Konzert

Vasily Petrenko lässt das Rundfunk-Sinfonieorchester glänzen

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Felix Stephan
Dirigent Vasily Petrenko (Archivbild).

Dirigent Vasily Petrenko (Archivbild).

Foto: Richard Termine / picture alliance / ASSOCIATED PRESS

Beim fünften Zusammentreffen des Klangkörpers mit Dirigent Vasily Petrenko überrascht der Auftritt von Sopranistin Siobhan Stagg.

Vor rund fünf Jahren debütierte Vasily Petrenko bei den Berliner Philharmonikern mit Arnold Schönberg – und ist bislang nicht wieder eingeladen worden. Ganz anders das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin (RSB): Seit 2011 arbeitet es mit Petrenko regelmäßig zusammen. Der Abend in der Philharmonie ist sogar schon ihr fünftes Aufeinandertreffen. Ein Abend, bei dem nun ebenfalls Arnold Schönberg eine Rolle spielt. Allerdings eine indirekte: Schönbergs Schüler Alban Berg ist mit den Sieben Frühen Liedern vertreten, Schönbergs Lehrer Alexander von Zemlinsky danach mit der Tondichtung „Die Seejungfrau“ nach Hans Christian Andersen.

Doch wie passt Mozarts „Haffner“-Sinfonie KV 385 dazu? Selbst dafür gibt es eine Lehrer-Schüler-Erklärung: In Schönbergs Unterricht spielte Mozart eine wichtige Rolle. Mit seinen Schülern analysierte er Mozart-Werke bis ins kleinste Detail.

Wobei die „Haffner“-Sinfonie jetzt sicherlich auch aus Kontrastgründen auf Petrenkos Programm steht: leichtgewichtige Klassik trifft auf Zemlinskys weit ausholende, bildgewaltige Spätromantik, gesitteter Mozart begegnet Bergs leidenschaftlichen Gefühlsschwankungen.

Angenehm konsumierbar, aber auch etwas langweilig

„Überströmende Wärme des Fühlens“ hat Schönberg einst bei Alban Berg festgestellt. Doch die Sopranistin Siobhan Stagg, Ex-Ensemblemitglied der Deutschen Oper, hält eine Überraschung bereit: Noblesse und Minimalismus lässt sie in Bergs Sieben Orchesterliedern walten. Ob nun Dynamik, Klangfarbe oder sprachlicher Ausdruck – alles wirkt bei der australischen Sängerin konsequent reduziert. Auch das RSB bleibt auf Distanz, mutet statisch an. Das Resultat: eine Interpretation, die angenehm zu konsumieren ist, aber auch etwas langweilt.

Umso auffälliger die Frische und Intensität in Mozarts „Haffner“-Sinfonie zuvor. Die wachen Streicher stehen bei Petrenko im Vordergrund, die Bläser dienen vor allem als unterstützende Farbe. Es ist ein Mozart, der Präsenz und Vitalität mit romantisch-traditionellem Schmelzklang kombiniert. Und dabei nicht zuletzt an Mariss Jansons erinnert, einen der Lehrer Petrenkos. Was ihn darüber hinaus mit Jansons verbindet, sind zwei berufliche Parallelen: Fünfzehn Jahre leistete Petrenko als Chef des Royal Liverpool Philharmonic Orchestra wichtige Aufbauarbeit – ähnlich wie Jansons beim Oslo Philharmonic. Und sicherlich war es kein Zufall, dass Petrenko ebendiesen Osloer Klangkörper von 2013 bis 2020 leitete.

Orchestrale Raffinesse und sphärische Zaubereien

Doch zurück zur Musik, zum Höhepunkt des Abends: Zemlinskys „Seejungfrau“, eine rauschende, schäumende Tondichtung in drei Sätzen. Weder der Bildhaftigkeit noch den Einflüssen diverser Komponisten kann man sich hier entziehen. Wagners Harmonik scheint allgegenwärtig, Brahms‘ und Richard Strauss‘ Variationstechniken ebenso, auch Debussys „La Mer“ klingt an.

Zemlinsky hat aus dem Seejungfrau-Märchen ein riesiges Epos gemacht, das geschickt changiert zwischen orchestraler Raffinesse, drastischen Effekten und sphärischen Zaubereien. Petrenko lässt das RSB glänzen, macht Werbung im besten Sinne für Zemlinskys Märchenmusik von 1903. Kaum zu glauben, dass der Komponist seine „Seejungfrau“ schon bald nach der Uraufführung zurückgezogen hatte. Erst in den Achtzigern wurde sie wiederentdeckt – und gilt mittlerweile als Zemlinskys Hauptwerk.