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„Zeiten des Umbruchs“: Soziale Verwerfungen aus Kindersicht

| Lesedauer: 2 Minuten
Thomas Abeltshauser
Der elfjährige Paul (Banks Repeta) und seine überbeschützende Mutter Esther (Anne Hathaway).

Der elfjährige Paul (Banks Repeta) und seine überbeschützende Mutter Esther (Anne Hathaway).

Foto: Universal

Regisseur James Gray erzählt halbbiografisch von einer Kindheit zu Beginn der Reagan-Ära. Dabei spielen auch die Trumps eine Rolle.

Queens Anfang der 80-er. Ronald Reagan steht kurz davor, die Präsidentschaft zu gewinnen. Der verträumte elfjährige Paul Graff (Banks Repeta) wächst in einer jüdisch-ukrainischen Mittelschichtsfamilie auf, die von seiner künstlerischen Ader nicht viel versteht. Allenfalls der gutmütige Großvater Aaron (Anthony Hopkins), der von Verfolgung geprägte Einwanderer, fördert ihn.

Panorama über weiße Privilegien und den Rassismus der 80er-Jahre

Die Eltern sind mit anderem beschäftigt: der leicht cholerische Vater Irving rackert als Kleinunternehmer, die überbeschützende Mutter Esther (Anne Hathaway) engagiert sich im Elternbeirat der Schule. Für die Clownerien, die er mit seinem Freund Johnny anstellt, tadelt der rassistische Lehrer Johnny als einzigen Schwarzen in der Klasse deutlich strenger.

Als die beiden Jungs später mit einem Joint erwischt werden, eskaliert die Situation. Um ihren Sohn vor dem vermeintlich schlechten Einfluss zu bewahren, wird Paul auf eine Privatschule geschickt, auf der er sich mühsam und nicht immer ehrenhaft arrangiert, bald auch auf Kosten der Freundschaft zu Johnny.

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Der Trailer zum Film: „Zeiten des Umbruchs“

„Zeiten des Umbruchs“ von Regisseur James Gray („Little Odessa“) basiert auf seinen semifiktionalen Kindheitserinnerungen, die zu einem Panorama über weiße Privilegien und den Rassismus in der beginnenden Reagan-Ära werden, deren Auswüchse bald den amerikanischen Traum vergiften und erst heute durch Donald Trumps Einfluss richtig sichtbar werden. Damals wurde der Stadtteil, in dem Gray aufwuchs, beherrscht von Donalds Vater, dem Immobilienunternehmer Fred Trump (John Diehl).

Persönlicher Blick und ironischer Witz

Gray erzählt von sozialen Verwerfungen aus kindlicher Perspektive, als klassisches, bisweilen etwas sentimentales Erzählkino, das von der hochkarätigen Besetzung lebt und ohne postmoderne Spielereien auskommt. Mit persönlichem Blick und ironischem Witz inszeniert er eine Jugend in den frühen 80-ern, die Kameramann Darius Khondji in herbstlich gedeckten Tönen einfängt.

In ihrer skrupellosen Gier und ihrem politischen Reaktionismus erscheint die Zeit in Grays Rückblick durchaus nachvollziehbar als Brutstätte des späteren Trumpismus. Ein Familiendrama, das im Kleinen spiegelt, wohin das ganze Land steuern wird.

Drama USA 2022 106 min., von James Gray, mit Banks Repeta, Anne Hathaway, Anthony Hopkins