Hauptrolle Berlin

Eine Irr- und Sufftour durch das winterliche Berlin

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Welch ein bizarres Bild: Zirkusartisten auf dem öden Acker vor der Gropiusstadt.

Welch ein bizarres Bild: Zirkusartisten auf dem öden Acker vor der Gropiusstadt.

Foto: Ulrike Ottinger

Im Zoo Palast wird am 6. Dezember noch einmal „Bildnis einer Trinkerin“ von 1979 gezeigt. Und Ulrike Ottinger spricht über ihren Film.

Was macht einen Film zum Berlin-Film? Das ist eine Frage, die sich immer wieder stellt in der Filmreihe „Hauptrolle Berlin“, die Berliner Morgenpost gemeinsam mit dem Zoo Palast an jedem ersten Dienstag im Monat veranstaltet. Touristische Bilder, das zeigt sich immer wieder, sind es gerade nicht. Die sind meist nur Behauptungen für Geschichten, die t auch ganz woanders spielen könnten. Es gibt indes eine Ausnahme, die nun am 6. Dezember gezeigt wird: Ulrike Ottingers „Bildnis einer Trinkerin“ aus dem Jahr 1979.

Lauter winterliche, verwaist-leere Stadtbilder von einst

Darin bucht eine reiche Frau von Welt (Tabea Blumenschein), die im Abspann nur „Sie“ genannt wird, einen Flug nach Berlin. Nur hin, nicht zurück. Oder, wie es fast poetisch heißt: Aller sans retour. „Sie“ will sich ganz ihrer Passion hingeben.

Die aber ist – zu trinken, wie eine Erzählerin aus dem Off fast dokumentarisch berichtet: „Leben, um zu trinken, trinkend leben, das Leben einer Trinkerin“. Die damals eingemauerte reichlich abgerockte Insel West-Berlin scheint der rechte Ort dafür. Und ein Werbeprospekt der Stadt dient als Trinkplan. Eine Art Anti-Stadtbesichtigung, keine Sightseeing-, sondern eine Sufftour, um sich zu Tode zu trinken.

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So stakst „Sie“ (Tabea Blumenschein), immer in signalfarbenen, exzentrischen Outfits auf Stöckelschuhen an berühmten Plätzen vorbei, oder schwankt und torkelt auch mal. Schlosspark Charlottenburg, Philharmonie, Westhafen, Wannsee, die noch verwaiste Straße des 17. Juli zwischen Siegessäule und Brandenburger Tor, natürlich darf auch die Berliner Mauer nicht fehlen. Lauter winterliche, verwaist-leere Stadtbilder, an die man sich, selbst wenn man damals schon in Berlin gelebt hat, so kaum noch erinnern kann.

Das „Bildnis einer Trinkerinnen“ ist eigentlich das Psychogramm von gleich zweien

Zuweilen ergreift den Zuschauer fast Wehmut, etwa in der Szene im Café Möhring, das es schon lange nicht mehr gibt, oder gleich anfangs am Flughafen Tegel, der inzwischen Geschichte ist – und wo die ironische Ansage „Berlin, Tegel, bittere Realität“ erklingt. Ulrike Ottinger suchte nach absurden Realitäten in der Stadt. „Heitere Komplizenschaft“, so beschreibt sie ihren Draht zu den Motiven. Da gibt es auch mal einen Zirkus auf dem öden Feld vor Gropiusstadt. Und in einem U-Bahnhof wird die berühmte Treppenszene aus „Panzerkreuzer Potemkin“ parodiert. Mit einem Einkaufs- statt dem Kinderwagen.

Die mondäne Dame wirkt dabei wie eine Kunst-, ja Porzellanfigur. Ein Alien aus einer anderen Welt, die so gar nicht in die Szenerie passt. Und auch immerzu gegen Glas und Spiegel rennt, auch Flüssigkeiten gegen Scheiben oder ganze Gläser zu Boden wirft. Spiegel, Spiegelungen spielen eine große Rolle, auch Wasser, Pfützen, Verwischungen und gläserne Trennwände. Das alles symbolisiert ihre Isolation, aber auch das Sich-selbst-Fremdsein. Eine Frau, die buchstäblich im Glashaus sitzt, was mit immer neuen, raffinierten Effekten visualisiert wird.

