Staatsoper

Erste Vivaldi-Oper in der Staatsoper verzückt das Publikum

| Lesedauer: 6 Minuten
Mario-Felix Vogt
Im Regenmantel: Anastasio (Raffaele Pe)

Im Regenmantel: Anastasio (Raffaele Pe)

Foto: Staatsoper / Matthias Baus

Regisseurin Barbora Horáková setzt den historischen Stoff mit Liebe zum Detail in Szene. Am Ende gibt es stehende Ovationen.

Wenn man an Werke von Antonio Vivaldi denkt, dann fallen einem sicherlich zuerst seine Violinkonzerte ein, allen voran natürlich „Die Vier Jahreszeiten“, die durch die häufige Verwendung in Werbespots selbst in bildungsfernen Schichten große Berühmtheit erlangten. Vielleicht kennen manche Musikliebhaber auch noch das ein oder andere Fagott- oder Cellokonzert des italienischen Barockmeisters, die allerwenigsten dürften jedoch wissen, dass Vivaldi auch eine ganz Reihe bedeutender Opern hinterlassen hat.

Er selbst behauptete in einem Brief, 94 Opern geschrieben zu haben. 49 konnten bisher als seine Werke identifiziert werden, und in handschriftlichen Partituren sind 22 Opern überliefert. Eine von Ihnen, das musikalische Drama „Giustino“ wurde am Sonntag in der Staatsoper aufgeführt. Es war die erste Aufführung einer Vivaldi-Oper in der Staatsoper überhaupt. In der Originalfassung mit über 100 Arien und Rezitativen dauert das Werk über fünf Stunden, René Jacobs nahm jedoch einige Striche vor und reduzierte die Aufführungsdauer dadurch auf kurzweilige drei Stunden.

Das Reich sieht sich bedroht

Die Handlung spielt um 500 nach Christus in Byzanz und orientiert sich frei an historischen Begebenheiten um den byzantinischen Kaiser Anastasios (Anastasio) und dessen Nachfolger Justin I. (Giustino). Dort hat die Kaiserin Arianna gerade Anastasio geheiratet und zum Mitkaiser ernannt. Das Reich wird jedoch von Vitaliano bedroht, der Arianna selbst begehrt. Er erklärt, dass es nur Frieden geben könne, wenn Arianna seine Frau werden würde. Zur selben Zeit sehnt sich der Bauer Giustino nach einem heldenhaften Leben und Ruhm. Er rettet Anastasios Schwester Leocasta vor einem Bären.

Als die Kaiserin Arianna von ihrem Verehrer Vitaliano gefangen genommen wird, ernennt Anastasio Giustino zum Ritter, um sie mit seiner Hilfe zu befreien. Da Arianna Vitaliano nach wie vor zurückweist, will er sie einem Meeresungeheuer zum Fraß vorwerfen. Als sie um Hilfe ruft, eilt Giustino herbei und und erlegt das Untier. Die Entscheidungsschlacht endet zu Gunsten Anastasios, und Giustino kann Vitaliano gefangen nehmen. Doch nun intrigiert Anastasios General Amanzio, der Giustino den Erfolg neidet, gegen ihn. Giustino rettet Anastasios Schwester Leocasta abermals, diesmal vor einer Vergewaltigung durch Andronico, Vitalianos Bruder. Aus Dank dafür wird Giustino reichlich von Kaiserin Arianna belohnt.

DIe Frau wird in die Verbannung geschickt

Durch den Intriganten Amanzio manipuliert missversteht Anastasio das Verhalten seiner Frau jedoch als Liebesbeweis gegenüber Giustino. Er verbannt Arianna und lässt Giustino zum Tode verurteilen. Giustino gelingt es jedoch zu fliehen, anschließend überzeugt er Vitaliano und seinen Bruder davon, für Anastasio zu kämpfen. Kurz bevor Amanzio den Thron besteigt, dringen die Drei in den Palast ein und überwältigen ihn. Vitaliano und sein Bruder schwören Anastasio Treue und erhalten seine Vergebung. Giustino wird zum Mitregenten ernannt und heiratet Anastasios Schwester Leocasta.

Diesen historischen Stoff setzte die Regisseurin Barbora Horáková mit viel Liebe zum Detail in Szene. Die Inszenierung war eine gelungene Mischung aus historisch und modern, auch das von Thilo Ulrich gestaltete Bühnenbild war fantasievoll gestaltet; vor allem, wenn Götter wie Amor oder Jupiter auf ihrer Wolke abgeseilt wurden, die einem gigantischen Baiser glich, wurde im Publikum geschmunzelt.

Immer wieder für Lacher sorgten auch die Kostüme, für die Eva-Maria Van Acker verantwortlich zeichnete, etwa gleich zu Beginn des Werks, als eine Gruppe von Kindern mit Scout-Ränzen über die Bühne tobte. Die durften später auch noch mit Plakaten demonstrieren – ein augenzwinkernder Verweis auf „Fridays for Future“ – und avancierten am Ende des Stücks sogar zur Marionettenspielern, die die Protagonisten steuerten.

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Doch nicht nur fürs Auge, auch für die Ohren wurde viel geboten, denn das Sängerensemble war wirklich überragend. Allen voran die beiden Countertenöre Raffaele Pe (Anastasio) und Christophe Dumaux (Giustino). Sie begeisterten durch ihre weichen und warmen Stimmfarben, bei Raffaele Pe kam noch eine besondere Geschmeidigkeit und Flexibilität in der Führung der Stimme hinzu. Auch Kateryna Kasper als Arianne überzeugte durch ihren verführerisch runden Sopran und eine technisch makellose Ausführung der Koloraturen, die Vivaldi für ihren Part fordert. Ebenfalls zu recht vom Publikum bejubelt wurde der südafrikanische Tenor Siyabonga Maqungo, der durch seine strahlend-kraftvolle Tenorstimme ebenso glänzte wie durch seine Bühnenpräsenz und sein mitreißendes Spiel.

Wache Gespanntheit und tänzerischer Schwung

Bleibt last but not least die überragende Leistung der Akademie für Alte Musik unter René Jacobs zu nennen. Von den ersten Takten an fesselte das Orchester durch seine wache Gespanntheit, durch wunderbar tänzerischen Schwung und einen feinen Sinn für Klangfarben. Immer wieder sorgten vor allem die solistischen Einwürfe des Hackbretts mit seinem schwebenden Klängen für eine märchenhaft zauberische Stimmung.

René Jacobs kommt seine lange Erfahrung in der Zusammenarbeit mit Sängern zugute. Da der belgische Musiker selbst als Countertenor seine musikalische Karriere begann, kennt er die Tücken dieser Partien und weiß, auf die Sänger zu reagieren. Seine gekürzte Fassung ist in sich absolut stimmig, es war auch eine gute Entscheidung, die etwas bräsig-uninspirierte Ouvertüre wegzulassen, so begann das Stück gleich in medias res, und es gab keine Längen. Das absolut begeisterte Publikum bedankte sich mit stehenden Ovationen.