Interview

Matthias Schweighöfer: „Das kann uns alle treffen“

| Lesedauer: 10 Minuten
Seit dem spektakulären Erfolg seines Regiefilms „Army of Thieves“ ist Mathias Schweighöfer auch in den USA schwer angesagt.

Seit dem spektakulären Erfolg seines Regiefilms „Army of Thieves“ ist Mathias Schweighöfer auch in den USA schwer angesagt.

Foto: Gerald Matzka / dpa

Matthias Schweighöfer über das Netflix-Flüchtlingsdrama „Die Schwimmerinnen“ und seine künftigen Pläne – in Deutschland und den USA.

Mit seinem Netflix-Film „Army of Thieves“ im vergangenen Jahr hat Matthias Schweighöfer den größten Erfolg einer nicht-englischsprachigen Produktion auf der Streamingplattform erreicht. Längst kann sich der Schauspieler seine Rollen aussuchen. Nun ist er im Netflix-Film „Die Schwimmerinnen“ zu sehen, der ab 23. November zu streamen ist: das wahre Drama über die Schwestern Yusra und Sara Mardini, die davon träumten, für Syrien bei den Olympischen Spielen zu schwimmen, sich dann auf eine schwierige Flucht in den Westen machten – und dann doch zu den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro 2016 kamen. Schweighöfer ist der Film so wichtig, dass er dafür eine Werbetour von Toronto, London, Zürich und New York hingelegt hat. Wir trafen ihn im Berliner Netflix-Büro in Friedrichshain.

Herr Schweighöfer, wie sind Sie in diesen Film gekommen? Sie kennen die Mardini-Schwestern persönlich. Sie haben sie bei einer Preisverleihung kennengelernt.

Matthias Schweighöfer: Das war bei der Bambi-Verleihung 2016. Da habe ich für „Schlussmacher“ einen Preis bekommen. Ich habe mich da übelst gefeiert: Endlich mal ein Preis für mich als Regisseur! Danach kamen die beiden auf die Bühne und wurden als „Stille Helden“ ausgezeichnet. Da habe ich mich fast geschämt und gedacht, stell den Preis wieder weg. Das ist eine ganz andere Dimension.

Was war die erste Reaktion, als das Angebot für den Film „Die Schwimmerinnen“ kam?

Fünf Jahre später kam dieses Angebot von meinem Agenten aus L.A.: Da gebe es eine Regisseurin, Sally El Hosaini, die die Geschichte der beiden verfilmt. „Army of Thieves“ war gerade am Laufen, sie suchten einen Deutschen für die Rolle des Schwimmtrainers Sven Spannekrebs, und so kam die Netflix-Familie wohl auf mich. Das schien irgendwie Schicksal.

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Der Trailer zum Film: „Die Schwimmerinnen“

Ihre Popularität hilft dem Film in Deutschland. War Ihnen das wichtig, bei diesem Film dabei zu sein?

Unbedingt. Ich habe immer davon geträumt, mal einen Film bei Working Title zu drehen. Deren Chef Eric Fellner ist einer der größten Produzenten der Welt. Und dann noch ein solches Thema! Wir sind jetzt viel mit diesem Film herumgereist. Letzte Woche etwa waren wir noch bei Jimmy Fallon in der Talkshow. Das schlaucht, aber es ist mir wichtig, das zu unterstützen. Das ist eine Herzensangelegenheit.

Die Flüchtlingskrise wird in der Gesellschaft noch immer kontrovers diskutiert. Aber dabei wird gern das Elend ausgeblendet, weshalb Flüchtlinge gerade aus Syrien kommen. War das überfällig, einmal eine solche Odyssee in all ihren Details zu zeigen?

Flüchtlinge sind ganz normale Menschen. Das kann uns alle treffen. Wie wir ja gerade auch im Krieg auf die Ukraine sehen. Die erste Schnittfassung des Films hatte eine Länge von dreieinhalb Stunden. Das war vermutlich noch viel schlimmer, was man da über die Flucht sah. Aber Sally, die Regisseurin, wollte trotz allem, dass es auch ein warmer Film mit Hoffnung wird. Dass die Geschichte auch noch mit dem Sport verknüpft ist und bis zu den Olympischen Spielen geht, gibt dem Ganzen noch eine andere Chance, auf diese Schicksale hinzuweisen.

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Sie können sich Ihre Rollen längst aussuchen. Hier spielen Sie einen vergleichsweise kleinen Part. Aber das war in diesem Fall egal?

Genau. Ich kannte die Geschichte ja. Ich wollte mitmachen. Und wenn ich helfen kann, sie zu promoten, tue ich das gern. Für mich waren das nur 15 Drehtage. Aber das spielt keine Rolle, da geht es nur darum, dabei zu sein. Und diese Erfahrung zu teilen. Das war auch so bei Christopher Nolan.

… der Regisseur von den „Batman“-Filme und von „Tenet“, der Blockbuster produziert, aber immer mit intellektuellem Gehalt.

