Staatsoper

"Siegfried" an der Staatsoper: Gefangen in einer Legowelt

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Matthias Nöther
Richard Wagners „Siegfried“ an der Staatsoper Unter den Linden.

Richard Wagners „Siegfried“ an der Staatsoper Unter den Linden.

Foto: Monika Rittershaus

Wagner-Held Siegfried zerstört sein Spielzeug in der „Ring“-Inszenierung von Dmitri Tcherniakov an der Staatsoper.

An „Siegfried“, der dritten Oper aus Richard Wagners Tetralogie „Der Ring des Nibelungen“, muss sich die Staatsoper unter Leitung des Dirigenten Christian Thielemann in besonderem Maße beweisen. „Siegfried“ ist ein klassisches Krisenstück. Mitten im zweiten Akt kam der Komponist nicht mehr weiter, schrieb erst zwei weitere Opern und setzte die Arbeit dann in einem völlig anderen Stil fort. Doch von Anfang an war „Siegfried“ ein musikalischer Brocken und konnte nur von einem extrem flexiblen, durchhaltefähigen Orchester und mit übermenschlichen stimmlichen Leistungen bewältigt werden.

All das hat die Staatsoper. Sie hat zuvorderst mit Andreas Schager einen Heldentenor, wie ihn die Welt sucht: eine klangschöne Stimme mit heldischem Metall und Sinn für Legato, Mühelosigkeit über drei Akte Dauerpräsenz unter Begleitung eines großen romantischen Orchesters, Deutsch als Muttersprache. Sie hat mit Anja Kampe eine Brünnhilde, die nicht auf bedingungslose Durchschlagskraft setzt, sondern nach dem Erwachen aus dem Zauberschlaf im Schlussakt mit weichem Timbre und großem Ton gleichermaßen musikalisch gestalten kann. Ein echter Genuss.

Michael Volle als Wanderer Wotan setzt seine überzeugende Leistung aus „Rheingold“ und „Walküre“ in der sorgfältigen Diktion des erfahrenen Liedsängers, aber auch mit enormer darstellerischer Überzeugungskraft fort. Etwas belastend für das Publikum sind Volles zahlreiche Texthänger im ersten Akt. Ähnliches passiert im zweiten Akt Johannes Martin Kränzle mit seinen Einsätzen und trübt die einzige wirklich detailliert darstellerisch ausgearbeitete Szene – die Wotans und Alberichs vor Fafners Höhle.

Dirigent Christian Thielemann dimmt die Lautstärke herunter

Christian Thielemann schließlich dirigiert wie bereits in „Rheingold“ und „Walküre“ einen in bemerkenswert neuer Weise an der Sprache und Rhetorik der Sänger orientierten „Ring“. Thielemann denkt szenisch – er lässt im Tempo selten über lange Strecken durchspielen, sondern bremst und treibt in kleinsten Abschnitten, um der Sprache und den Emotionen auf der Bühne gerecht zu werden. Dazu kann er die kleinteiligen Orchesterbewegungen, die den Pas-de-deux des ersten Akts zwischen zwei Tenören – Siegfried und Mime – begleiten, in der Lautstärke herunterdimmen, ohne dass der Klang im geringsten leidet. Eine Meisterleistung.

Dass ausgerechnet Mime, von Wagner als Spieltenor angelegt, in der Gestalt von Stephan Rügamer blass bleibt, liegt weniger am darstellerischen Engagement dieses hervorragenden Sängers. Es liegt eher daran, dass Regisseur Tcherniakov für die Figur keinen unverwechselbaren Platz in seinem prätentiösen Konzept für den „Ring des Nibelungen“ findet.

Dabei kann auf die enorme musikalische Wagner-Erfahrung der Staatsoper in Kombination mit dem ehrgeizigen Staatsopern-Neuling Thielemann ein dermaßen steiler Ansatz der Inszenierung durchaus aufgesetzt werden. Selbst dann, wenn das Konzept so ausfranst, wie es in diesem „Siegfried“ geschieht. Eintönig wirken mittlerweile die drei bis vier immer gleichen Büro- und Forschungsräume, in denen das Ganze spielt. Zauber möchte Tcherniakov partout nicht auf die Bühne bringen, und außer wenn Siegfried statt Schmiedefeuer seine Spielsachen verbrennt, wirkt das Ganze diesmal sehr grau in grau. Dass Tcherniakov auch auf die symbolischen Hauptrequisiten von Wagners „Ring“, den Speer und das Schwert, am liebsten verzichten würde, rächt sich – am Ende muss er sie doch unvermittelt hervorholen.

Siegfried ist kein Held, sondern ein Psychopath

Überzeugend ist aber: Die Titelgestalt ist kein Held – Siegfried ist vielmehr ein Psychopath. Das weiß das Publikum ab dem Vorspiel. In einer Videoeinspielung wird ein unglücklicher, etwa zehnjähriger Junge gezeigt, klaustrophobisch eingeschlossen in einer Legowelt und ständig gefilmt von seinen Peinigern, die offenbar ein Menschenexperiment mit ihm unternehmen. Entsprechend sieht der erwachsene Siegfried in Gestalt des Tenors Schager und durchgängig im blauen Trainingsanzug nicht viel Sinn in seinem Leben, steht rauchend in der Gegend herum und bedroht Menschen mit Bärenkostümen und einer abgebrochenen Waffe.

Was Wunder: Der Logik Tcherniakovs folgend ist Siegfried seit seiner Geburt in einem vergessenen Winkel der Forschungsanstalt E.S.C.H.E. eingeschlossen – jenes kafkaeske Riesengebäude auf einer Drehbühne, das Tcherniakov uns als Wagners „Ring“-Welt vorführt.

Alternde Wissenschaftler sind die manipulative Götterwelt

Der Wanderer verfolgt den jahrzehntelangen Versuch der Siegfried-Erziehung durch die getönte Scheibe des Labors mit, doch eigentlich ist dieser Forschungsdirektor längst in Rente, ebenso seine einstigen Mitarbeiterinnen Erda und die Rheintöchter und auch Alberich, der uns im zweiten Akt mit Gehhilfe begegnet. Sie geistern durch die Flure der Anstalt, während längst Jüngere, Unbekannte an den Konferenztischen sitzen. Auch die verstoßene Tochter Brünnhilde, die bei Wagner selbst Jahrzehnte auf einem von Feuer umgebenen Felsen schläft und auf den Helden wartet, hat Tcherniakovs Wotan weiterhin fest im Griff.

In seiner deprimierend manipulativen Götterwelt von alternden Wissenschaftlern sorgt Tcherniakov am Ende doch noch für einen Coup – wenn sich der seelisch verwahrloste Siegfried und die fremdgesteuerte Brünnhilde entgegen aller Wahrscheinlichkeit ineinander verlieben. Soviel Menschlichkeit wirkt am besten vor so trostloser Kulisse wie hier. Ob es noch Rettung für die Menschheit gibt, werden wir am Sonntag in der „Götterdämmerung“ erfahren.