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Ständig trifft die Fremde auf eine eine Obdachlose, die ihre wenigen Habseligkeiten im Einkaufswagen vor sich herrollt: die „Trinkerin vom Zoo“, wie sie im Abspann heißt und von der Laiin Lutze gespielt wird. Da prallen zwei Klassen, zwei Welten aufeinander. Aber die stets wie aus dem Ei gepellte Frau von Welt fordert die verwahrloste Vagabundin stets auf, mit ihr zu trinken – auch wenn dann beide aus der Bar geworfen werden. Das „Bildnis einer Trinkerin“ ist genau genommen das Psychogramm zweier Trinkerinnen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Die fast utopische Solidarität zweier Frauen ohne Halt.

Eine Odyssee durch die Stadt mit vielen bekannten Gesichtern

Und dann gibt es noch drei Frauen im einheitlichen Pepita-Aufzug, die im selben Flieger in die Stadt kommen: Soziale Frage (Magdalena Montezuma), Exakte Statistik (Orpha Termin) und Gesunder Menschenverstand (Monika von Cube) haben Rolle von Schicksalsgöttinnen in einer völlig genormten, verwalteten, technologisierten und medialisierten Welt. Und während die Fremde wie eine Stummfilmdiva niemals spricht und nur stumm, aber beredt die Welt betrachtet, durch den allerdings doppelt getrübten Blick von Glas und Alkohol, kommentiert das Frauen-Trio das Treiben umso redseliger, wie der Chor im griechisch-antiken Theater.

Auf der Odyssee durch die Stadt begegnen einem noch weitere illustre Gestalten: Die Maler Martin Kippenberger und Wolf Vostell haben Aufritte, irgendwann hockt der kantige Eddie Constantine in einer Bar, stolpert Volker Spengler als eben jener Transvestit vorbei, den er ein Jahr zuvor im Fassbinder-Film „In einem Jahr mit 13 Monden“ spielte. Und Nina Hagen singt in einer Kneipe obszöne Lieder.

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„Bildnis einer Trinkerin“ ist ein Alptraumtrip durch ein kühles, leeres, abweisendes Berlin, was für den Zuschauer durch die sehr verspielte und experimentierfreudige Inszenierung aber doch ein Genuss ist. Ulrike Ottinger, die im Sommer 80 Jahre alt wurde und sich damals als junge Filmemacherin noch schier austoben wollte, hat fast alles selbst gemacht: Regie, Drehbuch, Kamera, sie spricht auch die Erzählerin und absolviert auch einen ironischen Kurzauftritt. Und Tabea Blumenschein, die damals Ottingers Muse war, spielt nicht nur mit herrlich überladenen Gesten, sie hat sich auch all die großartigen Kostüme selbst gezaubert.

„So liebevoll und erschreckend ist die Stadt im Film noch nicht porträtiert worden“

Beide schufen damit ein echtes Zeit-Bild. „Berlin ist in diesem Film eine Stadt der Isolation“, deutete damals Norbert Jochum in der „Zeit“: „nicht, banal, der Isolation nach außen; auch nicht, schon weniger banal, der inneren Isolation; sondern Berlin ist die Isolation als Stadt, die zur Stadt verwandelte Einsamkeit.“ Und Ex-Berlinale-Chef Wolf Donner huldigte im „Spiegel“: „So liebevoll und erschreckend und wahrhaftig ist diese Stadt im Film noch nicht porträtiert worden.“

Jetzt ist der Film noch einmal zu entdecken. Und kann auch in anderen Zusammenhänge gesehen werden. Gerade erst endete die große Schau „Zusammenspiel“ über die Malereien Blumenscheins und die Fotografien Ottingers in der Berlinischen Galerie. Und am 8. und 9. Dezember würdigt die Deutsche Kinemathek das Schaffen Ottingers mit dem zweitägigen Symposium „Metamorphosen“.

Zoo Palast, 6. Dezember, 20 Uhr in Anwesenheit der Regisseurin Ulrike Ottinger. Infos unter: zoopalast.premiumkino.de/veranstaltung/hauptrolle-berlin