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„Wir sind dann wohl die Angehörigen“: Trauma der Entführung

| Lesedauer: 6 Minuten
Ann Kathrin Scheerer (Adina Vetter) muss ihrem Sohn (Claude Heinrich) von der Entführung erzählen.

Ann Kathrin Scheerer (Adina Vetter) muss ihrem Sohn (Claude Heinrich) von der Entführung erzählen.

Foto: Pandora

Ein Filmdrama über die Reemtsma-Entführung, erzählt aus der Sicht des hilflosen Sohnes: „Wir sind dann wohl die Angehörigen“.

„Johann, wir müssen jetzt gemeinsam ein Abenteuer bestehen.“ Dieser Satz der Mutter ändert jäh das Leben ihres 13-jährigen Sohnes. Bis dahin hatte man zehn Filmminuten das Gefühl, einem ganz normalen Familiendrama zuzuschauen. Nun gut, nicht jede Familie hat gleich zwei Häuser. Und dass der Vater einen anderen Nachnamen trägt als Mutter und Sohn, sagt auch schon was.

Aber die Probleme sind dieselben wie anderswo, vielleicht nur mit umgekehrten Rollenmodell. Die Mutter arbeitet zu viel und hat keine Zeit für den Sohn, der Vater lebt in seiner eigenen Geisteswelt und sucht den Pubertierenden ernsthaft für Vergil zu interessieren.

„Wir sind dann wohl die Angehörigen“: 33 Tage im Angstzustand

Aber dann ist der Vater weg. Entführt. Und stattdessen dringen Fremde ins Haus und nisten sich ein. Polizisten, die ihnen vorschreiben, wie sie reagieren sollen. Der Anwalt des Vaters. Und ein Freund der Familie, der mehr auf den Jungen einzugehen weiß, als es dem Vater je gelungen ist.

Auch wenn keine Nachnamen genannt werden, wird schnell klar, um welchen Fall es sich handelt: die Entführung des Publizisten und Milliardärs Jan Philipp Reemtsma 1996, eine der spektakulärsten Kriminalfälle der deutschen Nachkriegsgeschichte. Reemtsma wurde 33 Tage lang gefangengehalten und erst gegen eine Zahlung von 30 Millionen Mark Lösegeld freigelassen.

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Der Trailer zum Film: „Wir sind dann wohl die Angehörigen“

Reemtsma hat diesen Horror nur wenige Monate später in seinem Buch „Im Keller“ verarbeitet. 22 Jahre später aber hat auch sein Sohn Johann Scheerer seine Geschichte und sein eigenes Trauma erzählt. Im Buch „Wir sind dann wohl die Angehörigen“: ein Titel, der sich auf die polizeilichen Einsatzkräfte bezieht, die sich als „Angehörigenbetreuer“ verstehen.

Nun hat es Hans-Christian Schmid verfilmt. Der hat sich von jeher einen Namen gemacht mit Filmdramen über Risse und Dynamiken in Familien. In seinen früheren Werken erzählte er von Jugendlichen in Ausnahmesituationen, später vom Verschwinden von Menschen und was das für die Angehörigen bedeutet. Scheerers Geschichte scheint das wie die Schnittmenge all dieser Topoi. Es war nur folgerichtig, dass Schmid sie aufgriff, ja aufgreifen musste.

Dien Entführung fast durchweg aus der Sicht des 13-Jährigen erzählt

Der Film nimmt den Schluss vorweg. Denn man weiß ja, wie die Entführung endete. Aber schon da nimmt er die Sicht des jungen Johann (Claude Heinrich) ein, der verstört durch Blau- und Blitzlichtgewitter stolpert. Aus der ungewohnten Perspektive des 13-Jährigen wird dann auch das ganze Drama im Haus der Scheerers gezeigt.

Es geht hier also nicht um einen Thriller. Nicht um die Täter. Aber auch nicht um den Entführten. Sondern um den Sohn, der gleich aus dem Off zu hören ist: „Ich habe vorher nicht gewusst, was Angst ist. Und was sie mit einem macht.“

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Wiewohl meist passiv, bekommt Johann doch ganz genau den Interessenskonflikt mit zwischen Mutter Ann Kathrin (Adina Vetter), die nur ihren Mann zurückhaben will, der Polizei, die die Entführer stellen will, und dem Anwalt der Familie (Justus von Dohnányi), der sich über die vermeintlichen Pannen der Polizei erregt, beim Telefonat mit den Entführern und später bei einer ersten Geldübergabe aber selber versagt. Die Ohnmacht der anderen verunsichert auch den Jungen, der sich zunehmend selbst gefangen und weggesperrt fühlt. Weil er nicht aus dem Haus darf. Und niemanden was erzählen soll.

Schmid inszeniert das alles unaufgeregt, nüchtern, mit dem sezierenden Blick eines Analytikers. Ein Drama, das größtenteils an einem einzigen Ort spielt, einem Huis Clos, und doch trotz allen Wissens um den Ausgang eine kaum zu ertragende Anspannung evoziert. Der junge Claude Heinrich spielt dabei mit tiefen Blicken und einer Expressivität, die einen umhaut. Eine Transparenz, die auch der feinfühligste Regisseur mit noch so guten Anweisungen nicht erreichen könnte, die einfach da sein muss. Ein Glücksfall für den Film.

Es wird nie wieder so sein, wie es war

Ein paar Mal bricht Schmid seine Perspektive doch auf. Denn er will sie ja auch zeigen, die Versuche der Geldübergabe und die wenigen Momente „draußen“. Zwischendurch rückt dann die Mutter in den Fokus. Aber immer wieder kehrt der Film zu seiner Hauptfigur zurück, wenn etwa eine Szene draußen angespielt, das Ende aber dem Jungen erzählt wird, der das Ganze verschlafen hat, weil man ihm ein Beruhigungsmittel gab. Aber irgendwann wird die Mutter, die anfangs so stark scheint, depressiv. Und auch das muss der Junge aushalten.

Am Ende gibt es einen einzigen, kurzen Moment von Zuneigung und Innigkeit. Wenn die Familie wiedervereint ist und zu dritt im Bett schläft. Doch ein Happy End ist das nicht. Denn die Eltern schlafen, der Junge in ihren Armen aber ist hellwach. Ein unruhiger Blick, der alles sagt. Es wird nie wieder so sein, wie es mal war.

Drama D 2022 118 min., von Hans-Christian Schmid, mit Claude Heinrich, Adina Vetter, Justus von Dohnányi