Volksbühne

Wenn Arbeiter Theater machen: „Und jetzt?“

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Elena Philipp
Nah am Kalauer: Martin Wuttke, Franz Beil und Milan Peschel (v.l.).

Nah am Kalauer: Martin Wuttke, Franz Beil und Milan Peschel (v.l.).

Foto: Apollonia T. Bitzan

Regisseur René Pollesch blickt mit seiner neuesten Arbeit auf die Geschichte der Volksbühne zurück.

Stück um Stück schaufelt der Autor und Regisseur René Pollesch auf die Bretter seiner Volksbühne, das vierte hatte jetzt Premiere seit dem Auftakt seiner Intendanz in der letzten Spielzeit. Unermüdlich wird gewerkelt, da ist der Chef ganz Arbeiter. Außerdem muss er als Intendant ja auch die Bude füllen, die leeren Plätze im vormals an Ausstrahlung reichsten Haus am Platz wurden zuletzt mit einigem Erstaunen bemerkt. Erfüllt da einer oder: ein Team noch seinen öffentlichen Auftrag?

„Und jetzt?“ heißt die neue Kreation, die am Freitag Premiere hatte. Ein Titel so umfassend und banal wie der des Œuvres mit Fabian Hinrichs aus dem März, „Geht es Dir gut?“. Damals ließen Pollesch und Hinrichs erstaunlich alltagsaktuell die Coronazeit Revue passieren. Jetzt widmen sich Franz Beil, Milan Peschl und Martin Wuttke wieder milde Theoretischem und hintergründig Historischem, dargeboten im Gestus von Zirkus und Laienspiel.

Agitpropler stellen die Drei in ihren Crash-Test-Dummy-Anzügen vor, Arbeiter, die Theater machen. Mit viel Aufwand und möglichst wenig Anstrengung arrangieren sie Holzbohlen über einem Graben im Bühnenboden, wuchten Werkzeugkoffer und rauchen an einem der vier Kantinentische, die vor der Rampe stehen. Pause. Und dabei denken. Vom Petrolchemischen Kombinat Schwedt sind dieser „Heinz“, „Klaus“ und „Hans-Jürgen“, und sie wollen einen „Sommernachtstraum“ aufführen. Oder „Horizonte“ von Gerhard Winterlich. Vielleicht auch Winterlichs Leben, mit drei Pausen? Sicher ist das nicht, und das ist ja auch die Intention dieses mit komödiantischer Leichtigkeit agierenden Trios. Alles in der Schwebe zu halten ist große Theaterkunst. Und die beherrschen vor allem Peschel und Wuttke mit dem kleinen Finger.

Wie Heiner Müller Shakespeare rezipierte

Aufgerufen wird hier, aller Nonchalance zum Trotz, ein Stück Theatergeschichte: Gerhard Winterlich war Leiter des Arbeitertheaters am VEB Erdölverarbeitungswerk Schwedt, seine „Horizonte“ gewannen beim ökonomisch-kulturellen Leistungsvergleich in Karl-Marx-Stadt 1968 eine Goldmedaille. Der Dramatiker Heiner Müller übernahm den Stoff und kombinierte das Stück über die Einführung der Kybernetik, also digital gesteuerte Regelungstechnik, mit den Handwerkerszenen aus Shakespeares „Sommernachtstraum“. 1969 startete Benno Besson mit der Inszenierung seine Volksbühnen-Intendanz. Und 2022 inszeniert sich Pollesch als Erbe der DDR-Theatertradition – dass er diese Tradition immer wieder aktualisiert, ist ein Verdienst. Wer nicht dabei war, bleibt leicht außen vor, aber so ist das mit eingeschworenen Zirkeln und vor allem: einer zweigeteilten Geschichte.

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Nostalgisch ob der ‚guten alten Zeit’ ist hier allerdings auch niemand, das wäre undialektisch – man muss schon gegen sich denken, und so kritisieren Peschl und Wuttke die kesse Arroganz jugendlicher Agitpropler, die Schrecken des Stalinismus oder das endlose Gerede im sozialistischen Politalltag. Franz Beil als Nachgeborener, der lustvoll alle Arten Arbeitskleidung trägt, stellt die nahe liegenden Fragen: „Drei Pausen?“ – „Es ist ein langes Leben.“

Nah am Kalauer tänzelt das Trio. Fläzt sich in den Plastikstühlen und tauscht sich dabei über EDV und die Kunstbewegung der Situationisten aus. Generische Filmmusik plätschert aus der Soundanlage, von Raymond Lefèvre, der für den französischen Komiker Louis de Funès komponiert hat. Auch die Bühne von Anna Viebrock hat ihren Auftritt: Wenn Martin Wuttke einen Fuß auf die Bretterbühne setzt, die im Hintergrund aufgebaut ist, mit einem Schild als „Diskothek“ ausgewiesen, dann werden die Lichter bunt und es erklingt Tanzmusik. Fuß hoch – Stop, Fuß runter – Disko.

Wuttke zuckt, als „Macbeth“ genannt wird

Ein Stopptanz mit der Technikabteilung, die hier sekundengenau reagieren muss. Und: Großer Bühnenzauber, wenn der gigantische weiße Rundhorizont plötzlich in Farbe getaucht ist. Schnee fällt. Oder sich aus dem Schnürboden Stoffbahnen entrollen, bedruckt als Baumstämme für den „Sommernachtstraum“. Auratisch leere Räume hat Anna Viebrock schon früher an der Volksbühne gebaut, für Christoph Marthaler, der in den besten Zeiten regelmäßig am Haus inszenierte. Ihr Minimalismus ist grandios: Neben dem Diskogerüst stehen rechts und links zwei Tribünen, dazwischen drei schmale Schwimmbecken, einige echte Baumstämme und fertig ist die Arbeitererholung oder: Spielfläche.

Wuttke, Peschl, Beil wissen sie zu nutzen – mit der gleichen Haltung, mit der sie die für ihr naives Theaterspiel gelobten Arbeiter mimen, die längst schon Sachbearbeiter sind und damit von der Werktätigkeit entfremdet. Lässig, immer eine Spur unterspannt, um dann voll aufzudrehen und den philosophischen Clown zu geben. Martin Wuttke etwa zuckt bei der Nennung des Shakespeare-Titels „Macbeth“ zusammen, als träfe ihn eine blitzartige Erkenntnis – oder der vom Theater-Aberglauben angenommene Schlag? Immer schön in alle Richtungen spielen, mit einem Bühnenvorgang eine Vielzahl an Deutungsmöglichkeiten liefern, das zeichnet Pollesch-Spieler:innen aus. All das ist recht unterhaltsam, wirkt aber auch arg selbstreferenziell. Theater um des Theaters willen? Weil das „Riesending in Mitte“, wie Pollesch die Volksbühne in einem seiner Stücktitel scherzhaft nannte, betrieben werden muss? Die Pollesch-Fans applaudieren laut und lange.

Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Mitte. Termine: 10.12., 26.12., 7.1., 15.1., jeweils 19.30 Uhr.