Nachruf

Christiane Hörbiger: Eine mehr als ungewöhnliche Frau

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Immer Dame, immer elegant: So kannte und so liebte ein Millionenpublikum Christiane Hörbiger.

Immer Dame, immer elegant: So kannte und so liebte ein Millionenpublikum Christiane Hörbiger.

Foto: Sven Hoppe / dpa

Sie war die Grande Dame des Films, auch wenn sie sich eher als Clown sah: Nun ist Christiane Hörbiger im Alter von 84 Jahren gestorben.

Berlin. Sie war die Grande Dame des deutschsprachigen Films. Und zunehmend auch das: ein Ur-Gestein. Auch wenn sie diese Bezeichnung wohl nur mit einem leichten Nasenrümpfen quittiert hätte. Für das war sie auch bekannt – und manchmal gefürchtet. Aber als Urgestein bezeichnet zu werden, muss man sich auch erst mal verdient haben. Erst recht, wenn man in eine solche Schauspielerdynastie hineingeboren wurde wie Christiane Hörbiger. Bei einem Vater wie Attila Hörbiger, einer Mutter wie Paula Wessely und einem Onkel wie Paul Hörbiger, alle drei Publikumslieblinge, Schauspielerlegenden – und lange Schatten, gegen die sich das junge Nanerl behaupten musste.

Vom jungen Mädchen wechselte sie gleich ins Fach der reifen Frau

Die Eltern wollten eigentlich nicht, dass sie in ihre Fußstapfen trat. Zuckerbäckerin sollte sie werden. Deshalb schickten sie sie auf die Handelsschule, kauften ihr gar eine Konditorei. Doch die ging Konkurs, noch bevor sie sie übernehmen konnte. So konnten sich die Eltern dem Wunsch der Tochter, Schauspielerin zu werden, nicht länger verschließen.

Ihre Ausbildung am renommierten Max-Reinhardt-Seminar brach sie aber nach nur vier Wochen ab – wegen eines Filmangebots. Ihre ersten Meriten wollte sie sich nicht auf den Bühnen verdienen, auf denen die Eltern glänzten. Sondern vor der Kamera, vor der es vor allem der Onkel zu größter Popularität gebracht hat. In einigen der typischen Heimatschmonzetten der 50er-Jahre. Wobei die gerade mal 17-Jährige ihre Herkunft nicht verleugnete, sondern anfangs gar noch durch den Doppelnamen Hörbiger-Wessely unterstrich.

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Erst dann trat sie ihr Theaterdebüt an, 1959 am Burgtheater, als Recha in „Nathan der Weise“. Das jedoch wurde eine ihrer wenigen Misserfolge. Weshalb sie sich erst mal auf anderen Bühnen bewähren musste, ab 1967 etwa am Zürcher Schauspielhaus oder 1968 als Buhlschaft im „Jedermann“ auf den Salzburger Festspielen. Früh schon spielte sie zentrale klassische Mädchen- und Frauenrollen. Und ließ bald vergessen, dass sie nur „die Tochter“ war.

Mit den „Guldenburgs“ wurde sie einem Millionenpublikum bekannt

Der Mutter nicht unähnlich, spielte auch Christiane Hörbiger zunächst scheinbar weltverlorene, zerbrechliche, feingeistige Frauenfiguren. Aber schon bald trat an deren Stelle eine würdevolle Damenhaftigkeit, die bald zu ihrem Markenzeichen werden sollte. Und mit dieser Noblesse, die wahlweise immer auch mit etwas Diven-Allüren oder aber sehr trockenem Humor unterlegt werden konnte, begann spät dann doch noch der Siegeszug auch vor der Kamera.

Als das ZDF 1987 seine prestigeträchtige Bieradel-Soap „Das Erbe der Guldenburgs“ konzipierte und sich fragte, wer dieses Erbe nach dem frühen Ableben des Patriarchen übernehmen könnte, kam man auf sie, die man damals schon „die Hörbiger“ nannte. Die Serie, die drei Jahre lief und einer der größten Erfolge der 80er-Jahre war, machte sie denn auch über ihre österreichische Heimat hinaus populär.