Da durfte ich in seinem neuen Film „Oppenheimer“ mitspielen, das waren nur ein, zwei Tage. Es ist einer meiner Lieblingsregisseure, und es war eine der krassesten Erfahrungen meines Lebens. Ich hatte ja schon mal ein Casting bei ihm. Weil John Papsidera, der unsere „Army of Thieves“ gecastet hat, auch sein Caster ist. Das war damals bei „Tenet“. Aber ich hab‘s so richtig verkackt. Danach hätte ich mir am liebsten die Kugel gegeben. Das war so peinlich. Aber dann rief John noch mal wegen „Oppenheimer“ an. Und da haben sie zugesagt. Ich war total aufgeregt am Set. Aber Chris war total entspannend. Danach hat mir Zack Snyder, noch so ein absoluter Heroe für mich, geschrieben: „Hab gerade mit Chris gesprochen, der fand dich großartig. Dicke Umarmung.“ Ich lerne vor allem so viel, wenn ich einem Nolan beim Drehen zuschauen kann. Die arbeiten in Hollywood auch nicht anders als wir, aber sie denken viel größer.

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Nach dem enormen Erfolg mit „Army of Thieves“, nach dem Film mit Nolan und Tom Harpers Thriller „Heart of Stone“ – gehen Sie dem deutschem Film damit verloren? Leben Sie überhaupt noch in Berlin oder schon ganz drüben?

Ich bin total happy, dass das gerade so läuft. Und ich all diese Erfahrungen machen darf. Wir wohnen in Los Angeles. Ich wollte das unbedingt, wir haben uns da ein Haus gemietet, damit wir etwas haben, wo wir eine Verantwortung haben. Meine Tochter hat sich da ihr Zimmer selbst eingerichtet, das ist ganz süß. Wir fliegen viel hin und her. Aber der Lebensmittelpunkt bleibt Berlin. Und interessant finde ich gerade, dass man die Energie von dort mit herbringt. Ich habe gerade den „Milli Vanilli“-Film gedreht, was wieder eine deutsche Produktion ist, aber auf Englisch gedreht. Und im nächsten Jahr werde ich hier auch wieder einen eigenen Regie-Film drehen.

Und worum wird es da gehen?

Darin wird es um meine Herkunft, um meine Zeit im Osten gehen. Dazu will ich noch nicht viel verraten. Aber verloren bin ich jedenfalls nicht. Das Schöne ist, dass man drüben viel offener ist. Hier steckt man doch immer irgendwie in Schubladen, hier habe ich auch oft von den Kritiken eins auf die Mütze bekommen.

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Hat man als Filmemachern bei Netflix eigentlich andere Freiheiten als bei einem herkömmlichen Kinofilm?

Auf dem deutschen Markt heißt es immer gleich, dies oder das funktioniert hier nicht. Da bräuchte man mit einem Film über Zombies gar nicht erst kommen. Bei Netflix kannst du auch in Nischen arbeiten und erreichst trotzdem weltweit ein großes Publikum. Vor allem ist diese Belastung des ersten Kinowochenendes weg. Ein Kinofilm muss gleich in den ersten Tagen Publikum machen. Sonst gilt er als Flop. „Army of Thieves“ ist ein kleiner 16-Millionen-Film, aber er ist der größte Hit aus Europa, den es je bei Netflix gab.

Könnte das das Ende des klassischen Kinos sein? Werden die Zuschauer künftig nur noch daheim auf dem Sofa streamen?

Nein. Das wird nie aussterben. Das gemeinschaftliche Erleben eines Films, zusammen zu lachen, zusammen zu weinen, zusammen gebannt vor Spannung in den Sitz gedrückt zu werden, das ist nach wie vor das Größte. Das haben wir doch gerade im Lockdown schmerzlich vermisst. Ich glaube eher, dass sich das gegenseitig befruchtet. Und dass auch das Kino durch die Streaming-Konkurrenz wieder mutiger wird.

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Der Milli-Vanilli-Film „Girl, You Know It’s True“ ist auch schon abgedreht. Wie war es, Frank Farian zu spielen?

Als ich letzte Woche bei Jim Fallon war, habe ich ihm gesagt, dass ich gerade in einem Film über Milli Vanilli mitgespielt habe. Und Jimmy fing an, alle Songs von denen zu singen! Das zeigt mir, jeder kennt die Musik und diese Geschichte, jeder verknüpft was mit ihr. Mit Frank Farian habe ich mich nur einmal getroffen. Zu der Geschichte gibt es ja viele Wahrheiten, da will ich mich auch etwas raushalten. Und dann mag ich es auch gar nicht, Personen zu treffen, die man spielt. Das engt zu sehr ein im Spiel. Ich will lieber meinen eigenen Kosmos anhand einer solchen Figur zu kreieren. Und das Spannende ist, der hat ja immer so einen leichten Singsang, mit seinem Saarländischen, auch im Englischen. Ich hab’ das mit einem Dialect Coach geübt. Mal schauen, ob man das nicht als Parodie missversteht. Mein Assistent meinte, das sei bisher die coolste Rolle gewesen, die ich gespielt habe.