Film der Woche

„She said“: Maria Schraders Film über den Weinstein-Skandal

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Bei ihren Recherchen müssen sie eine Mauer des Schweigens  durchbrechen: Die Journalistinnen Megan Twohey (Carey Mulligan, l.) und Jodi Kantor (Zoe Kazan).

Bei ihren Recherchen müssen sie eine Mauer des Schweigens durchbrechen: Die Journalistinnen Megan Twohey (Carey Mulligan, l.) und Jodi Kantor (Zoe Kazan).

Foto: JoJo Whilden / dpa

In ihrem #MeToo-Film findet Maria Schrader immer den richtigen Ton: „She said“ ist ein wichtiger Film - aber auch ein sehr guter.

Eine junge Frau spaziert mit ihrem Hund durch den Wald. Und findet sich in einer anderen Welt. Weil hier ein Historienfilm gedreht wird. Zu dieser Welt will sie auch gehören. Aber dann ein harter Schnitt: Dieselbe Frau rennt panisch vor etwas davon. Sie ist wirklich Teil der Filmwelt geworden, aber anders als gedacht. Der Traum wurde zum Alptraum. So beginnt dieser Film. Und es ist, das erfährt man bald, nur einer von viel zu vielen Fällen, die viel zu lang verschwiegen wurden.

Nachdem es mit „Bombshell“ bereits 2019 einen thematisch ähnlichen Film über die sexuellen Übergriffe des Fox-News-Chef Roger Ailes gab, kommt am Donnerstag der neue #MeToo-Film „She said“ ins Kino, der den Fall Harvey Weinstein behandelt. Wobei die Filmindustrie hier gleich selbst zum Thema wird. Ein Film, den jeder sehen will, bei dem aber auch jeder genau zu wissen glaubt, wie er auszusehen hat. Weil es niemanden gibt, der zu dem Casus keine Meinung hat. Und weil es dazu auch schon zahlreiche Reportagen und Filmdokumentationen gibt.

Ein heikler Film über Hollywood, den man wohlweislich an zwei Außenseiterinnen gab

Aber dieser Film rückt die Dimension dieses Traumas und blinden Flecks in der Traumfabrik in den Mittelpunkt. Es war einer der heißesten Stoffe im Filmbusiness. Aber auch einer, bei dem man sich die Finger hätte verbrennen können. Deshalb hat man ihn wohlweislich an zwei Filmemacherinnen gegeben, die nichts mit dem Hollywoodsystem zu tun hatten.

Zum einen die britische Autorin Rebecca Lenkiewicz, die das Drama „Her Naked Skin“ schrieb und Drehbücher für Filme wie „Ida“ und „Colette“. Zum anderen die deutsche Regisseurin Maria Schrader, die in den USA für Aufsehen sorgte mit ihrer Netflix-Serie „Unorthodox“. Die spielte im jüdisch-orthodoxen Viertel von New York. Und auch da schon hätte sich Schrader die Finger verbrennen können, bewies aber gerade Fingerspitzengefühl, was die Darstellung einer ihr völlig fremden Welt anging.

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Der Trailer zum Film: „She said“

Die beiden Filmemacherinnen gingen den einzig richtigen Weg. Weil sie die Geschichte hinter der Geschichte erzählen. Wie also zwei junge Investigativ-Reporterinnen der „New York Times“, Megan Twohey (Carey Mulligan) und Jodi Kantor (Zoe Kazan), recherchieren. Für die Hollywood auch ein absolutes Neuland ist. Und die erst allmählich die Ausmaße und Tragweite und des Falls erkennen. Die quälend lange gegen eine Mauer des Schweigens ankämpfen. Und von traumatisierten Frauen immer mehr schreckliche Details erfahren – aber immer nur im Vertrauen, weil keine damit an die Öffentlichkeit gehen will. Ändert sich ja doch nichts.

Es ist dies eben nicht der Einzelfall Weinstein, der seine Position als allmächtiger Hollywoodmogul skrupellos ausnutzte, um Frauen gegen ihren Willen zum Sex zu zwingen. Sondern, das macht die Geschichte so exemplarisch, um ein ganzes System, dass diesen Missbrauch geschützt hat. Die Frauen wurden dabei mundtot gemacht. Mit Schweigegeld. Oder nötigenfalls mit Verleumdungen und Drohungen.

