Dokumentarfilm

Die Hauptstadt, wie die meisten sie nie gesehen haben

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Was der Mensch schuf – und was er auch wieder abreißt.

Was der Mensch schuf – und was er auch wieder abreißt.

Foto: Krokodil

Der Film „JWD Berlin“ zeigt die Stadt, wie die meisten sie gar nicht kennen. Öde Orte am Rande, die einen eigenen Charme entwickeln.

Verhangener Himmel. Raureif überm Boden. Alles wirkt kalt und zugig an der Spree Teltow Pyramide, selbst die Stromleitungen scheinen durchzuhängen. Das Wasser plätschert träge vor sich her. Dabei hört man den Lärm einer großen Straße.

So beginnt der Dokumentarfilm „JWD Berlin“, der die Stadt so zeigt, wie die meisten sie nicht kennen. Jenseits der Wahrzeichen und Touri-Massen. Da wo der Hund begraben liegt. Aber selbst das wäre ja noch zu poetisch für die bekanntlich derbe Berliner Schnauze. Was so weit weg ist, findet gerade mal eine verächtliche Abkürzung, die viele verwenden, auch wenn nicht alle wissen, was es heißt: JWD.

Nicht der Mensch steht im Mittelpunkt, sondern die Systeme, die er geschaffen hat

Ein knapper Text klärt anfangs auf: „Das kleine Berlin wuchs zum Ende des 19. Jahrhunderts rasch. Es war das Freizeitvergnügen der proletarischen Massen, JWD zu fahren. Nach janz weit draußen. An den Wannsee, auf die Stralau, in die Schönholzer Heide.“

In seinem Dokumentarfilm, der jetzt in den Kinos Krokodil und Union Friedrichshagen läuft, hat Bernhard Sallmann aber gerade nicht Freizeitvergnügungen im Auge, sondern Ecken, die trostlos und verloren wirken. Dass er auch noch im Winter gedreht hat, scheint wie eine Schmerzzulage. Vieles ist eher JSD. Janz schön dröge.

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Hier stellt Sallmann seine Kamera auf, lässt sie eine Weile laufen, dann geht es zum nächsten Ort. Vom Heizkraftwerk Lichterfelde übers Krematorium Baumschulenweg zum Tanklager Rudow oder zur Urban Tech Republic. Letzteres sagt Ihnen nichts? So heißt jetzt der Flughafen Tegel.

Eine Stadt-Tour der ganz anderen Art – am Rande

Es sind statische Bilder von Rändern, an die sich keine Seele verliert. Nicht die Menschen stehen hier im Mittelpunkt, sondern die Strukturen, die sie geschaffen haben. Straßen, Brücken, Häuser, Industrieanlagen. Oft verfallen oder gar kurz vor dem Abriss. Manchmal verlieren sich aber doch ein paar Menschen ins Bild. Auch an den Rändern gibt es Leben. Man muss nur genauer hinschauen.

Und so wird „JDW Berlin“ bald zu einer Art inneren urbanen Einkehr. Ein Film, der uns in unserer hektisch-getriebenen Zeit einlädt zu Meditation und Kontemplation. Ohne Text. Ohne Musik. Nur mit dem Atmo-Ton vor Ort. Anfangs erscheint das noch monoton, doch allmählich ergibt sich ein Bilderstrom, bei dem man das Schauen lernt und Details entdeckt. Eine Stadt-Tour der ganz anderen Art. Auch für Einheimische ergibt sich hier noch mal ein ganz anderer Blick.