümerem Verhalten quittiert.

Chazelle, der seit „La La Land“ als Wunderkind in Hollywood gilt und deshalb alle Freiheiten genießt, inszeniert das mit Lust als großes, opulentes Sittengemälde. Nur eben mit Hollywood selbst als Thema. Dabei ist er nicht zimperlich. Und schockt den Zuschauer immer auch mit Ekelmomenten. Die Richtung wird gleich anfangs vorgegeben, wenn der Elefant sich vor Angst einscheißt. Und im Lauf des Films werden wirklich alle Körperflüssigkeiten spritzen, und üppig dosiert.

Es gibt grandiose Szenen wie die bereits genannten, in denen die Filmindustrie hübsch auf die Schippe genommen wird. Aber sie geraten bisweilen etwas lang, wie auch der Film insgesamt mit seinen drei Stunden. Chazelle will einfach zu viel, wenn er auch noch andere Minderheiten in den Fokus rückt.

Die chinesische Autorin Lady Fay Zhu (Li Jun Li), der gekündigt wird, weil der Tonfilm keine Zwischentitel mehr braucht – und man auch ihr offen lesbisches Gebaren nicht länger dulden will. Und dann wird, auch eine Parallele zu „La La Land“, noch die Geschichte eines Musikers erzählt, hier die des schwarzen Jazz-Trompeter Sidney (Jovan Adepo) der zu Beginn des Tonfilms (und des „Jazz Age“) zum Star aufsteigt. Bis er gezwungen wird, sein Gesicht mit Schuhcreme zu bemalen.

Selbst alte Hollywood-Veteranen fallen auf die Traumfabrik herein

Da verfranst Chazelle sich in seinen vielen Handlungssträngen. Es ist vielleicht auch nicht ganz klug, wenn man mit Margot Robbie und Brad Pitt gleich zwei Topstars verpflichtet, die gerade erst in einer anderen, höchst erfolgreichen Filmparodie, Quentin Tarantinos „Once Upon a Time …. in Hollywood“ (2019) mitgewirkt haben.

Auch hier schleicht sich Robbie als Rising Star in ein Kino, um die Reaktionen der Zuschauer zu erleben. Sie tut es in einem Billigkino, das Stummfilme ohne Musikbegleitung zeigt. Ein echter Stecknadeltest, wo man selbst im Kino prüfen kann, ob die Zuschauer den Atem anhält oder doch im Popcorn-Eimer rührt. Aber es ist halt ein Déjà-Vu. Und dass Brad Pitt diesen Selbsttest später bei seinem ersten Tonfilm wiederholt, macht es nicht besser.

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Ein irrwitziges, monumental ausuferndes Epos, also, das ganz wie die alten Hollywoodepen immer zu viel will, immer bigger than life, aber bei allem Exzess die feinen Zwischentöne versmissen lässt. Ein Film, der in seiner dritten Stunde dann ganz aus dem Ruder läuft, wenn in einer Unterwelt die Orgien von einst noch verbotener weitergeführt werden. Da wird die Liebeserklärung zum Exorzismus.

Am Ende aber geht einer der Hauptfiguren Jahre später ins Kino. Und schaut sich „Singin’ in The Rain“ an. Das wäre nicht nötig gewesen, an den Klassiker muss man sowieso dauernd denken, denn auch der hat ja den Übergang vom Stumm- zum Tonfilm satirisch illustriert. Aber er tat es damals eben brav und weichgespült, während dieser Film den Schleudergang einstellt. Und doch: Selbst dem Hollywood-Veteran, der es ja besser weiß, fällt auf die Überwältigung der Kinomaschinerie herein. Das immerhin zeigt die ganze Wirkmacht der Traumfabrik. Die bis heute anhält. Wo sie sich schon wieder durch eine andere Technikentwicklung, dem Streaming, behaupten muss.

Epos USA 2022, 189 min., von Damien Chazelle, mit Margot Robbie, Brad Pitt, Diego Calvas, Jean Smart, Tobey Maguire, Lukas Haas, Jovan Adepo, Li Jun Li