Philharmonie

Philharmoniker mit süchtig machendem Schönklang

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Felix Stephan
Pianistin Mitsuko Uchida spielte bei den Berliner Philharmonikern.

Pianistin Mitsuko Uchida spielte bei den Berliner Philharmonikern.

Foto: Monika Rittershaus

Andris Nelsons dirigierte Bruckners Siebte Sinfonie mit einem erzählerischen Weitblick in der Philharmonie.

Schweißüberströmt die Ersten Geigen am Schluss. Erschöpft wankt Gastdirigent Andris Nelsons vom Podium. Die Berliner Philharmoniker haben Bruckners Siebte Sinfonie gespielt – mit einer Hingabe und Leidenschaft, die betroffen macht. Aber auch glücklich. Denn Nelsons und die Philharmoniker sind sich einig, wie sie Bruckner an diesem Donnerstagabend in der Philharmonie musizieren wollen. Nicht monumental, sondern organisch, nicht blockhaft, sondern mit langem epischem Atem. Und mit einem sensitiven Schönklang, der süchtig macht. Hinzu kommt, dass sich Nelsons als Cantabile-Dirigent par excellence erweist: Er spannt Gesangsbögen, die das Publikum regelrecht umarmen.

Vielleicht ist gerade dies die Ursache, warum der Adagio-Satz so hoffnungsvoll und zuversichtlich wirkt. Selbst in jenen Takten, die Bruckner als Trauermusik auf den Tod den Richard Wagner komponiert hat. Im Adagio und auch im Finale verwendet Bruckner die sogenannten Wagnertuben, eine Mischung aus Horn und Posaune. Darüber hinaus erinnern auch die feierlichen harmonischen Progressionen an Wagner. Und die himmlischen Längen à la Parsifal. Was freilich vor allem daran liegt, dass die Philharmoniker diese himmlischen Längen geradezu suchen und zelebrieren. Nicht nur im Adagio sondern auch schon im Kopfsatz.

Der Name Schönberg schreckt immer noch Teile des Publikums ab

Doch es funktioniert. Auch wenn sich die Form dadurch beträchtlich dehnt und zuweilen sogar in den Hintergrund tritt. Es funktioniert, weil drei Dinge zusammenkommen: Nelsons‘ musikalische Fantasie, sein erzählerischer Weitblick. Und Nelsons‘ Fähigkeit, dies unmittelbar an die Philharmoniker weiterzugeben. Zugegeben: Ein paar andere Dinge sind auch noch wichtig. Die Philharmoniker verstehen sich als Bruckner-Spitzen-Orchester.

Für den Abend gab es kurz vorher sogar noch Karten. Der vermeintliche Grund: Arnold Schönberg und sein Klavierkonzert op. 42 vor der Pause. Der Name Schönberg reicht, um einen Teil des Publikums abzuschrecken. Auch heute noch. Es liegt an Schönbergs atonaler Zwölfton-Technik, die er in den 1910er-Jahren entwickelt hat. Auch sein spätes Klavierkonzert von 1942 ist Zwölfton-Musik, doch in einer relativ freien, milden Art.

Schönberg kommt dem Publikum entgegen, er bietet mehr Orientierung als gewohnt. In Form von melodischen Floskeln und Imitationen, Frage-Antwort-Spielen und Fortspinnungen. Mitsuko Uchida ist Spezialistin für dieses Schönberg-Klavierkonzert; sie hat es seit Jahrzehnten im Repertoire. Doch von Routine keine Spur. Ihr Schönberg-Spiel hat Esprit, wirkt sprechend und fein nuanciert. Ihr Ton ist schlank, ihr Anschlag mal intim, mal perkussiv – je nach musikalischer Situation. Ausgiebiger Applaus danach.