Theater

Eine zahme Tragödie: „Einsame Menschen“ am Berliner Ensemble

| Lesedauer: 3 Minuten
Felix Müller
Erotische Verwicklungen: Oliver Kraushaar, Nina Bruns, Gerrit Jansen und Sina Martens (v.l.).

Erotische Verwicklungen: Oliver Kraushaar, Nina Bruns, Gerrit Jansen und Sina Martens (v.l.).

Foto: Joerg Brueggemann / OSTKREUZ / OSTKREUZ

Sturz ins Unglück: Die Dramatikerin Felicia Zeller hat Gerhart Hauptmanns Drama in die Gegenwart geholt.

Gerhart Hauptmanns „Einsame Menschen“, entstanden 1890 und im Folgejahr uraufgeführt, wird in unsere Gegenwart gebeamt: Die Wirtschaftsdramatikerin Felicia Zeller, die mit „Der Fiskus“ (2020) und „Der Geldkomplex“ (2021) bereits zweimal die heutigen Arbeitswelten erkundet hat, macht aus dem Landhaus am Müggelsee in „Einsame Menschen“ eine Villa in Erkner. Hier will die schwangere Marie (Sina Martens) ihre Idee eines Co-Working-Gardening-Space verwirklichen, während ihr akademisch verzettelter Mann Gerhart (Gerrit Jansen) den Elfenbeinturm der Tiersoziologie zu erklimmen versucht.

Dessen Mutter Erika (Corinna Kirchhoff) hat viel unerbetenen Rat für die junge Mutter parat, während sein Studienfreund Bölsche (Oliver Kraushaar) mit Gipsfuß und Krücken direkt aus dem Nahkampf der Klimaaktivisten in die Handlung stolpert. Als dann noch die Digitalnomadin Margarete (Nina Bruns) hinzukommt und Gerhart den Kopf verdreht, nehmen die Dinge ihren absehbar tragischen Verlauf.

Felicia Zeller hat dieser Geschichte eine Kunstsprache gegeben, die auf dem Papier die Gestalt ungebundener Verse hat, sich aber als Überzeichnung gesprochener Alltagsrede erweist. Redundanzen, fehlende Verben, halbe Gedanken und ins Nichts laufende Sätze: Die Figuren scheinen permanent auf der Flucht vor ihrem eigenen Bewusstseinsstrom zu sein und schlagen deshalb Haken. „Es ist ein richtig tolles Gebäude“, sagt Gerhart gleich zu Beginn, „Einfach nur etwas zu groß / Wie immer / Du musst immer alles, was du / Immer eine Nummer zu groß.“

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Die Präzision, mit der hier reale Kommunikationspraxis auf die Bühne gebracht wird, ist zunächst faszinierend. Aber nicht für die gesamten zwei Stunden dieses Abends, da wird das elliptische Stammeln der Akteure zur Geduldsprobe. Wie Bettina Bruiniers Inszenierung insgesamt mit mehreren Problemen zu kämpfen hat. Margarete wird uns als nicht recht überzeugende Karikatur der „digital natives“ präsentiert, was wohl vor allem durch ihren inflationären Gebrauch der Vorsilbe „mega“ markiert werden soll – und dadurch, dass sie sich ausdauernd über das nicht funktionierende Wlan beschwert.

Worin der erotische Magnetismus zwischen ihr und dem grantelnden Gerhart liegen soll, bleibt unklar, weil er zwar behauptet, aber schauspielerisch nicht wirklich beglaubigt wird. Darüber hinaus wirkt Gerharts Sturz ins Unglück unplausibel, weil die Neufassung die dabei maßgebliche Rolle der Mutter schwächt.

Yoga unter dem Kakteenwald

Dafür kann man Corinna Kirchhoff, ein Höhepunkt des Abends, dabei zusehen, wie sie von esoterischem Yoga schwärmt, der sogenannten Rugel-Methode. Es ist nicht so, dass sich unter dem von der Decke herabhängenden Wald aus weißen Schaumstoffkakteen (Bühne: Justina Klimczyk) nicht der eine oder andere zündende Moment ergäbe. Was aber nichts daran ändert, dass sich dieses „laue Intellektuellen- und Ehetrauerspiel“, wie es der Literaturwissenschaftler Joachim Seyppel einmal nannte, hier am Ende so ähnlich daherkommt: merkwürdig zahm.

Berliner Ensemble, Bertolt-Brecht-Platz 1, Mitte. Termine: www.berliner-ensemble.de