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Wie populär, kann man schon daran ermessen, dass Helmut Dietl, als er 1992 den „Stern“-Skandal um die gefälschten Hitler-Tagebücher als grelle Kinosatire verfilmte, sie als ewiggestrige Göring-Nichte besetzte. Hier spielte sie erstmals an der Seite von Götz George, mit dem sie später eine enge Freundschaft verbinden sollte. Und mit dem sie auch immer wieder vor der Kamera stand.

Sie war immer mehr als nur Schauspielerin: eine Autorität, eine Instanz

Wer die Hörbiger nicht auf der Bühne erlebt hat, dem fehlen die mittleren Jahre, die doch eigentlich die Karriere bestimmen. Aus dem Kino kennt man nur das junge Nanerl aus dem Heimatfilm, über den man heute selbst hörbiger-mäßig die Nase rümpft und von dem sie sich selbst früh abgewandt hat. Und dann kennt man wieder die gereifte, stets elegante, Contenance bewahrende, silber- und bald auch weißhaarige Dame.

Eben „die Hörbiger“, die immer mehr war als nur eine Figur. Eine Autorität. Fast schon eine Instanz. Ob als Wiener Juristin in der Serie „Julia - Eine ungewöhnliche Frau“. Oder als kaltherzige Alte in der TV-Verfilmung von Dürrenmatts „Der Besuch der alten Dame“. Nur die Obdachlose, die sie einmal im ARD-Drama „Auf der Straße“ spielte, mochte man der feinen Dame nicht ganz abnehmen. Aber sonst konnte sie so ziemlich alles spielen. Und das tat sie auch, bis ins hohe Alter hinein.

Längst mussten da andere aus ihrem Schatten treten. Ihre Schwestern Elisabeth Orth und Maresa Hörbiger, die nie dieselbe Popularität erlangten wie sie. Aber auch Mavie Hörbiger, ihre Nichte zweiten Grades, oder Christian Tramitz, ein Neffe zweiten Grades. Und ihr Sohn, Sascha Bigler, den sie nach dem frühen Tod ihres ersten Mannes Rolf R. Biegler alleine großzog und der heute als Regisseur in Los Angeles lebt.

Zu ihrem 70. Geburtstag 2008 veröffentlichte „die“ Hörbiger ihre Lebenserinnerungen mit dem ironischen Titel „Ich bin der weiße Clown“. Darin bekannte sie sich überraschend zu einer Zirkusfigur. Nicht zum dummen Augst, der uns zum Lachen bringt. Schauspieler seien eher verwandt mit dem Weißen Clown, der seine Arbeit mit weihevollem Ernst spielt.

Vor dem Tod hatte sie keine Angst – nur vor einem verkniffenen Ausdruck

„Ich muss der Weiße Clown sein. Ich muss ernst nehmen, was ich spiele“ schrieb sie. „Der Weiße Clown bedeutet, die luftige Welt des Scheins im Theater, im Film, im Fernsehen – im Zirkus, ernst nehmen aus Liebe.“ Diese Liebe ging ihr nie verloren. Bis ins hohe Alter.

Der Tod war in ihrem Leben ein steter Begleiter. Ihr zweiter Mann starb 1978, ihr langjähriger Lebensgefährte 2016, kurz bevor sie heiraten wollten. Hörbiger saß auch bei beiden Eltern am Totenbett. Vor dem Tod habe sie deshalb keine Angst, bekannte sie einmal. Sie wollte dabei nur „keinen verkniffenen Ausdruck haben. Ich hoffe, dass auf meinem Gesicht ein Lächeln sein wird, wenn ich gehe...“ Nun ist die große Schauspielerin am gestrigen Mittwoch in ihrer Heimatstadt Wien gestorben, nur sieben Wochen nach ihrem 84. Geburtstag.