Berlin

Ina Müller hat bei ihrem Konzert viel zu erzählen

| Lesedauer: 3 Minuten
Ulrike Borowczyk
Ina Müller (Archivbild).

Ina Müller (Archivbild).

Foto: Hein Hartmann / imago/Future Image

Nach fünf Jahren tritt Ina Müller wieder in Berlin auf - und liefert zweieinhalb Stunden, die einem wie ein kleiner Urlaub vorkommen.

Im Lockdown hat Ina Müller festgestellt, dass Essen bestellen viel bequemer ist als ein Restaurantbesuch. "Wie Essen gehen, nur ohne BH," scherzt sie und stimmt nahtlos den Song "Orangenhaut" an. Und die ist ihr lieber als noch mal ein 18-jähriger Backfisch zu sein, ganz ohne Profil. In der Pandemie hat sie auch frei nach Marie Kondo aufgeräumt und ihre Victoria-Beckham-Jeans weggeschmissen. Die hat eh nie gepasst, obwohl Ina sie in Größe 44 gekauft hat.

Als Ina Müller das letzte Mal vor fünf Jahren in Berlin war, war Corona noch ein Bier. Hätte sie gewusst, was passiert, wäre die Sängerin nie von der Bühne gegangen. Ihr natürlicher Lebensraum, den sie schmerzlich vermisst hat. Jetzt endlich ist sie wieder in der fast ausverkauften Mercedes-Benz Arena und macht das, was sie am besten kann: sabbeln und Singen.

Ina Müller hat bei ihrem Konzert viel zu erzählen

Die Kult-Blondine hat so viel zu erzählen, dass die Songs ihres aktuellen Albums "55", die sie fast alle performt, beinahe zur Nebensache geraten. Der Longplayer erschien bereits 2020. Mittlerweile ist die Schellfischposten-Ikone 57 und hadert hochkomisch mit ihrer altersbedingten Tüdeligkeit. Und sie erinnert sich gern an früher. Damals, als sie noch jung war. Wie im Lied "Rauchen", als sie mit den Jungs um den Aschenbecher herumstand. Heute längst verboten.

Eingerahmt von ihren beiden Backgroundsängerinnen Ulla und Sarah Jane, zündet sie sich daher erst mal auf offener Bühne eine Zigarette an. "Das bringt etwas Punk ins Leben!", findet sie. Backstage lauern allerdings schon vier Feuerwehrleute darauf, ob sie nicht doch etwas abfackelt. Also plaudert sie lieber, statt sich noch eine Portion Nikotin zu gönnen.

Geboren 1965 im norddeutschen Köhlen und aufgewachsen als vierte von fünf Töchtern einer Bauernfamilie, hat sie das präzise Timing ihrer trefflichen Pointen als eine Hälfte des mehrfach preisgekrönten Musikkabarett-Duos Queen Bee, das 2005 getrennte Wege ging, von der Pike auf gelernt. Seitdem ist Ina Müller solo als Sängerin und als Moderatorin unter anderem mit ihrer Talkshow "Inas Nacht" höchst erfolgreich.

Ina Müller zeigt auch ihre zerbrechliche Seite

Begleitet von ihrer fünfköpfigen Band zeigt die Wahlhamburgerin aber auch ihre zarte, zerbrechliche Seite, wenn sie über Liebe und Beziehungsstress singt. Etwa in "Wie Heroin" oder "Obwohl du da bist". Und glänzt dabei mit ihrer rauchigen Soulstimme. Ihre humorvollen, authentischen und direkt aus dem Leben gegriffenen Songtexte schreibt sie zumeist mit Frank Ramond. Die gefühligen Kompositionen stammen von ihr und ihrem Freund, dem Musiker Johannes Oerding.

Selbstredend nimmt Ina Müller auch in den Songs kein Blatt vor den Mund. In "Eichhörnchentag" verzweifelt sie mal wieder an ihrem Alter mitsamt der Vergesslichkeit, die es mit sich bringt. Melancholisch wird es hingegen mit "Wohnung gucken". Aber nur einen kurzen Moment. Denn schließlich ist Ina Müller eine Frohnatur, die das Publikum permanent zum Lachen bringt. Zweieinhalb wunderbare Stunden mit ihr sind wie ein kleiner Urlaub. Die fünf Jahre Wartezeit haben sich gelohnt. Hoffentlich dauert es bis zum nächsten Mal nicht wieder so lange.