Film

„An einem schönen Morgen“: Wenn ein Vater verschwindet

| Lesedauer: 2 Minuten
Clément (Melvil Poupaud, l.) liebt Sandra (Léa Seydoux, r.).

Clément (Melvil Poupaud, l.) liebt Sandra (Léa Seydoux, r.).

Foto: Weltkino

Mia Hansen-Løves wunderbarer Film über das Abschiednehmen und neue Lebensanfänge – mit einer fantastischen Léa Seydoux.

Sandra muss um ihren Vater trauern, während er noch lebt. Er leidet unter dem Benson-Syndrom, einer degenerativen Nervenerkrankung. In der ersten Szene dieses Films der französischen Regisseurin Mia Hansen-Løve, die damit nach „Bergman Island“ (2021) zum zweiten Mal in Folge zu den Filmfestspielen von Cannes eingeladen wurde, steht Sandra (Léa Seydoux) vor der verschlossenen Wohnungstür von Georg (Pascal Greggory), obwohl dieser zuhause ist.

Wie wickelt man das Leben eines geliebten Menschen ab?

Er kann wegen der Einschränkungen seines Sehvermögens den Türgriff nicht mehr finden. Er, einstmals Professor für Philosophie und Experte für deutschsprachige Literatur, ist in einen Körper eingesperrt, der sich langsam aus der Sprache und dem Leben verabschiedet. „Es ist, als würde er ertrinken“, sagt Sandra.

Sie ist seit dem Tod ihres Partners alleinerziehend, nun kommt der Pflegefall für die Mittdreißigerin als weitere Belastungsprobe hinzu. Als die Entscheidung feststeht, den Vater ins Heim zu geben, steht sie ratlos vor den vielen Büchern, die er nun zurücklassen muss: Wie wickelt man ein Leben eines geliebten Menschen ab, und wie hält man das aus?

Der Trailer zum Film: „An einem schönen Morgen“

Sie will ja auch ihrer Tochter Linn (Camille Leban Martins) eine unbeschwerte Kindheit bieten. Ein Hoffnungsschimmer scheint sich anzudeuten, als sich aus der langjährigen Freundschaft zu Clément (Melvil Poupaud) eine Liebesbeziehung zu entwickeln beginnt – die andererseits unter keinem guten Stern steht, denn Clément lebt immer noch mit seiner Frau Valérie zusammen, mit der er einen gemeinsamen Sohn hat.

So ungekünstelt und unverstellt wird im Kino sonst selten erzählt

Léa Seydoux versteht es ganz meisterhaft, das ständige Schwanken zwischen Trauer, Zuversicht und Alltagsnormalität glaubhaft zu machen. Man merkt diesem wunderbaren Film deutlich an, dass er sich aus persönlichen Erfahrungen der Regisseurin mit ihrem inzwischen verstorbenen Vater speist: So unverstellt und ungekünstelt wurde im Kino selten vom Abschiednehmen erzählt.

Als Sandra ihrem Vater eine von ihm geliebte Schubert-Sonate auflegen will, bittet er sie darum, sie auszustellen: Er versteht seine Gefühle nicht mehr. Wahrer, trauriger geht es kaum.