Deutsche Oper

Dietmar Schwarz: Oper wird künftig etwas anderes sein

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Volker Blech
Intendant Dietmar Schwarz in seinem Büro an der Deutschen Oper.

Intendant Dietmar Schwarz in seinem Büro an der Deutschen Oper.

Foto: Maurizio Gambarini / FUNKE Foto Services

Mit Verdis „Rigoletto“ nimmt die Deutsche Oper nach einer Umbauphase ihren Spielbetrieb wieder auf. Gespräch mit Intendant Dietmar Schwarz.

Mit einer „Rigoletto“-Aufführung eröffnet die Deutsche Oper, die eine mehrmonatige Umbauphase hinter sich hat, am Sonnabend ihre Saison. Als erste Premiere wird am 25. November Beethovens „Fidelio“ zu sehen sein. Im Gespräch mit dem Intendanten Dietmar Schwarz geht es um den Publikumsdruck, Bildungsansprüche und ein grünes Opernhaus.

Herr Schwarz, was wird nach den Umbauten fürs Publikum sichtbar anders sein?

Dietmar Schwarz Hoffentlich nichts, denn die Umbauten betreffen den Orchestergraben. Wir hatten in den letzten beiden Jahren zwei Bauphasen von je drei bis vier Monaten. Die Arbeiten lagen jetzt in der Planungszeit, und das Ganze wurde auch nicht teurer. Aber die Verbesserungen sieht das Publikum nicht. Dafür werden die Musiker sie bemerken, denn es gibt mehr Platz und eine neue Lüftung – das ist wichtig. Die Podien waren so veraltet, dass jede Fahrt mit lauten Geräuschen verbunden war. Normalerweise ist das kein Problem, weil diese Umbauten vor der Vorstellung stattfinden. Aber das Herauf- und Herunterfahren des Orchesters wird manchmal auch szenisch eingesetzt, so in der Inszenierung von „Rigoletto“, wo das Orchester im ersten Bild abgefahren wird.

Dann kann das Publikum also doch etwas Neues am Sonnabend sehen?

Es gibt immer Dinge, die nachträglich fertiggestellt werden müssen. Diese Arbeiten passieren überwiegend nachts. Und deshalb fehlt auch noch die finale Freigabe für die Podienfahrten mit dem Orchester. Im „Rigoletto“ ist das Runterfahren der Musiker nicht existenziell, aber eine schöne Inszenierungsidee. Regisseur Jan Bosse hat zu Beginn der Aufführung das Publikum durch den Chor gespiegelt. Und der Herzog von Mantua tritt aus dem Zuschauerraum auf und geht durch das Orchester auf die Bühne. Dieses Bild musste schon in den letzten Vorstellungen etwas umgestellt werden, da die Podien seit Jahren szenisch nicht mehr eingesetzt werden durften. Nun aber bald wieder…

Was sind Ihre Hauptsorgen als Intendant gegenwärtig?

Meine Hauptsorge ist, wie es künstlerisch weitergeht. Ich glaube nicht, dass wir an das anschließen können, wo wir vor der Pandemie aufgehört haben. Der tägliche Opernbetrieb ist von diesen Überlegungen weniger betroffen, ich bin bis 2025 am Haus und bis dahin stehen die Pläne überwiegend fest. Aber die Bedeutung von Theater und Musiktheater wird künftig eine andere werden.

Haben Sie schon eine These?

Nicht wirklich. Aber die Veränderungen werden sich darauf beziehen, dass die Öffnung fürs Publikum erweitert werden muss. Wir sprechen immer von Schwellenängsten. Die haben wir über Jahrzehnte hinweg gut abgebaut. Aber das genügt nicht!

Vielleicht liegt es daran, dass gerade ein Generationswechsel ansteht und die Jüngeren mit neuen Kulturidealen und anderem Widerspruchsgeist agieren?

Was ich auch gut finde und beruhigend. Veränderungen müssen sein. Dennoch glaube ich, dass gerade beim jüngeren Publikum das Verständnis von dem Gemeinschaftssinn des Theaters und der Oper geweckt werden muss. Es gehört zum Kern des griechischen Theaters, dass dort das demokratische Selbstverständnis in der Polis diskutiert und herausgebildet wurde. Das müssen wir uns wieder stärker verdeutlichen in Zeiten der teuren Oper, wo Glitzer als das Exklusive gilt. Und die Oper mit Unterhaltung gleichgesetzt wird. Oper und Theater müssen wieder stärker als Teil eines Bildungsprozesses verstanden werden. Zumal die Oper durch die Musik ohnehin stark emotional anspricht.

Das Charlottenburger Opernpublikum wird vermutlich auch immer diverser. Verspüren Sie Druck von Interessengruppen?

