Film

„Weißes Rauschen“: Umschalten in den Survival-Modus

| Lesedauer: 4 Minuten
Barbara Schweizerhof
Jack (Adam Driver), Babette (Greta Gerwig) und ihre Patchwork-Familie müssen sich in der Krisensituation bewähren.

Jack (Adam Driver), Babette (Greta Gerwig) und ihre Patchwork-Familie müssen sich in der Krisensituation bewähren.

Foto: Netflix

Noah Baumbach verfilmte einen als unverfilmbar geltenden Roman. Das geht nicht ganz auf. Aber es gibt viele schöne Star-Momente.

Bislang war der Indie-Regisseur Noah Baumbach eher für redselige Filme in der Nachfolge von Woody Allen bekannt. In Filmen wie „Frances Ha“ und „Marriage Story“ sezierte er sensibel das komplizierte Netz menschlicher Beziehungen im Amerika der Gegenwart. Mit „Weißes Rauschen“ nun widmet er sich der Adaption eines postmodernen Romans von Don DeLillo von 1985, der als unverfilmbar galt.

„Weißes Rauschen“: Wenn Katastrophen-Theorie zur Praxis wird

Im Mittelpunkt steht zwar wieder eine typische amerikanische Familie, aber um sie herum ist diesmal alles ganz anders. Das beginnt damit, dass „Weißes Rauschen“ in der Zeit der Romanentstehung, den 80er-Jahren, spielt. Ort der Handlung ist eine namenlos bleibende, kleinere Universitätsstadt irgendwo im Mittleren Westen.

Der Film eröffnet mit einer Montage spektakulärer Autounfallszenen aus der Geschichte Hollywoods. Sie ist Teil eines Vortrags, den Professor Murray Siskind (Don Cheadle) hält. Mit Leidenschaft will er seinen Studenten nahezubringen, dass es sich weniger um Gewaltakte handelt als um ein „Feiern“ filmischer Möglichkeiten: „Jeder neue Autounfall soll besser als der letzte sein.“

Der Trailer zum Film: „Weißes Rauschen“

Später erklärt Murray seinem Kollegen Jack (Adam Driver), demnächst ein Studienfach für Elvis einrichten zu wollen. Sein Vorbild dafür sind die „Hitler-Studien“, die Jack zu seinem Schwerpunkt gemacht hat. Die Parallelen lägen auf der Hand: fürsorgliche Mütter und eine Liebe zu Hunden. Sollte es jemand bis dahin noch nicht verstanden haben: Bei „Weißes Rauschen“ handelt es sich um eine Satire.

Ironisch gesehen wird aber nicht nur das weltfremde Treiben an US- Colleges, sondern auch die moderne Familienstruktur. Jack nämlich, die von Adam Driver einmal mehr mit fesselnder Präsenz verkörperte Hauptfigur des Films, ist der Patriarch einer Patchworkfamilie.

Auf der Flucht vor einer gigantischen Giftwolke

Verheiratet in vierter Ehe ist er mit Babette (Greta Gerwig), zusammen ziehen sie vier Kinder aus vorherigen Beziehungen auf, nur das jüngste ist ihr gemeinsames. Babette arbeitet als Physiotherapeutin und steckt in einer Midlife-Krise. Die Angst vor dem imaginiert nahen Tod lässt sie kaum mehr schlafen, so dass sie inzwischen zu Pillen greift.

Gerade als die Kinder ihre zunehmenden Gedächtnisausfälle bemerken, kommt es in der Nähe ihrer Stadt zu einem Autounfall mit einem Gastank, woraufhin eine riesige Giftwolke in den Himmel steigt. Als zur Evakuierung aufgefordert wird, finden sich Jack und seine Familie im Stau der Flüchtenden auf der Autobahn wieder. Das Umschalten in den Survival-Modus fällt dem Intellektuellen nicht leicht.

Beginnt der Film noch etwas beschaulich mit College- und Familienszenen, wird er mit dem Unfall rasanter, droht sich aber auch in den wilden Wendungen zunehmend zu verirren. Zu den vergnüglichen Überraschungen des Films gehören dabei zwei kurze, aber sehr prägnante Auftritte großer deutscher Schauspieler: Sowohl Lars Eidinger als auch Barbara Sukowa dürfen unter Beweis stellen, dass es dem hiesigen Kino nicht an Starpower mangelt.

Eine Art Nummernrevue von galliger Zeitkritik

Den satirischen Montage-Ton der Vorlage übersetzt Noah Baumbach in einen Strom von sich überlappenden Dialogen und Szenen mit schwarzen, slapstick-haften Humor. Die Themen des Buchs – Kritik am Medien- und Konsum-Zeitalter, das Verschwörungstheorien hervorbringt aber den echten Gefahren der Welt nicht gewachsen ist –, klingen heute zwar noch aktuell, aber Baumbach scheitert in seinem Film damit, das auch zu inszenieren.

Stattdessen zerfällt „Weißes Rauschen“ in eine Art Nummernrevue von galliger Zeitkritik und 80er-Jahre-Nostalgie. Andererseits passt die Netflix-Produktion, die nur kurz ins Kino kommt, bevor sie ab 30. Dezember auf dem Streamingportal läuft wird, damit bestens zur Netflix.-Erfolgsserie „Stranger Things“. Und ins Firmenprofil.