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Eine erstaunliche Karriere: „Merkel – Macht der Freiheit“

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Angela Merkel vor der ersten Bundestagswahprognose 2005.

Angela Merkel vor der ersten Bundestagswahprognose 2005.

Foto: Laurence Chaperon / ROBA Images

Aus der DDR ins Kanzleramt: Eine Dokumentation verfolgt den Aufstieg Angela Merkels bis ins Machtzentrum der Bundesrepublik.

Wer sich erinnert, tut das selten in wohlgeordneter Chronologie. Eher ist es ein chaotisches, wogendes Ineinander aus Szenen, Sätzen und Emotionen. Und so werden die meisten auch an die sechzehnjährige Kanzlerschaft Angela Merkels zurückdenken: in Kaskaden von Bildern.

Das erste vielleicht: Angela Merkel, geboren 1954 als Angela Dorothea Kasner in Hamburg, aufgewachsen als Tochter des Theologen Horst Kasner und seiner Frau Herlind in der DDR, betritt nach dem Fall der Mauer die Bühne des wiedervereinigten Deutschlands. Die erste gesamtdeutsche Bundestagswahl hat überraschend der Christdemokrat Helmut Kohl für sich entschieden, er nominiert sie als Ministerin für Frauen und Jugend für sein Kabinett – als einzige Frau neben Familienministerin Hannelore Rönsch. Merkel wirkt etwas schüchtern vor den Kameras, die vergiftete Bezeichnung „Kohls Mädchen“ macht die Runde.

Putin wusste um ihre Angst vor Hunden

Das zweite möglicherweise: Merkel ist bereits zwei Jahre als Kanzlerin im Amt, als sie 2007 Russlands Staatschef Wladimir Putin in Sotschi besucht. Putin hat sich eine Überraschung für sie überlegt: Sein Labrador Koni, ein großer, schwarzer und stattlicher Hund, betritt den Saal und steuert auf sie zu. Merkel reagiert irritiert. Ein bewusstes Einschüchterungsmanöver Putins, der um ihre Angst vor Hunden weiß? Ja, wird Merkel im Jahr 2022 im Gespräch mit Alexander Osang auf der Bühne des Berliner Ensembles sagen: Sie konnte da nicht an einen liebevollen Zufall glauben.

Das dritte eventuell: Der 2. Dezember 2021, großer Zapfenstreich für die scheidende Kanzlerin im Bendlerblock. Sie hat sich unter anderem Nina Hagens Hit „Du hast den Farbfilm vergessen“ als Abschiedslied ausgesucht: „Das Lied war ein Highlight meiner Jugend, die ja bekanntermaßen in der DDR stattgefunden hat, und das Lied kam auch aus der DDR, und zufälligerweise spielt es auch noch in einer Region, die mein früherer Wahlkreis war – insofern passt alles zusammen“, hatte sie im Vorfeld gesagt. Während der Zeremonie im Schein der Fackeln kann man es in ihren Augenwinkeln schimmern sehen.

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Alles Szenen, neben vielen anderen, die Eva Webers sehenswerte Dokumentation „Merkel – Macht der Freiheit“ zusammenführt. Die renommierte Dokumentarfilmerin, die 1991 nach Großbritannien zog und den Aufstieg der Politikerin aus der Ferne beobachtete, hat mit ihrem Team eine eindrucksvolle Recherchearbeit hingelegt, um den Film zu realisieren: 3629 Archivausschnitte, 1925 Fotos, 128 Audioclips, 55 Filme und 43 Interviews wurden ausgewertet. Merkel selbst stand für Gespräche nicht zur Verfügung, wohl aber politische Weggefährten und journalistische Beobachter, darunter Hillary Clinton, Thomas de Maizière, Nico Fried, Dirk Kurbjuweit und Condoleezza Rice.

Daraus ergibt sich neben der politisch-historischen Erzählung der jüngsten Zeitgeschichte auch ein facettenreiches Charakterporträt, das vor allem die positiven Züge Merkels betont. Sie war nicht nur die erste Kanzlerin in der Geschichte der Bundesrepublik; eine Premiere war auch die Abwesenheit von Allüren und Posen im mächtigsten Amt des Landes. „Was ich durch die Beobachtung von Merkel gelernt habe“, sagt „Zeit“-Journalist Bernd Ulrich, „ist, wie barock und energievergeudend männliche Politik normalerweise ist. Es gibt eine Menge Konkurrenz, Repressalien, alte Seilschaften und Gerüchteküche. Das sind alles Emotionen, die für uns zur Politik dazugehören, eine Art Shakespeare für die Massen.“

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Dass Merkel dagegen auch zweifelsohne auch eine klug taktierende Machtpolitikerin mit hoher Sensibilität für das richtige Timing war, dass sie auf ihrem Weg Rivalen und unliebsam Gewordene mit eindrucksvoller Härte abzuservieren verstand – das kommt in diesem Film, mit Ausnahme des berühmten „FAZ“-Artikels gegen Helmut Kohl in der CDU-Spendenaffäre, ein wenig kurz. Ob sich auch Friedrich Merz, von Merkel 2002 als Fraktionsvorsitzender geschasst und danach viele Jahre im Exil der Wirtschaft, ähnlich euphorisch über ihre Vorzüge geäußert hätte, wie es hier Hillary Clinton oder Tony Blair tun? Es bleibt leider im Dunkeln.

Condoleezza Rice erkennt sich selbst in ihr

Einen spannenden Denkansatz liefert der „Welt“-Chefreporter Robin Alexander. Er weist auf Merkels Abschied aus der Wissenschaft in den Wendejahren und auf ihre Hinwendung zur Politik hin – in einem Alter von Mitte 30, in dem andere sich eher für Sicherheit und Altersvorsorge interessieren. In dieser Zäsur liegt tatsächlich ein erheblicher Wagemut, zumal auf politisch unbekanntem Terrain wie der eben wiedervereinigten Bundesrepublik. Ein zweites kommt hinzu: Die jahrzehntelange Erfahrung von Unfreiheit und Marginalisierung in der männerbündisch beherrschten Politik, die Merkel immer wieder Sympathisanten und Alliierte zutrug, wie etwa die ehemalige US-Außenministerin Condoleezza Rice berichtet.

„Merkel – Macht der Freiheit“ liefert neben vielen Fundstücken wie etwa Äußerungen der Mutter Merkels auch viel Nostalgie, unterstützt durch die Auswahl der Musik von Rio Reiser bis zu den Scorpions. Wer die Jahre miterlebt hat, wird an vieles mit einer gewissen Wehmut zurückdenken. Die noch ungeschriebene, kritische Biografie von Deutschlands erster Kanzlerin kann diese Dokumentation nicht ersetzen. Sie will es auch gar nicht.