Der Erwartungsdruck kommt eher von der alten West-Berliner Gesellschaft, die das Haus seit 60 Jahren kennt. Man erwartet oft traditionelleres Musiktheater. Aber auf diesen Druck kann ich nicht reagieren. Unsere Aufgabe ist es, für die gesamte Gesellschaft Angebote zu machen. Ich erwähne nur die vielen Programme in der Tischlerei mit partizipativen Projekten und die Kinder- und Jugendformate. Darüber hinaus müssen wir an ein internationales Publikum denken, das sich nicht zuerst in Charlottenburg aufhält, sondern nach Berlin kommt. Ein Problem ist, dass es in Deutschland zu wenig Künstlerinnen gibt, die am Dirigentenpult und am Regiepult stehen. Es sind nach wie vor zu wenige. Wir haben mit Pınar Karabulut eine junge Regisseurin, die viele Arbeiten im Schauspiel gemacht hat. Für uns hat sie Mark-Anthony Turnages Oper „Greek“ auf das Parkdeck gebracht, in der nächsten Spielzeit wird sie auf der großen Bühne bei uns inszenieren. Und auch Marie-Ève Signeyrole – gerade ist ihre Inszenierung „Negar“ in der Tischlerei zu sehen – kommt ins große Haus.

Gutes Musiktheater müsse Fragen stellen, steht auf der Homepage der Deutschen Oper. In Strauss’ „Arabella“ lerne man etwa, „wie man in einer Welt leben sollte, die ihren moralischen Halt verloren hat.“ Was genau meinen Sie damit?

Die Erfahrungen, die Strauss und sein Librettist Hofmannsthal in der „Arabella“ verarbeitet haben, stammen aus der Zeit um den Ersten Weltkrieg und beschreiben den Zerfall der festen Strukturen des österreichisch-ungarischen Kaiserreichs. Da gibt es Parallelen zu heute. Ich denke, dass der Ausbruch des Krieges in der Ukraine auch unser Weltbild zerstört hat. Ich bin politisch mit der Ost-Politik der Annäherung, die die Welt verändern sollte, aufgewachsen. Die beiden Blöcke Ost und West sollten nicht mehr gegeneinanderstehen. Diese Hoffnung ist durch Putins Krieg zerstört worden.

Ein Foto von Ihnen auf dem Fahrrad findet sich ebenfalls auf der Homepage. Wie grün kann ein Opernhaus überhaupt sein mit seinen großen Räumen, die beheizt werden müssen, und einem Publikum, das quer durch die Stadt anreisen muss?

Es gibt zu dem Thema Nachhaltigkeit ein „Aktionsnetzwerk“, das noch von Kulturstaatsministerin Monika Grütters gegründet worden ist. Unter anderem soll die Klimabilanz in Theater- und Opernhäusern ermittelt werden. Der Auftrag ist für die Deutsche Oper bereits erteilt. Hauptthema ist tatsächlich, wie das Publikum zu uns kommt. Die An- und Abfahrten machen ungefähr die Hälfte des CO2-Fußabdrucks aus. Wir haben bereits eine Umfrage bei unserem Publikum gemacht. Etwa die Hälfte kommt mit öffentlichen Verkehrsmitteln, die andere mit dem Auto. Mit dem Fahrrad kommen vergleichsweise sehr wenig. Wir diskutieren gerade, ob wir die Nutzung der öffentlichen Verkehrsmittel wieder in unser Ticketangebot aufnehmen. Darüber hinaus sprechen wir über eine Solaranlage auf dem Dach.

Die Temperatur in Ihrem Büro ist ziemlich kühl?

Es sind die vorgeschriebenen 19 Grad in öffentlichen Gebäuden, damit werden wir umgehen. Natürlich wollen wir nicht unser Publikum frieren lassen. Wenn die Säle wieder ganz voll sind, werden die Temperaturen im Raum ohnehin steigen.

Gibt es schon Heizkosten-Rechnungen und Verhandlungen darüber, wer die Mehrkosten trägt?

Wir haben noch keine konkreten Kostenhochrechnungen. Unser Geschäftsführender Direktor spricht von etwa einer Million Euro Mehrkosten. Aber wir müssen erst einmal sehen, was kommt. Präventiv sparen wir Energie, wo es geht.

Gibt es noch eine Frage zu besprechen?

Vielleicht könnte man bei einem Opernhaus auch über Premieren reden.

Mit Beethovens „Fidelio“ werden Sie die Premieren-Saison eröffnen. Das ist ausgerechnet eine Oper, die als uninszenierbar gilt, weil viele im Publikum es besser wissen als der Regisseur.

Das ist doch bei vielen Werken im Repertoire so. Aber „Fidelio“ ist ein Werk, das im Repertoire der Deutschen Oper fehlt. Also müssen wir uns der Aufgabe stellen. Die Konzeption von David Hermann will nichts radikal umwerfen, aber sie findet einen sehr eigenen, spannenden Zugang zum Thema der gesellschaftlichen Utopie.