Das Gesagte und das Gesehene erzeugt ein Kopfkino, das noch verstörender ist

„She Said“ rollt das alles auf. Ganz nüchtern, sachlich, fast wie in einem Dokumentarfilm. Weinstein, der Täter, wird dabei nie gezeigt. Nur am Ende ist er mal am Telefon zu hören, wenn er die Recherchen torpedieren will, und ganz zum Schluss von hinten und weit weg zu sehen, als er mit einem Tross von Anwälten überraschend im Verlag auftaucht, um die Publikation noch zu verhindern.

Es gibt auch keine Rückblenden, die die Übergriffe zeigen. Stattdessen erzählen die Opfer, was ihnen widerfahren ist. Aber wie sie dies tun, wie sie dabei stocken, mit den Tränen kämpfen, sich schämen und kaum überwinden können – , das macht die Szenen nur umso eindringlicher. Es ist bemerkenswert, dass das Medium Kino, das doch sonst ganz auf die Emotionalisierung durch Bilder setzt, sich hier einmal ganz aufs Zuhören verlegt. Was ja schon im Titel programmatisch angelegt ist.

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Zu den Aussagen gibt es dann höchstens Bilder von Hotels, in denen die Übergriffe passiert sind: lange, endlose Flure, das Bett in der Suite, der Morgenmantel darauf und Kleider, die am Boden liegen. Das Gesagte und das Gezeigte erzeugen ein Kopfkino, das vermutlich noch erschütternder und verstörender ist, als es jede Nachstellung leisten könnte.

Ein Denkmal für alle Frauen, die dem Film ihre Geschichte zur Verfügung stellten

„She said“ zeigt auch, unter welchem Druck die Journalistinnen stehen. Die beide jung sind und Beruf und Familie vereinen wollen. Megan Twohey hatte zuvor schon Investigativ-Reportagen über Donald Trump, dessen dubiose Deals und seine sexistische Haltung gegenüber Frauen geschrieben. Und dennoch wurde Trump Präsident. Und verhöhnte sie öffentlich. Sie war damals schwanger, wusste nicht, ob sie weitermachen wollte, und sicher nicht bei dem Thema. Bis Jodi Kantor bei ihr anrief und sie fragte, wie sie Frauen dazu gebracht habe, ihr Schweigen zu brechen. Der Beginn einer wunderbaren Kooperation.

„She Said“ ist ein Denkmal für all die Frauen, die den Mut hatten, ihre Geschichte öffentlich zu machen. Die Opfer von Harvey Weinstein. Aber auch die Journalistinnen, die ihr Privatleben abfilmen ließen. Es ist zudem ein Recherche-Thriller, der die Unabhängigkeit und Unbestechlichkeit des kritischen Journalismus feiert.

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Nicht von ungefähr erinnert eine Szene, in der Carey Mulligan und Zoe Kazan in der Redaktion sitzen, an den Filmklassiker „Die Unbestechlichen“, in dem Dustin Hoffman als Carl Bernstein und Robert Redford als Bob Woodward die Watergate-Affäre aufdeckten und Präsident Nixon zu Fall brachten. Erstmals öffnete die „New York Times“ dafür ihre Pforten für Dreharbeiten. Allerdings waren ihre Mitarbeiter pandemiebedingt auch alle im Home Office.

Weinstein sitzt erneut vor Gericht - und die Jury darf den Filmtrailer nicht sehen

Dass „She said“ ein wichtiger, ein nötiger Film ist, war von vornherein klar. Dass er auch ein so guter und eindringlicher werden würde, der immer den richtigen Ton trifft, das konnte man allenfalls erhoffen. Die Ironie des Ganzen: Der Film wird wohl auch eine Rolle bei der Oscar-Verleihung spielen, die früher stets ein Heimspiel für Weinstein war.

Der aber sitzt nun im Gefängnis. Und derzeit erneut als „degenerierter Vergewaltiger“ auf der Anklagebank. Die Gerichtsjury durfte übrigens nicht den Trailer zu „She said“ schauen. Um nicht voreingenommen zu sein. Als ob es noch jemanden gäbe, der noch nicht vom Fall Weinstein gehört hätte.

Drama USA 2022, 129 min., von Maria Schrader, mit Carey Mulligan, Zoe Kazan, Patricia Clarkson, Jennifer Ehle