Film

„Menschliche Dinge“: Die eigene Stiefschwester vergewaltigt

| Lesedauer: 2 Minuten
Barbara Schweizerhof
Ihre Welt ist aus den Fugen: Charlotte Ganisbourg als Claire.

Ihre Welt ist aus den Fugen: Charlotte Ganisbourg als Claire.

Foto: Curiosa Films

Yvan Attal hat ein Familiendrama mit seinen Familienangehörigen gedreht: „Menschliche Dinge“ handelt indes von einer Vergewaltigung.

Man glaubt diese Typen zu kennen: Sowohl den renommierten TV-Journalisten Jean (Pierre Arditi), ein Charmeur der alten Schule, der sich in seiner Progressivität über jeden Sexismus-Verdacht erhaben fühlt, als auch seine Ex-Frau Claire (Charlotte Gainsbourg), die feministische Autorin, die auf Podien für eine strengere Bestrafung bei sexuellen Übergriffen plädiert.

„Menschliche Dinge“: Ein Vergewaltigungsfall aus drei Perspektiven

Und auch ihren Sohn Alexandre (Ben Attal): etwas überheblich, Elite-Uni, aber doch einer, dem man ohne Bedenken aufträgt, die jüngere Stiefschwester Mila (Suzanne Jouannet) zu einer Party mitzunehmen. Mila ist die Tochter von Adam (Mathieu Kassovitz), Claires neuem Lebensgefährten, und auch er hält das für eine gute Idee. Doch am nächsten Morgen steht die Polizei bei Alexandre vor der Tür. Eine Anklage wegen Vergewaltigung liegt vor – die Klägerin ist Mila.

Der französische Schauspieler und Regisseur Yvan Attal hat mit „Menschliche Dinge“ den gleichnamigen Roman von Karine Tuil adaptiert und zwei wesentliche Rollen mit Mitgliedern seiner Familie besetzt: Charlotte Gainsbourg ist seit vielen Jahren seine Lebensgefährtin, Ben Attal ihr gemeinsamer Sohn. Auf den Gang der Handlung hat dieses Verbandeltsein indes keinen Einfluss. Auch die Perspektive der beiden Figuren und ihr Sympathie-Wert für den Zuschauer werden im Film in Frage gestellt.

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Der Trailer zum Film: „Menschliche Dinge“

In drei Kapitel („Sie“, „Er“, „Der Prozess“) aufgeteilt, wird zunächst das Geschehen um diese eine Nacht aufgefächert, bevor es im anderthalb Jahre später spielenden Teil um die Nachwehen und Folgen geht. Dabei betreibt der Film keinen Pseudo-Objektivismus, der etwa Alexandres Handeln damit entschuldigt, dass Jean für ihn ein väterliches Vorbild ist, das die Verführung einer Frau für einen Akt des feministischen Verstehens hält. Jeans erste Reaktion auf den Vergewaltigungsvorwurf gegen seinen Sohn ist der abgegriffene Spruch, dieser habe „so etwas“ doch gar nicht nötig.

Im detailreichen Gegenüberstellen der verschiedenen Reaktionen auf die sich entfaltende Situation erreicht Attal eben nicht die Relativierung aller Standpunkte à la „seine / ihre Sicht“, sondern zeigt auf, dass es beim Sex keine Entschuldigung dafür geben kann, den Willen des Gegenübers zu missachten.

Drama Frankreich 2021, 129 min., von Yvan Attal,mit Charlotte Gainsbourg, Mathieu Kassovitz, Pierre Arditi