Komische Oper

Ein Pirat stapft durchs Kinderzimmer

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Volker Blech
„Der fliegende Holländer“ mit Günter Papendell (Titelrolle), Daniela Köhler (Senta) und Jens Larsen (Daland, v.l.) an der Komischen Oper.

„Der fliegende Holländer“ mit Günter Papendell (Titelrolle), Daniela Köhler (Senta) und Jens Larsen (Daland, v.l.) an der Komischen Oper.

Foto: Monika Rittershaus

Regisseur Herbert Fritsch zeigt Wagners „Der fliegende Holländer“ an der Komischen Oper als bunte Operettenfantasie.

Für alle, die Berührungsängste vor Richard Wagners düsteren Operngiganten haben, könnte die Neuinszenierung eine Einstiegsdroge sein. „Der fliegende Holländer“, der am Sonntag seine weitgehend gefeierte Premiere an der Komischen Oper erlebte, ist bunt, regelmäßig überdreht und meidet alles Geheimnisvolle. Regisseur Herbert Fritsch hat die Handlung in ein Kinderzimmer verlegt. Dort schaukelt ein putziges Schiffchen, eher eine Nussschale, mit rotem Segel. Die handelnden Figuren entspringen der Kinderfantasie. Oder besser: Der Plot spult literarisch-theatralische und filmische Vorbilder ab. Die zweieinviertel Stunden der Aufführungs vergehen wie im Fluge. Man sollte dabei aber nicht auf psychologische Turbulenzen warten.

Dieser „Fliegende Holländer“ passt in seiner Operetten-Leichtigkeit schon in den gepflegten Komische-Oper-Style. Dabei hat sich das kleine Opernhaus in seiner Geschichte mit Richard Wagner immer schwergetan. Von einer Tradition kann man nicht reden. Zuletzt hatte Regie-Intendant Barrie Kosky dem Haus eine Wagner-Abstinenz verordnet. Die ist seit Sonntag wieder aufgehoben.

Bereits der erste Wagner in der mittlerweile 75-jährigen Geschichte der Felsenstein-Bühne blieb ein Außenseiter. Es war „Der fliegende Holländer“. 1962 hatte Joachim Herz das mythische Stück gesellschaftskritisch in die Entstehungszeit um 1840 verlegt. Der norwegische Reeder Daland sollte ein typisch besitzgieriger bürgerlicher Unternehmer sein, der seine Tochter Senta an einen Fremden verschachert. Die Berliner Inszenierung erlebte immerhin 33 Aufführungen.

Naturgewalten und das Matrosenlied sind in die Oper eingeflossen

Komponist Richard Wagner war seinerzeit auf der Flucht vor seinen Gläubigern. Noch in Riga hatte der Kapellmeister Heinrich Heines berühmte Erzählung „Aus den Memoiren des Herren von Schnabelewopski“ über den sagenumwobenen Holländer gelesen. Die Flucht des jungen Wagner-Ehepaars nach London wurde dramatisch. Das alte Segelschiff mit Richard und Minna, Neufundländer Robber und sieben Mann Besatzung an Bord geriet in einen furchtbaren Sturm. In einem norwegischen Fjord fanden sie Zuflucht. Das Ambiente, die Naturgewalten und das Matrosenlied sind in die Oper eingeflossen.

Bei Herbert Fritsch krachen lustvoll die Gegenwelten aufeinander. Die auffällig blonden Norweger in ihren schicken weißen Matrosenanzügen können so unverschämt grinsen und herumtollen. Die heruntergekommenen Seeleute des Holländers schlurfen dagegen wie Zombies aus einschlägigen Horrorfilmen herum. Die Chorsolisten und die Komparserie der Komischen Oper sind großartig und unüberhörbar. Die Chorszenen sind voller Tempo und Wucht.

Die Entstehungsgeschichte ist auch deshalb wichtig, weil das Ehepaar Wagner ihre eigenen Krisen durchlebte. Schauspielerin Minna ging eine heimliche Affäre ein und verließ Richard dann für einige Monate. Die traumatische Erfahrung ließ der Komponist in den „Fliegenden Holländer“ einfließen, in dem es um die erlösende ewige Treue einer zwischen zwei Männern schwankenden Frau geht. Regisseure rücken deshalb gerne die Senta als Hauptfigur in den Mittelpunkt.

Künstlerin Charlie Casanova hat während der Proben ein Porträt gemalt

Daniela Köhler singt in der durchweg bemerkenswert-spielstarken Solistenriege eine dramatische Senta, die sich eher als schrille Alice im Wunderland präsentieren muss. Als Wagner-Sängerin sieht sie sich am Ende zu Recht bejubelt. Ihre scharfen Höhen stehen im Kontrast zum naiven Mädchen. In der Spinnstube hat sie ein seltsames, lebensgroßes Gemälde anzuhimmeln, das die Künstlerin Charlie Casanova während der Proben malte.

In Dalands Haus erscheint leibhaftig der Holländer, der eher an Johnny Depp, den charmanten Film-Piraten aus der Karibik, als an einen fluchbeladenen Hochromantiker erinnert. Günter Papendell versucht gar nicht erst, in den großen Stiefeln eines Heldenbaritons durch die Handlung zu stapfen. Er leiht dem smarten Anti-Helden seinen sorgsam geführten Charakterbariton. Dafür erhält er am Ende viel Beifall und Buhs. Papendell gelingt zweifellos die interessanteste und streitbarste Deutung in dieser Neuinszenierung.

Der Regisseur gesteht jedem Sänger seinen großen Showauftritt zu

„Nicht anfassen!“ schreit der Holländer einmal. Daland wollte nur das Schiffchen anfassen. Das ist ein Wagner-Gag von Herbert Fritsch. Man gewöhnt sich schnell an seinen Humor.

Jens Larsen als Daland und Brenden Gunnell als Erik können ihre Figuren komödiantisch veredeln. Der Steuermann von Caspar Singh wird bei Fritsch deutlich aufgewertet. Der Regisseur gesteht jedem seinen großen Showauftritt zu. Wagner als Revue.

Dirk Kaftan steht am Pult des Orchesters der Komischen Oper und kann vor allem Leidenschaft herauskitzeln. Es ist viel los im Kinderzimmer. Am Ende werden der Holländer und Senta im Hintergrund gemeinsam gen Himmel fahren. Beim Schlussapplaus nimmt Herbert Fritsch denselben Weg. The show must go on. Das Ganze verströmt den Atem einer Opernparodie. Es ist sehenswert – solange das Original nicht in Vergessenheit gerät.

Komische Oper, Behrenstr. 55-57, Mitte. Tel. 47997400. Termine: 3., 6., 10., 14., 17., 25. und 29.12.